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Lage der Sozialen Arbeit

Beiträge, die die Lage der Sozialen ARbeit thematisieren (z.B. Ökonomisierung, Prekarisierung, Deprofessionalisierung)

zwei neue Vortragstexte in der Zukunftswerkstatt

unter www.zukunftswerkstatt-soziale-arbeit.de findet ihr zwei neue Vortragstexte von Mechthild Seithe:

Vortrag in Hildritzhausen (Baden-Würtemberg) am 18.11.2015.mit den Thema: Weiterentwicklung oder Dekonstruktion der Jugendhilfe – Trends und Fakten

Vortrag in Bern (19.11.205) zum Thema:
Problematische Entwicklungen in der Sozialen Arbeit in Zeiten des Neoliberalismus

 

Obdachlosenarbeit "damals"- das war 1987

Durch Zufall fand ich die Schilderung von Harry Fenzel, eines ehemaligen Sozialarbeiters, über die ersten Jahre seiner Beruftstätigkeit in der Obdachlosenarbeit in Limburg an der Lahn (Hessen). 

Ich finde diesen Text und die Schilderung der Haltungen gegenüber den Obdachlosen, wie sie hier zum Ausdruck kommt, sehr beindruckend. Ich frage mich, ob eine solche Arbeit und solche sozialarbeiterische Haltungen heute noch möglich sind?

Harry Fenzel schreibt: 

Ich erinnere mich gerne an die erste Begegnung mit meinem damaligen Leiter. Jürgen M.,  im November 1988. Ich hatte gerade mein Anerkennungsjahr als Sozialarbeiter im Caritasverband für den Bezirk Limburg beendet und im Anschluss einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten. Meine Aufgabe formulierte der Geschäftsführer M. Sch. damals sinngemäß etwa so: „Im Dezember machen wir eine Einrichtung für Wohnungslose auf. Du kannst im Vorfeld schon mal Kontakt zur Szene aufnehmen. Im Diözesancaritasverband verteilt der Hausmeister Essensmärkchen, Unterwäsche und Strümpfe an Wohnungslose. Das kannst Du ja übernehmen. Im November kommt dann der Leiter für die neue Einrichtung". Das war im Sommer 1987, glaube ich.

Ich war jung, naiv und voller Tatendrang. In dem kleinen Raum im DiCV, in dem Wohnungslose bisher mit Essensgutscheinen und Unterhosen versorgt wurden, stellte ich ein Sofa und eine Kaffeemaschine auf, und nutzte so die Ausgabe von Almosen zur Begegnung mit wohnungslosen Männern und Frauen. 
Und ich staunte. Ich staunte über die Lebensgeschichten, die Schicksale, das Leid und die Kraft. Und über den Humor und die Kreativität, die die Menschen von der Straße an den Tag legten, um in dieser Welt klar zu kommen (und mir dabei noch den einen oder anderen „Heiermann“ aus der Tasche zu locken…).

Es blieb nicht bei Unterhosen und Essensmärkchen. Über Widersprüche setzten Wohnungslose mit meiner Unterstützung recht schnell die Drei-Tages-Regelung des Sozialamtes für die Auszahlung von Tagessätzen außer Kraft und es kam zu ersten Interessenbekundungen von wohnungslosen Männern für eine Aufnahme im Walter-Adlhoch- Haus, welches im Dezember eröffnen sollte. Und dann kam der neue Leiter.

Ich war neugierig wie mein künftiger Vorgesetzter sein würde. Er war mir als „ein erfahrener Mann der Wohnungslosenhilfe“, vom Geschäftsführer angekündigt worden. Soweit ich mich erinnern kann, empfing ich ihn Anfang November 1988 in meinem kleinen improvisierten Büro im sog. „Haus der Dienste im DiCV“.

Ich hatte sofort Vertrauen. Meinen jungfräulichen Erfahrungen mit wohnungslosen Menschen und dem von mir geschaffenen bescheidenen Setting begegnete er mit Respekt. Ich erlebte ihn zugewandt und zuhörend, ich fühlte mich ernst genommen. Er sprach über die Menschen, für die wir da sein sollten, voller Achtung und sehr schnell wurde klar, dass er niemand war, der erziehen wollte. Ich verstand sehr schnell, dass er Klienten nicht als Objekt, sondern als Subjekt begriff und dass er eine Vision hatte. Weg von der „fürsorglichen Belagerung“ hin zum emanzipierten Miteinander. „Wir haben es mit Erwachsenen zu tun, von denen jeder über eine gehörige Portion Lebenserfahrung verfügt.“ 
Kein Alkoholverbot, kein Nachtdienst. Bestehende gängige Verhältnisse und Glaubensätze - wie sie damals in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe bundesweit existierten - nicht nur hinterfragen, sondern verändern. Das reizte hatte ihn wohl zur Übernahme der Leitung des WAH gereizt: Zu beweisen, dass es geht: Benachteiligte und ausgegrenzte Menschen nicht mit Altruismus und Vorschriften zu ersticken, sondern Freiheit und echte Teilhabe anzubieten.

Walter O. war der Erste, den wir im WAH aufnahmen. Es war ein bewegender Moment, mit ihm, dem erwachsenen gestandenen Mann durch das noch leere Haus zu gehen und ihn sich ein Zimmer aussuchen zu lassen. Nein, keine Einzelzimmer, Doppelzimmer und sogar ein Sechs- Bett-Zimmer gab es. Blau-weiß karierte Bettwäsche und Metallbetten…

Und trotzdem: Aufbruchstimmung. Es dauerte nicht lange und das WAH war voll. Fremdenlegionäre und Zirkusarbeiter, gescheitere Diplomingenieure und Heiratsschwindler, Strafentlassene, Alleingelassene, Flüchtige, Opfer und Täter, Kleinlaute und Großspurige, Hungrige und - vor allem - Durstige… Immer wieder erlebten wir, dass erwachsene Männer die Bierdose reflexartig unter dem Tisch verschwinden ließen, wenn einer von uns den Aufenthaltsraum betrat. Die Männer waren es nicht gewohnt, dass es nicht verboten war Alkohol zu trinken. Sie durften Bier und ihren Fusel trinken, aber sie sollten die Regeln des Zusammenlebens respektieren. Schnaps war hingegen unerwünscht, auch wenn manche Fanta auffallend hell erschien und ich vermutlich heftig nach Luft geschnappt hätte, wenn ich einen Schluck dieser Limo probiert hätte.

Ich war beeindruckt von der Art und Weise, wie Jürgen M. mit den Männern die Auseinandersetzungen führte. Wie aufmerksam er zugehört hat und wie mutig er sich manchmal auch hat überzeugen lassen und per Handschlag Vereinbarungen treffen konnte. Und wie gut er überzeugen konnte und zwar gefordert, aber nicht überfordert hat. Nicht um seinetwillen, sondern immer, um sein Gegenüber wachsen zu lassen. Nie habe ich ihn von oben herab mit jemand reden sehen, sondern immer hat er die Begegnung auf Augenhöhe gesucht und auch gefunden. 
Und wie deutlich er auch sein konnte, wenn er sich über einen dieser Männer geärgert hatte. Aber nie verletzend. Nie habe ich erlebt, dass er seine Macht als Leiter missbraucht hätte gegenüber den Bewohnern. Sein Respekt und seine Achtung waren echt. Und das hat jeder gemerkt und so haben ihm selbst die wildesten Kerle ebenfalls Respekt gezollt.

Ich habe viel von Jürgen M. und den Wohnungslosen gelernt. Auch, dass diese Männer Spiegel für uns sein können. Für unseren Ehrgeiz, unseren Narzissmus, unsere eigene Bedürftigkeit. 

 

 

 

Mit Kindern Kasse machen - Kritik

Wenn Jugendhilfe zum Geschäft wird

Gestern Abend lief im 1. Programm zu später Sendezeit eine bemerkenswerte Dokumentation über die aktuelle Jugendhilfe.

Hier eine Kritik

Kinderschutz der Zukunft - in Hamburg und Bremen vorgemacht

Die MitarbeiterInnen der Jugendämter sind offenbar zu blöd und viel zu zimperlich für einen effektiven Kinderschutz. So zumindest muss man annehmen, wenn man sich die Entwicklungen und Argumente aus Bremen anhört. 

P.S. Da die KJH sowieso nur noch für den Kinderschutz da ist, könnten wir sie dann schließlich auch ganz entsorgen. Die Einsparungen wäre beträchtlich und man könnte damit endlich die Polizei angemessen ausstatten. 

Ist nur ein Vorschlag im Sinne des vorauseilenden Gehorsams.

aus dem Weser-Kurier in Bremen vom 26.11.2014

 
 
 

Möhle will Fachkräften für Kindeswohl intensiver schulen

Anke Landwehr 26.11.2014 

Es ist eine alarmierende Zahl: Im vergangenen Jahr sind in Bremen rund 600 Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen worden. Als häufigste Gründe werden Vernachlässigung und Misshandlung genannt. Um die Anzeichen dafür möglichst früh zu erkennen, strebt der sozialpolitische Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Klaus Möhle, eine flächendeckende Versorgung der Kitas und Grundschulen mit „Fachkräften für Kindeswohl“ an.

Seit dem Fall Kevin treibe ihn das Thema „massiv“ um, sagt Möhle. In Bremen habe sich danach zwar viel verändert, aus seiner Sicht aber reichen die bisher ergriffenen Maßnahmen noch nicht aus. „Das könnte man professioneller machen, als es zur Zeit ist“, findet der Politiker. Seine Idee: In die Schulungen der Fachkräfte für Kindeswohl und auch der Fallmanager sollen Rechtsmediziner und Profiler eingebunden werden. Mit ihrem Fachwissen könnten sie einen anderen, neuen Blick auf gefährdete Kinder und deren familiäres Umfeld eröffnen.

Zwei dieser Experten hatte Möhle gestern Abend zu einer Podiumsdiskussion vor Fachpublikum in die Bürgerschaft gebeten: Jan Sperhake ist Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Hamburg-Eppendorf und hat damals Kevin untersucht, nachdem der Zweijährige tot im Kühlschrank seines Ziehvaters gefunden worden war; Axel Petermann hat sich einen Namen als Profiler gemacht, als er noch für die Bremer Polizei tätig war.

Was Möhle für Bremen vorschwebt, wird in Hamburg bereits erprobt. Beim Verdacht auf Misshandlung, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung eines Kindes werden immer häufiger Rechtsmediziner hinzugezogen. Sie können zum Beispiel an den Wundmerkmalen erkennen, ob es sich tatsächlich um eine Misshandlung oder um durch einen Unfall verursachte Verletzungen handelt. Bis Ende des Jahres werden Hamburger Rechtsmediziner rund 350 Kinder untersucht haben. Sperhake: „Das geschieht in einer ruhigen, harmonischen Atmosphäre. Kein Kind wird zu etwas gedrängt, was es nicht will.“ Es sei noch gar nicht so lange her, dass „widerspenstige“ Kinder in Narkose versetzt worden seien, um sie zu untersuchen. „Das muss man sich mal vorstellen“, empörte sich Sperhake.

Er und seine Kollegen haben es oft mit Säuglingen und Kleinkindern zu tun. „Je jünger, desto gefährdeter sind sie“, sagt er. Fachkräfte für Kindeswohl zu schulen, das kann Sperhake sich gut vorstellen. Möhle fällt dazu wieder der Fall Kevin ein. Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes habe bei einem angekündigten Kontrollbesuch keine Auffälligkeiten festgestellt. Gerade im Drogenmilieu werde auf eine Art und Weise „getäuscht und vertuscht“, da müsse man ganz genau hinschauen.

„Und misstrauisch sein“, so Axel Petermann. Werde beispielsweise behauptet, das Kind sei gerade nicht da, empfehle sich „auch mal ein Blick ins Nebenzimmer“. Würde der Profiler Fachkräfte fortbilden, würde er ihnen erzählen, worauf sie in Fällen häuslicher Gewalt zu achten haben, um die handelnden Personen einschätzen zu können. Für Möhle war die gestrige Veranstaltung zunächst einmal „ein Experiment“. So oder so aber müsse das System der schnellen Erkennung von Kindeswohlgefährdung verbessert werden, glaubt der Politiker.

Sozialraumorientierung in der Diskussion

Detlef Schade: (November 14)

Der Geist in der Flasche. Berlin und seine "Sozialraumorientierung" - Teil 1

Ausschnitt

... nutzen die Verantwortlichen in den Bezirken die „Sozialraumorientierung" seitdem – als ein Instrument, das Kostenersparnisse zu erbringen hat. Seit einiger Zeit wird den freien Trägern in den Bezirken – explizit oder implizit – ab und an mal die Frage gestellt, wie es eigentlich sein kann, dass „Sozialraumorientierung" betrieben wird, sich das aber nicht in sinkenden HzE-Kosten bemerkbar mache. Was für ein Missverständnis! Der schüchterne Hinweis, dass „Fälle“ nicht von der Jugendhilfe (zumindest nicht in erster Linie), sondern der Gesamtheit der sie umschließenden gesellschaftlichen Bedingungen geschaffen werden, und dass „Sozialraumorientierung“, gleich, ob rudimentär oder vollständig umgesetzt betrieben, kein Sparkonzept darstellt, hilft selten, weil der finanzielle Druck auf die Bezirke immer mehr zunimmt.

hier der gesamte Beitrag einschließlich der Kommentare

von dort aus gelangt man leicht zum 2. und 3. Teil

Die Thüringer KollegInnen können es auch ...

Redaktionsteam 

„Erfurter Bündnis für gute Arbeit 
in der Sozialen Arbeit und der Kindheitspädagogik“ schreibt: 

Die Arbeit von Sozialarbeiter*innen und Kindheitspädagog*innen ist von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Auch in den nächsten Jahren wird der Bedarf an Fachkräften für die Arbeitsbereiche der Kindheitspädagogik und der Sozialen Arbeit ungebrochen hoch sein. Trotzdem wirkt sich der postulierte Fachkräftemangel bislang kaum im Sinne einer Verbesserung von Arbeitsbedingungen aus. Vielmehr wirken Rationalisierungs-, Ökonomisierungs- und Aktivierungsstrategien darauf hin, dass sich die Anforderungen an Fachkräfte erhöhen. Neben der Anerkennung durch gutes Einkommen und Beschäftigungsstabilität brauchen die Mitarbeiter*innen Rahmenbedingungen, die dazu beitragen, Arbeitsbelastungen sowie Personalausfälle und -wechsel zu reduzieren. Das wirkt sich nicht nur auf das Wohlbefinden der Beschäftigten aus, sondern dient der Sicherung fachlich guter Arbeit im Sinne der Adressat*innen sozial- und kindheitspädagogischer Angebote.

Aus diesem Grund fordern wir mit dieser Erklärung von Politik und Arbeitgebern in Thüringen:

*               Schluss mit dem Missbrauch des Subsidiaritätsprinzips

Staatliche Leistungen im sozial- und kindheitspädagogischen Bereich werden vielfach durch freie Träger erbracht. Die Entscheidung, ob und welcher freie Träger welche Aufgabe übernimmt, muss Regularien unterliegen, die eine Vergabe nach qualitativen Kriterien sicherstellt und den Einfluss rein fiskalischer Überlegungen für eine Trägerschaft minimiert. Es muss verhindert werden, dass in Verfahren der Anbieter gewinnt, welcher mit den niedrigsten Kosten und damit regelmäßig den niedrigsten Personalkostenansatz operiert. Es ist zu prüfen, welche privaten Dienste wieder in kommunale Trägerschaft zu überführen sind. Die derzeit gängige Praxis erfolgt zu Lasten der Arbeitnehmer*innen. Diesen Missbrauch zu beenden ist Aufgabe vor allem der Kommunalpolitik.

Weiterlesen: Die Thüringer KollegInnen können es auch ...

GEW Berlin Veranstaltung zur Bezahlung in der Eingliederungshilfe

Wir möchten unsere LeserInnen auf eine Veranstaltung hinweisen:

Die GEW BERLIN veranstaltet eine  Podiumsdiskussion zum Thema „Bezahlung bei freien Trägern der Eingliederungshilfe“ am 09.09.2014.

Alles Weitere im Anhang 

wir fordern zum 1. Mai

Zum Tag der Arbeit am 1. Mai fordern SozialarbeiterInnen

  • eine angemessene Bezahlung ihrer verantwortungsvollen und anspruchsvollen Arbeit! - statt

prekärer Arbeitsverträge und Unterbezahlung

  • die erforderlichen Zeit- und Personalkontingente, die es ermöglichen, gute und hilfereiche Arbeit zu leisten! - statt

zu knappe Zeiten und chronischen Personalmangel

  • Respekt und Anerkennung ihrer professionellen Arbeit  und Vertrauen in ihre fachliche Kompetenz !- statt

fachfremde Gängelei und unprofessionelle Vorgaben