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Beiträge, die etwas zur Kritik der herrschenden Gesellschaft beitragen - auch und besonders, wenn die Thematik über die Soziale Arbeit direkt hinausweist.

Leistung aus persönlicher Perspektive

Leistung

Es war zeit meines Lebens zumeist, vor allem im institutionellen Rahmen, so, dass Erwartungen und Anforderungen an mich gestellt wurden, dass ich in eine Rolle gepresst wurde, die ich nicht in der geforderten Form erfüllen konnte und wollte. Obwohl ich immer hoch motiviert gewesen bin. Und obwohl ich immer sehr gute Ergebnisse geliefert habe.

So waren beispielsweise die Umstände in meiner letzten industriellen (dienstleistungsorientierten) Arbeitsstelle so, dass es immer ausufernder wurde hinsichtlich angeordneter Mehrarbeit. Dass immer mehr Aufgaben erledigt werden mussten in gleicher Zeit. Dass die Termine immer weiter nach vorne gelegt wurden, um es den Kunden rechtzumachen (dass dabei nur kurzfristig gedacht wurde, um Verträge abzuschließen; und dass das aufgrund der Unmöglichkeit, die Leistungen in der geforderten Form zu erbringen, in immer mehr Kundenunzufriedenheit und -beschwerden mündete, das wollte man gar nicht sehen – die anderen Wettbewerber machen es ja schließlich genauso; und die meisten Kunden werden schon nicht abspringen, es kommen schließlich immer welche nach, sofern das heute überhaupt interessiert…).

Und das führte zugleich dazu, dass wir immer mehr Druck auf die Lieferanten ausüben sollten, um den Anforderungen, die an uns MitarbeiterInnen gestellt wurden, gerecht werden zu können. Durchsetzungskraft nennt man das im leistungsparadigmatischen Jargon.

Neben einer stetig wachsenden Krankheitsquote wirkte sich das in mehrfacher Hinsicht auf uns MitarbeiterInnen ausgewirkt:

Die einen wurden immer gleichgültiger, haben darauf geschissen und Dienst nach Vorschrift gemacht.

Die anderen haben immer mehr gemeckert, unter vorgehaltener Hand über die Chefs, und dann vor allem auch über die Lieferanten, denen sie die Schuld gaben, wenn z.B. die Termine nicht eingehalten wurden. Diese wurden dann schnell verunglimpft, während in Mitarbeiterbesprechungen vor den Chefs und widrigen Arbeitsbedingungen gekuscht wurde (nach oben ducken, nach unten spucken).

Ich habe zumindest versucht, mich zu wehren. Habe gesagt, dass ich die Mehrarbeit nicht mehr mitmache, weil ich noch ein Leben habe. Dass ich Kunden und Lieferanten sagen würde, dass diese Leistungen so nicht zu erfüllen sind, weil allein schon die computersystemischen Voraussetzungen dies nicht ermöglichen. Ich habe in Telefonkonferenzen und Mitarbeiterbesprechungen auf die bestehenden Missstände hingewiesen. Und was passierte? Teilweise wurde mir intern sogar von oben rechtgegeben, mir aber vorgehalten, meine Kritik nicht äußern zu können. Oder ich war der Querulant, derjenige, der sich zu viele Gedanken macht. Weil Situation und Vorgaben eben so sind, und man daran nichts ändern könne. „Das ist einfach so, also machen wir das so“ (nicht denken, machen).

Und ich habe (mit-)gemacht, immer sehr gute Arbeit geleistet, den größten Kunden übernommen, wurde von den Lieferanten als erster Gesprächspartner gewünscht. Auch weil ich eben noch die Menschen gesehen habe, mich mit den Lieferanten über die Umstände ausgetauscht und ihnen erklärt habe, warum die Anforderungen und Termine so sind, warum sie umgesetzt werden sollten, auch wenn sie noch so wenig umgesetzt werden konnten. Das Schlimme ist, genau die Lieferanten, die am verständnisvollsten waren, die haben sich am meisten ausbeuten lassen. Sind für einen Appel und Ei dann eingesprungen, wenn es am meisten brannte. Und so ähnlich ging es auch mir, ich habe mich einspannen lassen, sollte immer mehr Druck und Kontrolle ausüben, während ich zugleich von oben diszipliniert wurde. Ich habe immer versucht, kooperativ zu bleiben, Aufgaben gemeinschaftlich zu lösen, während unternehmensintern offen kommuniziert wurde, dass man sogar gegen andere Abteilungen arbeitet.

Das hat mich immer wütender und trauriger gemacht. Und das hat mich krank gemacht, ich wurde leicht depressiv und bekam immer größere Ängste. Die sich dann auch auf andere Lebensbereiche auswirkten. Die Diskrepanz zwischen dem Menschen, der ich sein sollte, der funktionieren sollte, und dem Menschen, der ich wirklich bin, wurde immer größer. Nur wusste ich damals nicht, wer ich wirklich bin. Machte es an den nicht erfüllbaren Anforderungen fest. Auch daran, dass ich diesen nicht gerecht werden konnte. So dass es den Anschein erweckte, es lag an mir. heute weiß ich, dass es nicht an mir lag. Dass ich nicht derjenige bin, bei dem etwas falsch lief. Sondern dass es meine Rolle und die Arbeitsumstände gewesen sind, die krank waren.

Erst durch eine Auseinandersetzung mit mir selbst, durch meine wundervolle Therapeutin, bekam ich einen Blick dafür, wie ich funktioniert habe. Ich habe meine Gedanken, Gefühle und Reaktionen verstanden. Ich bekam einen besseren Blick für mich selbst. jedoch immer noch in die Richtung, dass ich derjenige bin, der sich besser verstehen, aber eben den gegebenen Umständen so gut wie möglich gerecht werden muss. Die Umstände und Zusammenhänge selbst, ihr Wirken auf die Menschen und ihre Kräfte und Wirkungen zum Beispiel auf der Arbeit, die verstand ich noch nicht. Den Blick dafür bekam ich erst durch die Auseinandersetzung mit Marx, Freud, Adorno, Fromm, Bourdieu, Foucault, Seithe, Lessenich und viele mehr (mit deren Theorien und Analysen ich mich dank meines Studiums und einiger DozentInnen auseinandersetze). Erst deren Erkenntnisse haben mir die Augen über die gesellschaftlichen Umstände geöffnet. Erst durch sie verstehe andere Menschen, mein Verhältnis zu ihnen und mich selbst in meiner Wechselwirkung mit den gegebenen. Und durch dieses Verstehen weiß ich heute, dass meine Erkrankung ein Zeichen oder besser Symptom dafür war, dass ich noch Mensch geblieben bin. Dass ich nicht nur funktioniere. Und dann ich nicht nur funktionieren kann, wenn ich gesunde bleiben will. Dass ich mich deshalb nicht mehr in Anforderungen und Vorgaben pressen lasse, die ich für falsch halte. In denen ich unmenschlich behandelt werden und Unmenschlichkeiten weitergeben soll. Vielleicht liege ich dabei dann auch nicht immer richtig. Aber zumindest denke ich über „richtig“ und „falsch“ nach, reflektiere verschiedene Ansichten und mich. Und bleibe damit immer mehr und besser bei mir. Versuche zumindest, (mehr) ich selbst zu sein und bleiben. Wenn es so etwas wie Leistungsstärke und Durchsetzungskraft gibt, dann sehe ich diese Stärken in eben dem Selbstbewusstsein, dass ich heute habe. Aber nicht in meinem Denken und Handeln, dass ich zum Beispiel an meiner alten Arbeitsstelle verkörperte. Das war menschlich, aber eben auch schwach. Obgleich ich das Leben für manche Kunden und Lieferanten vielleicht angenehmer gemacht habe. Am Ende hatte ich damit an den Ursachen der Missstände nichts verändert.

Und mein Wunsch ist es, genau das heute auch weiterzugeben. Denn gerade in der Sozialen Arbeit werden wir immer mehr in scheinbar alternativlose Umstände gepresst, sollen immer mehr Anforderungen im Sinne von „das ist so, also macht das so“ weitergeben. Sollen die Menschen funktionieren lassen, sollen sie entsprechend anpassen und disziplinieren. Ohne zu reflektieren, was das mit uns machen kann und was das mit den Menschen machen kann, die wir eigentlich unterstützen wollen. Ohne uns der Werte zu besinnen, warum wir genau diesen Weg eingeschlagen haben. Sicher nicht, um standardisierte Methoden am Menschen anzuwenden, sie quasi zu operieren. Und sicher auch nicht, um Menschen zu sanktionieren. Und damit das nicht passiert, versuche ich dazu beizutragen, dass wir uns zumindest Gedanken machen. Über die Umstände, die uns treiben. Und die Zusammenhänge, die uns in unserer Arbeit und persönlich beeinflussen. Damit wir uns nicht immer mehr in Rollen pressen lassen. Damit wir noch Mensch bleiben. Und unsere Gegenüber nicht als Objekte bestimmter Interessen sehen. Sondern als Menschen, die dazu fähig sind, selbstbestimmt über ihr Leben zu entscheiden.

Ich weiß natürlich, dass nicht alle Menschen in allen Punkten so ticken wie ich. Dass wir alle unterschiedlich sind. In vielerlei Hinsicht. Aber eines sind wir eben doch alle: Menschen. Die es verdient haben, in ihrer Würde geachtet zu werden. Und die deshalb auch alle andere Menschen in ihrer Würde achten (sollten).

Und weil ich überzeugt bin, dass Marx, Adorno, Bourdieu & Co. in vielen Punkten den Nagel auf den Kopf getroffen haben, bin ich auch überzeugt, dass ich nur Mensch bleiben kann, wenn ich nicht unhinterfragt weiter mitspiele. Und mich den Vorgaben nicht unreflektiert ergebe. Auch auf die Gefahr hin, mal daneben zu liegen. Denn natürlich sind nicht alle Normen „falsch“ oder „schlecht“ und werden von mir auch in meinem Handeln befolgt. Und selbstverständlich kann auch nicht über alle Regeln und Gewohnheiten nachdenken. Aber wenn es um mich als Menschen und um mein Zusammenwirken mit anderen Menschen geht – zum Beispiel im institutionellen Rahmen – dann werde ich eben nicht nur mich persönlich, sondern auch die Umstände reflektieren. Um sowohl mir als auch anderen als Mensch zu begegnen. Und im Sattel zu bleiben, anstatt mich von den Dingen reiten zu lassen.

Schließlich weiß ich eines heute auch: Ich habe in meinem alten Job die geforderte Arbeit auch deshalb so kritisiert, weil ich glaubte, dass ich zu wenig Geld für das bekomme, was ich tue bzw. von mir gefordert wurde. Heute weiß ich, dass ich noch so viel Geld dafür hätte bekommen können. Dass das an den unmöglichen Umständen nichts geändert hätte. Dass das weder den mir noch den Lieferanten mit Blick auf das menschliche Sein geholfen hätte. Und das ist die Erklärung dafür, warum ich heute die ständigen, oft einseitigen Forderungen nach mehr Geld (im Sinne von Gehalt) für SozialarbeiterInnen so kritisch sehe. Denn auch wir sind dafür verantwortlich, dass immer mehr von uns gesucht werden. Denn auch wir tragen dazu bei, dass es immer mehr in der Gesellschaft gibt, die auf Unterstützung angewiesen sind, weil sie zum Beispiel psychisch erkranken. Weil auch wir, indem wir die strukturellen Gegebenheiten nicht reflektieren, jene Umstände reproduzieren und verfestigen, die Menschen erst in ihre schwierige Lage bringen. Das geschieht umso mehr, desto mehr wir uns in festgelegte Rollen pressen lassen und andere Menschen in bestimmte Rollen pressen. Und wenn es uns nun vordergründig nur noch ums Geld in der eigenen Tasche geht, und genau den Anschein erwecken wir fortwährend, dann verstärken wir die Umstände und Rollen nur noch mehr. Dann besteht die Gefahr, dass wir den Menschen in uns und was uns wirklich ängstlich und wütend macht weiter aus den Augen verlieren. Und dass wir die Menschen um uns herum weiter aus den Augen zu verlieren. Natürlich müssen wir auch materiell gut leben können, aber wir müssen auch so leben und arbeiten können, dass wir Mensch bleiben und den Menschen im Blick behalten. Und das steht nicht mit dem Geld, sondern damit, wie wir mit uns und miteinander umgehen. Welche immateriellen Werte zählen und gefördert werden. Auch diese müssen wir in den Vordergrund schieben. Mehr noch als für mehr Geld, müssten wir für diese um Anerkennung ringen. Allein schon uns selbst zuliebe.

Wenn jedoch auch unser Antrieb im Zusammenwirken mit anderen Menschen hauptsächlich das Geld und immer mehr davon ist. Wenn ich zugleich auf die Zerstörungswut des Menschen in den letzten zwei- bis dreihundert Jahren blicke. Wenn ich die vielen Millionen Kriegsopfer, die maßlose Umweltzerstörung, die unaufhaltsame Ausbeutung der Natur mitsamt der Ausrottung vieler Arten sehe. Wenn ich über Fukushima und Lampedusa nachdenke. Wenn ich das Wiederaufleben autoritärer Regime und Meinungsbilder vor allem in den westlichen (zumindest auf dem Papier noch) Demokratien bedenke. Dann frage ich mich, wie grausam wohl der nächste Kollateralschaden sein muss, damit sich unsere Sicht auf Welt, Gesellschaft, Natur und uns selbst wieder verändert. Damit wir uns alle wieder in den Sattel setzen, anstatt immer mehr von den stets verkündeten Alternativlosigkeiten, den damit einhergehenden staatlichen Erwartungen und Marktanforderungen, mithin dem Geld geritten werden. Wenn uns das ohne Kollateralschaden gelingt, dann haben wir wirklich etwas geleistet. Und wenn uns das schon im Kleinen, im Umgang mit den Menschen und der Natur um uns herum, und nicht zuletzt auch im Umgang mit uns selbst gelingt, dann können wir auch heute schon ganz viel leisten und jedeR für sich einen kleinen Stein zur Veränderung ins Rollen bringen.

Diskussionspapier eines Lesers zur Tarifauseinandersetzungen: SozialarbeiterInnen und ErzieherInnen

Das Diskussionspapier wurde uns von Lothar Hellwich-Heuer                                                                                                    lothar.hellwich-heuer@gmx.de zugesandt:

Diskussionspapier zur Strategie von Verdi in den Tarifauseinandersetzungen im Bereich der SozialarbeiterInnen und ErzieherInnen, sowie die Rolle der Kommunalpolitiker, der Politiker der Länder und der Bundespolitiker

Lt. Spiegel- Online vom 25.06.15 (Gehaltsstudie der Bertelsmann Stiftung) wird sich das Gehalt im Sozial- und Gesundheitswesen von 2012 bis 2020 um durchschnittlich 1050 Euro inflationsbereinigt erhöhen, wer dagegen in  Branchen mit Produktivitätszuwächsen arbeitet, wird sich, wie z.B. in der chemischen- oder pharmazeutischen Industrie, über 6200 Euro inflationsbereinigt freuen können.

In der Zeit der Wirtschafts- und Bankenkrisen zwischen 1990 und 2008 hatten die Sozialarbeiter bereits inflationsbereinigt Kaufkraftverluste von – 18 % hinnehmen müssen, die Grund-,Haupt- und Realschullehrer -21%, Psychologen gar -27% (Stern 2/2010)

„Diese Entwicklung ist bedenklich, denn wachsende Ungleichheit beeinträchtigt die Zukunftschancen sowohl der Menschen, als auch unserer Wirtschaft und Gesellschaft als Ganzes!“ wird Aart de Geers, Vorsitzender der Bertelsmann Stiftung, bei Spiegel Online zitiert.

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Gedanken eines Lesers

Gedanken zur Sozialen Arbeit  mit den Klienten in unseren Zeiten unter neoliberalistischem Einfluss                                                                                     oder: ein Diskussionsbeitrag zur Betrachtung der Positionen von Klienten

Ein Beitrag, der uns von Lothar Hellwich-Heuer aus Braunschweig   zugeschickt wurde.  Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Folgender Text entstand im Sommer 2015 aus den Diskussionen, die ich mit KollegInnen, die ebenfalls im Rahmen ihrer Tätigkeit in einem  Jugendamt mit Klienten tätig sind, führte. Die Inhalte sollen den sturen ergebnisorientierten Blick, der sich aus den Bedingungen der Arbeit in der Institution einschleicht, aufweichen, den Blick auf weitere Bedingungen der Arbeit und der Klienten ermöglichen. Bei mir hält sich die Hoffnung, dass damit sich auch die persönliche Haltung und die Strategien, mit denen der einzelne Sozialarbeiter, die Sozialarbeiterin für die Klienten innerhalb der Institution arbeitet, sich sinnvoll verändern können.

Grundannahmen:

Wir nehmen hin, dass die Strukturen unserer Arbeit stetig zu unserem eigenen Nachteil, aber auch zum Nachteil der Klienten verändert werden, während die Recourcen für die eigentliche Soziale Arbeit verknappt werden, wird die zu leistende Arbeit verdichtet, der reine Verwaltungsaufwand steigt stetig an, der eigene Entscheidungs- und Handlungsfreiraum bleibt zunehmend in Verwaltungsvorschriften und -regelungen hängen.

Weiterlesen: Gedanken eines Lesers

Inklusion - Beitrag zur Blogparade

 einmischen.com

Anmerkungen zum Thema INKLUSION

Unabhängiges Forum kritische Soziale Arbeit

 

Ein kritischer Blick auf den Begriff in aller Munde: INKLUSION 

 

Vorbemerkung:

 

Als ich neulich mit der Broschüre „Inklusion“ der Bundesregierung unter dem Arm bei meinem Hausarzt ins Behandlungszimmer trat, bemerkte er: „Inklusion? Das ist eine sehr zweifelhafte Sache! Wissen  Sie das?“  Ich hatte den dicken Band dabei, weil ich mir damit die lange Zeit im Wartezimmer vertreiben wollte. 
„Wieso?“ fragte ich überrascht. „Na meine Sonderschülerinnen, die bisher einigermaßen gut beschult worden sind, gehen seit kurzem in die normale Grundschule, wo sie sich durch die Bank überfordert fühlen. Aber einmal in der Woche kommt für eine ganze Stunde eine Sonderschullehrerin und gibt ihnen Stützunterricht. Was ist das für eine Inklusion, die die Menschen hereinholt und dann alleine stehen lässt? Da geht es nur ums Sparen. Alles andere ist Süssholzgeraspel.“
 

Interessant, dachte ich und brachte das Thema dann doch erst mal auf meine Rückenschmerzen. 

Aber tatsächlich, ich hatte die ganze Zeit, während ich die schönen, warmen Worte in diesem Band las, das Gefühl, über eine riesige, wunderschöne Blumenwiese zu gehen. Aber immer, wenn ich mich bückte, um eine Blume zu pflücken, war sie aus Plastik und strömte einen künstlichen Duft aus.

   

Was bedeutet Inklusion heute wirklich?

 Michael Winkler hat schon 2010 in einem Vortrag die wesentlichen Punkte genannt, die diese Inklusionslyrik so gefährlich machen und die die dahinter stehenden Absichten und Praxen entlarven können: 

Der Begriff der Inklusion erscheint zunächst als ein Begriff, der auf eine gerechtere, humanere Welt zielt.

In Abgrenzung zum Begriff der Integration meint Inklusion, Menschen als Individuen mit ihren Unterschiedlichkeiten und Differenzierungen völlig gleichberechtigt an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen; besser noch: ihre Beteiligung zu erkämpfen. Die Akzeptanz von Andersartigkeit, das Recht auf Scheitern und Abweichungen von der Norm bestimmt das Maß an Inklusion.

Eine besondere Bedeutung erhält der Begriff der Inklusion in Bezug auf die Rolle behinderter Menschen in der Gesellschaft, insbesondere im Kontext der Beschulung behinderter Kinder: „Die noch vor vierzig Jahren völlig gängige Praxis der Segregation, Isolation, Fremdbestimmung und Benachteiligung von behinderten Menschen, deren Alltag von der Exklusion in Sondereinrichtungen und dem abgeschnitten Sein von allgemeinen gesellschaftlichen Ressourcen geprägt war, mündete zu dieser Zeit in einer immer stärker werdenden Protestbewegung gegen diese Ungleichbehandlung. … Im Fokus der gegenwärtigen Diskussion stehen besonders die schulischen Veränderungen“ (Siegel 2014 ).

 Winkler erläutert:

 „Mit Inklusion wird also das anspruchsvolle Programm vorgetragen, Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit, in ihrer je besonderen Verfassung, die sie aufgrund ihrer Naturausstattung, ihrer Lebensgeschichte, aufgrund von Krankheit oder besonderer biographischer Entwicklung haben oder erleiden mussten, zuerst Würde zukommen zu lassen …“ … „Deutlich wird das kritische gesellschaftskritische Element des Ansatzes, das nicht nur in der Erinnerung an Würde als zentrale Kategorie des neuzeitlichen humanen Selbstverständnisses und als Grundsatz aller modernen Verfassung erinnert, sondern zugleich ins Bewusstsein hebt, dass und wie Würde eben nicht realisiert wird. “… „Menschen sollen also – und das klingt angesichts der Dramatik von Exklusionsprozessen viel versprechend – durch unterschiedlichste Maßnahmen in eine Gesellschaft zurückgeführt werden, aus der sie ausgeschlossen worden sind“.

Gilt Inklusion auch für Menschen mit sozialer Benachteiligung?

Es ist aber bei dieser Inklusions-Vision – zumindest jenseits der Fragen der Beschulung behinderter Kinder oder der Lebenslage behinderter Menschen überhaupt – offensichtlich gar nicht an diejenigen gedacht, die die Gesellschaft bisher, statt sie zu integrieren, ausgeschlossen hat, deren Ausgeschlossenheit auf gesellschaftlich bedingten Benachteiligungen beruht.

Was hier beschworen wird, hat insofern mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit nichts zu tun. Von der Tatsache, dass in unserer Gesellschaft Menschen auf grund ihrer Armut bzw. ihrer angeblichen Nutzlosigkeit zu Überflüssigen gezählt und gemacht werden, ist hier nicht die Rede. Insofern klingt dieser schöne Traum wie eine Ablenkung von der sozialen Wirklichkeit unserer Verhältnisse. Der Traum richtet sich offenbar an die, die ihn sich leisten können und die in einer Welt leben, in der es Armut, Behinderung, Arbeitslosigkeit, Deprivation und Exklusion gar nicht gibt.

So stellt auch Winkler fest:

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Hartz IV Kritik - politisch gesehen

Christel's T.s Blog

27.11.14

Sollen die Jobcenter wirklich “nur” Niedriglohn erzwingen?*

Es ist unter Erwerbslosenorganisationen und Gewerkschaften kaum umstritten, daß der Zweck von Hartz IV und der gesamten Agenda 2010 ist, im Namen der Wettbewerbsfähigkeit Niedriglöhne gegen die eigene Bevölkerung durchzusetzen.
Diese Zielsetzung kann der Gesetzgeber aber nicht offen einräumen, denn das politische Ziel, die Löhne zu senken, kann keine Maßnahmen gegen Individuen rechtfertigen, wie etwa die Sanktionen in Hartz IV. Zudem würde dies offen (statt verdeckt) in die Tariffreiheit eingreifen, die ermöglichen soll, daß die Interessen von ArbeitnehmerInnen von unabhängigen Gewerkschaften vertreten werden.

Weiterlesen: Hartz IV Kritik - politisch gesehen

Flüchtlinge schützen! Es wäre an uns, Alarm zu schlagen.!

Die aktuelle Flüchtlingsproblematik spült die ganze rechte Gesinnung eines großen Teils der Bundesbürger an die Oberfläche (s. z.B. den Spiegel online Bericht): 

Vermeintlich gute Bürger meinen Arlarm schlagen zu müssen gegen moslemische Menschen und all die Flüchtlinge, die ihrer Meinung nach hier nichts zu suchen haben und nur unseren friedlichen Wohlstand bedrohen. Die sozialrassistischen Meinungen werden offen und ohne jede Hemmung laut verkündet. 

Wundern sollte sich darüber keiner.
Dies ist seit langer Zeit direkter oder indirekter Tenor der meisten Medien und vieler PolitikerInnen. Und es entwickelt sich dieser Ungeist Hand in Hand mit der Verachtung und Ausgrenzung all der Menschen in unserem Land, die eben keine Leistungsträger sind oder auch sein wollen. Der übliche und von den Verantwortlichen geduldete Umgang mit den Menschen, die z.B. auf Jobcenter angewiesen sind, spricht diese menschenverachtende Sprache schon seit geraumer Zeit.
Und wie praktisch, wenn es jetzt noch jemanden gibt, den man noch mehr verachten kann als die eigene Unterschicht! Denn da kann dann auch eben diese Unterschicht wieder mitmachen, da gehören sie wieder mit ins deutsche Boot!

Und in diesem Boot fordert man dann die ohnehin nur noch als Almosen zu bezeichnenden "sozialstaatliche Wohltaten" wie die "Arche" oder die "Tische" für die eigenen armen Kinder.

Flüchtlingsthema

Das allein ist ein Skandal: Wir, die kritische Soziale Arbeit fordern von unserer Politik die Erfüllung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes und keine Almosen - und das für alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland, nattürlich auch für minderjährige Flüchtlinge.

 
Der deutsche Bürger aber scheint anderer Meinung zu sein, nach dem Motto:"Wir haben unsere eigenen Armen, die wir irgendwie notdürftig am Leben erhalten müssen. Das reicht uns gerade. Mehr wollen wir hier nicht durchfüttern. Und schon gar nicht solche!"

Verdammt noch mal: Da ist was oberfaul im Staate Deutschland! 

Pauschalierende Entgeltsysteme für Psychiatrie und Psychosomatik

Weg mit PEPP!

Das pauschalierende Entgeldsystem für Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) geht an den Bedürfnissen psychisch kranker Menschen vorbei.

Petition (Erstunterzeichnerin u.a. Soltauer Initiative)

zur Begründung

In einem Blog (opablog) äußert sich zu dieser Petition eine Dame folgendermaßen:

"Diese ATTAC Initiative ist sehr bedauerlich. ... Mit Verlaub, wollen Sie denn Gutmenschen, die nur wie Gutmenschen scheinen unterstützen? Natürlich ist es die richtige Richtung, Anreize zu schaffen, dass Menschen nicht unnötig die Freiheit entzogen wird. Da ist das ein Schritt in die richtung von dem was unser Sozialsystem fordert, nämlich eine “notwendige, hinreichende und zweckmäßige” Krankenversorgung und kein unnötiges Prolongieren eines vom Betroffenen ungewünschten Unterbringens... Die Forderung müßte in die Richtung gehen, dass Gelder für Kriseninterventionen anderer Art als der geschlossenen Unterbringung in der Psychiatrie auf Krankenschein zur Verfügung zu stellen sind".

Ein anderer schreibt:

"Den Iniatiatoren ist geht es nur um eins. Um die Erhaltung der Honigtöpfe. Es ist bekannt, dass man sich in der Psychiatrie Dumm und dämlich verdient und quersubventioniert wird".

Kommt uns als SozialarbieterInnen das nicht sehr bekannt vor?

Die lieben Mitmenschen übersehen die eigentlichen Verursacher der Problemlagen in unseren Arbeitsfeldern und begreifen sie nicht als die Folgen einer neoliberalen Vermarktungspolitik und eines neuen, ökonomisch gesteuerten inhumanen Menschenbildes, das seit Jahren die Praxis im Sozialbereich wie im Gesundheitswesen verengt und verschlechtert. Stattdessen weisen sie  die Schuld für diese Probleme einfach mal den dort Arbeitenden zu, denen man vorwirft, sich ihre Arbeitsplätze erhalten und sich eine goldene Nase verdienen zu wollen.

Welche verquere Sicht! Welche Blindheit vor den eigentlichen Hintergründen der Probleme!

In den opablog-Beispielen geht es im Kontext des Mollath-Skandals um die offenbar zunehmende Tendenz unserer Gesellschaft, Menschen über die Psychiatrie mundtot zu machen, sie gegen ihren Willen mit Medikamenten still zu stellen und einfach gewaltsam festzuhalten. Diese Tendenz soll hier durchaus nicht bestritten, sie muss offen gelegt und unterbunden werden. Wir kennen diese Problematik selbst ja auch aus der Diskusssion um die geschlossene Unterbringung in der Jugendhilfe) -
Aber diese hoch problematischen Erscheinung einer Indienstnahme der Psychiatrie für das Wegsperren unangenehmer Zeitgenosen ist "nur" Zeichen einer zunehmnde autoritären und menschenfeinlichen gesellschaftlichen Entwicklung. Sie den angeblich geldgierigen und scheinheiligen MitarbeiterInnen in die Schuhe zu schieben ist ein starkes Stück.
Aber dass das so ist, darüber sind die leiben Mitmenschen sich ganz schnell einig. Da lohnt es sich nicht einmal, die Petition und ihre Begründung genau zu lesen. Denn so merken die Autoren solcher Kommentare nicht einmal, dass Die Initiative gegen PEPP verschiedene ihrer Forderungen unterstützt.

Aber weil ihnen auf Grund von individuellen Erfahrungen und einer leichtfertigen Generalisierung solcher Erfahrungen Psychiatrie grundsätzlich etwas Überflüssiges und Gefährliches erscheint (was wiederum die Notlagen seelisch Kranker unterschätzt und eigentlich auch verhöhnt) möchte man sie am liebsten abstellen - statt Forderungen zu unterstützen, die zu einer Veränderung der jetzigen Verhältnisse führen bzw. eine weitere Enthumanisierung verhindern könnten.

So reagieren viele, sogar und gar nicht selten auch Linke auf die Forderungen der Profession Soziale Arbeit nach der Abschaffung der deproffessionalisierenden Finanzierungs- und Arbeitsbedingungen - nach dem Motto: "Die Sozialarbeiter, die passen Menschen doch nur an das System an, sowas wollen wir gar nicht erst unterstützen, dann passen sie die Menschen nur noch besser an."

Demonstranten von Polizei übel behandelt

Nein, ich meine nicht Ankara oder Istanbul. Davon hören wir immer wieder. Ich meine Frankfurt a. Main vor wenigen Tagen, 1.6.2013.

Über die brutale Beandlung von Menschen in Deutschland, die ihr Recht auf Demonstration wahrnehmen, verlieren die Medien bei uns kaum ein Wort.
Unsere SozialarbeiterInnen-Demonstrationen in Berlin, zu der immer hin 1000 SozialarbeiterInnen und bei -4 Grad Celsius noch mal 600 KollegInnen gekommen waren, wurde  eisern und wie verabredet geschwiegen. Wofür muss man hier eigentlich demonstrieren, wenn man beachtet und auch noch wie Menschen mit demokratischen Rechten behandelt werden will? Ich mag es mir nicht ausmalen!

Dem Forum wurde von Manfred Baberg (attac)  folgende Stellungnahme zu diesen Ereignissen zugeschickt:

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