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Diskussionspapier eines Lesers zur Tarifauseinandersetzungen: SozialarbeiterInnen und ErzieherInnen

Das Diskussionspapier wurde uns von Lothar Hellwich-Heuer                                                                                                    lothar.hellwich-heuer@gmx.de zugesandt:

Diskussionspapier zur Strategie von Verdi in den Tarifauseinandersetzungen im Bereich der SozialarbeiterInnen und ErzieherInnen, sowie die Rolle der Kommunalpolitiker, der Politiker der Länder und der Bundespolitiker

Lt. Spiegel- Online vom 25.06.15 (Gehaltsstudie der Bertelsmann Stiftung) wird sich das Gehalt im Sozial- und Gesundheitswesen von 2012 bis 2020 um durchschnittlich 1050 Euro inflationsbereinigt erhöhen, wer dagegen in  Branchen mit Produktivitätszuwächsen arbeitet, wird sich, wie z.B. in der chemischen- oder pharmazeutischen Industrie, über 6200 Euro inflationsbereinigt freuen können.

In der Zeit der Wirtschafts- und Bankenkrisen zwischen 1990 und 2008 hatten die Sozialarbeiter bereits inflationsbereinigt Kaufkraftverluste von – 18 % hinnehmen müssen, die Grund-,Haupt- und Realschullehrer -21%, Psychologen gar -27% (Stern 2/2010)

„Diese Entwicklung ist bedenklich, denn wachsende Ungleichheit beeinträchtigt die Zukunftschancen sowohl der Menschen, als auch unserer Wirtschaft und Gesellschaft als Ganzes!“ wird Aart de Geers, Vorsitzender der Bertelsmann Stiftung, bei Spiegel Online zitiert.

Anhand der derzeitigen Diskussion über die Finanzierung der Unterbringung der Asylbewerber zeigt sich, dass die Verteilung der Kosten für soziale Aufgaben zwischen Bund, Ländern und Kommunen dringend einer Reform bedürfen, dass das veranschlagte  Steueraufkommen der Kommunen für die sozialen Aufgaben nicht ausreicht.

Die schon lange überfälligen Forderungen von VERDI nach Aufwertung der Tätigkeiten in den Sozial- und Erziehungsdiensten werden viele Kommunen (einige geben schon heute für ihre gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben im sozialen Bereich mehr als 50 % ihres Jahresetats aus) völlig überfordern. Mit diesem Argument sind die Verhandlungsbeauftragten des Kommunalen Arbeitgeberverbandes in die Tarifverhandlung mit VERDI gezogen und geben sich entsprechend vereinbarungsresistent.

Weder die derzeit sprudelnden Steuerüberschüsse noch vereinzelte Zugeständnisse des Bundes und einiger Länder an die überforderten Kommunen werden diese strukturelle Finanzierungsproblematik langfristig ausreichend lösen.

Ich selber bin in großer Sorge um den Nachwuchs in allen Bereichen der beruflichen Tätigkeiten, die sich mit der Arbeit für die einzelnen Menschen, am Menschen und mit den Menschen im Bereich der Bildung sowie mit der physischen oder psychischen Gesundheit oder aber der Absicherung der Menschen in Notlagen befassen. 

Da diese beruflichen Tätigkeiten in der Regel aus Steuerabgaben, Sozialversicherungs-abgaben oder Krankenkassenbeiträgen finanziert werden, sind diese Bereiche zum Zwecke von Haushaltskonsolidierungen und zum Erhalt niedriger Steuer- und Beitragssätze seit Jahrzehnten nicht ausreichend attraktiv mitentwickelt worden, konnten sich die Gehälter nicht analog der vergleichbaren Berufsgruppen mit den vergleichbaren Ausbildungsabschlüssen in der Arbeitswelt mit Produktivitätszuwächsen entwickeln, wie den Menschen die in diesen Bereichen tätig sind, auch die für ihre Arbeit erforderlichen Recourcen nicht mehr ausreichend zur Verfügung gestellt werden.

Schon heute gelingt es in vielen Kommunen nicht mehr ausreichend Bewerber zu interessieren und auszubilden, da die Berufe allein von der zu erwartenden Bezahlung nicht ausreichend attraktiv sind.

Zudem ist die Fluktuation der MitarbeiterInnen in diesen Bereichen viel zu groß, so flüchten viele MitarbeiterInnen der besonders belastenden Arbeit der Sozialen Dienste in vermeintlich weniger belastende Tätigkeiten, eine vertrauensvolle langfristige Arbeit mit den betroffenen Familien lässt sich so nicht aufbauen, die Abteilungen sind ständig durch Anwerbungsverfahren blockiert.

Nach Sozialarbeitern wird immer wieder gerne gerufen, wenn soziale oder psychische  Problematiken sich in den Kommunen als Strukturproblem mit negativen Auswirkungen für die „Öffentliche Ordnung“ ausbreiten, wie sie auch die im Sozialgesetzbuch vorgeschriebenen Aufgaben der Kommunen zu bewältigen haben.

Sozialarbeiter sind wahre Kommunikationsmeister.Sie haben während ihres FH- Studiums ausgiebig  Kenntnisse in der Sozialmedizin, Psychologie, Verwaltungs- und Sozialrecht, sowie Soziologie und Gesprächsführung erworben, so dass sie mit allen möglichen Fachleuten vernetzt zusammen arbeiten können, um im Einzelfall oder aber auch strukturell eine Verbesserung der Lebensumstände ihrer Klienten zu bewirken. 

Die Sozialarbeiter der Sozialen Dienste geraten immer wieder in die Schlagzeilen, wenn die präventiven oder die aktiven Hilfen im Kindeswohlgefährdungsfall nicht ausreichten, ein Kind zu Schaden kam, dabei wird die Arbeit auf viel zu wenige Schultern verteilt, eine Fallzahlenobergrenze ist noch nicht vorgesehen. Die gewährten Hilfen für die Kinder oder deren Familien wurden in den vergangenen Jahren im Umfang stark eingeschränkt. So verbleibt für den verantwortlichen Sozialarbeiter immer ein Restrisiko, welches krankheitserregend über Panikattacken wirkt und das Syndrom Burnout auslöst.

Die Sozialarbeiter, der bei einem freien Träger angestellt im Auftrage des Jugendamtes diese Hilfen für Kinder und  Jugendliche oder deren Familien leisten sollen, werden überfordert, wenn sie nur drei Stunden/Woche pro Auftrag bewilligt bekommen, sie haben dann pro Woche die Lebensumstände von mindestens 13 Kindern/Jugendlichen (meist sind es wesentlich mehr, da die Kinder  in größeren Familienverbänden leben) zu überprüfen und sollen in diesen Zeiten auch noch diese Lebensumstände entscheidend verbessern. 

Welcher talentierte junge Mensch mit Fachhochschulzugangsberechtigung  soll sich in Zukunft für dieses Studium entscheiden, wenn er über die Belastung der Arbeit hinaus auch noch weiß, dass er hinterher im am zweitschlechtesten bezahlten Bereich für Akademiker in Deutschland arbeiten wird. Nur die Polizisten, die mit einer Fachhochschulreife an der Polizeiakademie studierten, werden teils noch schlechter bezahlt.

In den Kindertagesstätten sind die ErzieherInnen hoch belastet, da vielfach die Kinderanzahl pro Gruppe zu groß ist oder aber vielfach  weitere für die Arbeit dringend benötigte Kräfte nicht eingestellt werden können. Eine angemessene Entlastung, selbst wenn in Zeiten von Erkrankungen oder bei Fortbildungen der KollegInnen das Personal reduziert ist, kann so nicht ausreichend organisiert werden, pädagogisch sinnvolle und gesellschaftlich eingeforderte Maßnahmen lassen sich so nicht ausreichend umsetzen.

Die Kindertagesstätten entwickeln sich seit Jahren von reinen Betreuungsinstitutionen zu wissenschaftlich angeleiteten Bildungseinrichtungen, entsprechend haben sich auch die Ausbildungsansprüche an die dort tätigen MitarbeiterInnen entwickelt.

Grund-, Haupt- und Realschullehrer sollen immer neue Schulreformen umsetzen, sollen integrativ und inklusiv unterrichten, obwohl sie dafür nie ausgebildet wurden und ihnen die erforderlichen Recourcen sowohl in der Fortbildung, bezüglich zusätzlichen Personals und erforderliche Lehrmittel nicht ausreichend gewährt werden. Zudem ist die hohe Differenz zum Einkommen der Lehrer an den Gymnasien nicht erklärbar.

Deutschland lag 2008 bei den Aufwendungen für Bildung im europäischen Durchschnitt mit 4,55% des Bruttoinlandproduktes im unteren Drittel (Platz 25 von 32 Staaten), 2009 stiegen die Prozentpunkte auf 5.06% (das BIP. brach als Folge der Bankenkrise stark ein). Zum Vergleich: Dänemark: 8,72%, Norwegen: 7,20%, Belgien: 6,57%, Österreich: 6,01%,  Frankreich: 5,89%, Polen:5,1% Quelle: (OECD, Bildung auf einen Blick, 2012)

Wer heute als Krankenschwester in den Krankenhäusern Schichten schiebt, wird sich immer wieder fragen, ob die Berufswahl bei der Vergütung und dem Stress, der mit der Tätigkeit verbunden ist, die richtige war. Die Krankenhäuser geraten zunehmend in wirtschaftliche Not, die Arbeit der MitarbeiterInnen ist bereits stark verdichtet, erstmals streikt aktuell in Deutschland das Pflegepersonal einer Klinik (Charité in Berlin) nicht für mehr Gehalt, sondern für einen besseren Pflegepersonalschlüssel (Streik in WOB ist geplant).

Die Arbeit der PhysiotherapeutInnen, ErgotherapeutInnen und LogopädInnen ist bei der Rehabilitation von Kindern und Erwachsenen in unserer Gesellschaft unerlässlich, die Anerkennung wird ihnen aber bei der Entlohnung verweigert.

Ebenso ergeht es den AltenpflegerInnen,  KrankenpflegerInnen oder ArzthelferInnen.

All diese Berufe erfordern ein enormes Maß an Ausbildung, Engagement und empathischen Fähigkeiten, dafür müssen sie als unterbezahlt angesehen werden.

Für Patient und Pfleger befriedigende Pflege- und Betreuungszeiten sind aufgrund des Wettbewerbes der Pflegeanbieter untereinander stark reduziert worden, Patienten können vielfach nur noch abgearbeitet werden.

Jeder von uns kann in Not geraten und auf die Hilfe der entsprechenden Berufsgruppen angewiesen sein, alle Kinder unserer Gesellschaft sind auf die Bildung und Erziehung in den Kindertagesstätten und Schulen angewiesen, wie die Eltern auf die Beratung und Hilfen der in den unterschiedlichen Institutionen tätigen Berufsgruppen.

Welche Eltern möchten schon, dass ihre Kinder in den Kitas und Schulen von untalentierten und überforderten ErzieherInnen oder LehrerInnen betreut und unterrichtet werden?

Wer möchte schon in seiner Not auf untalentierte überforderte Rettungssanitäter, Polizisten, Mitarbeiter in den Jugendämtern und Sozialpsychiatrischen Diensten treffen? Wer möchte sich schon bei entsprechenden Erkrankungen oder im Alter von gehetzten, unmotivierten Krankenpflegern, Krankenschwestern oder Altenpflegern pflegen lassen? Wer möchte zusehen, wie seine Angehörigen in ihrer Not wie am Fließband abgearbeitet werden?

Wenn in unserem Land gewünscht wird, dass in all diesen Berufsgruppen talentierte, empathisch zugewandte, ausreichend intelligente und gut ausgebildete, kreative und leistungsbereite junge Menschen nachrücken, muss die große klaffende Lücke an Einkommen zwischen den vergleichbaren Ausbildungsabschlüssen im profitorientierten Gewerbe und dem nur Kosten verursachendem Dienstleistungsbereich, der sich mit Bildung, Erziehung, physische und psychische Gesundheit und Hilfen in Notlagen beschäftigt, geschlossen werden. Talentierte junge Menschen, die mit ihrer Berufswahl auch eine Lebensplanung vollziehen, entscheiden sich bei der Berufswahl sonst doch für eine lukrativere Berufsausbildung in Handel, Handwerk oder Industrie.Dies gilt besonders für talentierte Frauen, die bei der Familienplanung nicht in eine klassische Rolle oder die „Kein-Kind-Lebenspartnerschaft“ gedrängt werden wollen.

Die Hoffnung, dass sich schon genügend Dumme finden werden, die sich für diese Ausbildungen interessieren, ist fatal, da wir alle in diesen Arbeitsfeldern ganz bestimmt nicht auf überforderte Menschen treffen wollen.

Ebenso müssen die Arbeitsfelder dieser Berufsgruppen ausreichend attraktiv gestaltet werden. Belastende Tätigkeiten müssen auf genügend Personal verteilt werden, hierbei muss berücksichtigt werden, dass das Personal erkranken kann, sich Mitarbeiter in Urlaub oder auf Fortbildung befinden können. 

Ebenso müssen den Kollegen erforderlichen Recourcen (genügend Personal, Räumlichkeiten, Arbeitsmittel, Fortbildungen und Supervision, aber auch z. B. in den Allgemeinen Sozialen Diensten oder den Sozialpsychiatrischen Diensten ausreichend Mittel für die individuellen und familiären Hilfemaßnahmen für die Klienten) bereitgestellt werden.

Wir wollen, dass unsere Arbeit etwas bewirken kann.

Gerade ging durch die Presse, dass in Deutschland viele Kommunen unter der Last der Sozialausgaben leiden, teils gehen über 50% der Einnahmen in diesen Haushalt.

So stiegen z. B. die Ausgaben für die Kinder-und Jugendhilfe stetig, in Deutschland von 5,1 Milliarden im Jahr 2001 auf 7.5 Milliarden im Jahr 2010. Die Fallzahlen stiegen von 2008 (800.000Kinder und Jugendliche) bis 2010 (866.000 Kinder und Jugendliche) um etwa  8% innerhalb von 2 Jahren. Von 2013 auf 2014 stieg die Anzahl neu eingeleiteter Hilfen nach dem SGB VIII §27 ff. von 520000 auf 545000 um 8,6% (Quelle: D.Statis).

Steigende Armut, auseinanderbrechende Familien- und Gesellschaftsstrukturen, zunehmender Werteverlust, zunehmende Gewalt innerhalb der Gesellschaft, diese Entwicklungen führen dazu, dass Jugendämter, Polizei und Sozialpsychiatrische Dienste immer stärker die Rolle der „gesellschaftlichen Feuerwehr“ übernehmen müssen.

Aber auch in den Schulen und Kindertagesstätten werden die KollegInnen durch diese Entwicklungen vor große, intern nicht lösbare Probleme gestellt.

Nicht mehr ganz neue Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung aus den Bereichen der Medizin, der Neurobiologie, der Psychiatrie, der Psychologie usw. die besonders die Gesundheit oder psychische Verfassung fördern und die Bildung in Kitas und Schulen positiv beeinflussen könnten, oder aber auch die Hilfen nach dem Sozialgesetzbuch der Jugendämter und der Sozialpsychiatrischen Dienste effektiver gestalten könnten, bleiben in den von Mangelwirtschaft beherrschten Institutionen und Ämtern hängen, können nicht oder nur mangelhaft umgesetzt werden. Das es trotzdem immer wieder den Kollegien von Schulen oder Kitas gelingt, hier Erfolge beschreiben zu können, zeugt von außergewöhnlichem Engagement und nährt die Hoffnung, dass unter deutlich verbesserten Bedingungen andere Kollegien und Institutionen nachziehen können.

Unsere Gesellschaft muss sich fragen, was ihr Lebensqualität durch Gesundheit, Bildung und Hilfestellungen in Notlagen wert sein soll, zu Dumpingpreisen ist die Arbeit der Mitarbeiter in den Sozial- und Erziehungsdiensten, in den Gesundheitsdiensten, bei der Alten- Krankenpflege, der Feuerwehr, den Rettungsdiensten und auch in den Krankenhäusern langfristig nicht zu erhalten, schon heute wird beklagt, dass viele Dienste ihre Aufgaben nur noch mangelhaft erfüllen können oder aber nicht ausreichend schnell auf Meldungen von Missständen reagieren können. Kleinere und nicht ausreichend rentable Krankenhäuser, besonders in strukturschwachen Regionen sind von Schließung bedroht.

Die Forderungen der Gewerkschaft Verdi nach Aufwertung und Anerkennung der beruflichen Tätigkeit in den Sozial- und Erziehungsdiensten ist damit erst ein Anfang auf dem Weg über verbesserte Gesundheitsförderung, verbesserte Bildung und effektivere Hilfen in Notlagen die Lebensqualität in Deutschland sicher zu stellen.

Die Mitglieder der kommunalen Arbeitgeberverbände haben schon recht, wenn sie befürchten, dass weitere Berufsgruppen, die bei der Einkommensentwicklung in Deutschland nicht mithalten konnten, oder deren Ausbildungs- und Arbeitsanforderungen in den vergangenen 25 Jahren stark gestiegen sind, mit eigenen Forderungen nachziehen werden.

Sie haben auch recht, dass sie diese Forderungen aus den bestehenden Einnahmen der Kommunen nicht bezahlen können, dass dies nur mit einer Strukturreform bei der Verteilung der Steuern und gegebenenfalls einer Erhöhungen der Steuern, sowie den Sozialver-sicherungsabgaben und der Krankenkassenbeiträge finanzierbar ist.

Ein Blick in die Länder in Europa, die Bildung, Gesundheit und Lebensqualität über deutlich höhere Abgaben gesichert haben, zeigt jedoch, dass damit ein Staat wirtschaftlich nicht zugrunde geht, dass dort die Zukunft für die Bürger und ebenso auch für die Wirtschaft erarbeitet wird, dass Deutschland sich dort in bester Gesellschaft wiederfinden würde.

Sollten wir SozialarbeiterInnen und ErzieherInnen in den augenblicklichen Tarifauseinandersetzungen scheitern, riskieren wir, wird durch den Kommunalen Arbeitgeberverband riskiert, dass zukünftig unsere Berufsgruppen weiterhin für talentierte Schulabgänger bei der Berufswahl unattraktiv bleiben, dass sich unsere Arbeitsbedingungen und unsere Recourcen nicht wünschenswert positiv weiter entwickeln. Ebenso wird riskiert, dass die Lebenschancen unserer Kinder einer verfehlten Bildungs- und Sozialpolitik geopfert werden und dass wir alle in unseren Notlagen keine ausreichend qualifizierten Hilfen erhalten werden.

Insgesamt wird  die zunehmende Verwahrlosung unserer Gesellschaft riskiert.

Noch immer fallen viel zu viele junge Menschen durch das „Soziale Netz“, weil an den Scheidewegen ihrer Bildungsbiographien Brüche auftraten, die dann nicht angemessen bearbeitet werden konnten, wie auch SchülerInnen heranwachsen, die aufgrund ihrer persönlichen Defizite in den heutigen Bildungsstrukturen keine ausreichende Förderung erhalten konnten, so dass sie im Vergleich auf den Arbeitsmärkten nicht bestehen können, damit aber auch in ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gehindert sind.

In den Zeiten des heutigen Fachkräftemangels in der Wirtschaft ist das immer wiederkehrende Auftreten neuer „Harz 4 Generationen“ mit all den begleitenden Belastungen in den Bereichen Gesundheitssorge, Jugendhilfe, Bildungseinrichtungen, Justiz, Wohnungsbau und besonders für die Lebensperspektiven und Lebensumstände der Kinder der Betroffenen, ein volkswirtschaftlicher Wahnsinn.

Diesen Wahnsinn leisten wir uns, er wird nicht gegen gerechnet.

Die Zeiten, in denen die Gewerkschaften VERDI und GEW usw. mit den Arbeitgeberverbänden die Tarife autonom aushandeln konnten, sind vorbei, nur wenn von der Politik entsprechende Vorgaben mit Finanzierungzusagen an die Arbeitgeberverbände gemacht werden, können gerechte Tarife mit den Arbeitgeberverbänden und eben auch angemessene Arbeitsbedingungen mit den Arbeitgebern ausgehandelt werden.

Die Verhandlungsführer der Arbeitsgeberverbände aus den Branchen der öffentlichen Aufgaben ohne Produktivitätszuwächse sind weisungsgebunden, da vielfach die Kassen gedeckelt sind, nur wenn der Bund, die Länder, die Kommunen und die entsprechenden Versorgungskassen entsprechende Finanzierungszusagen an diese Arbeitgeberverbände abgeben wollen, wird sich auch die Weisung an die Verhandlungsführer der Arbeitgeberverbände ändern können.

Nur, wenn es gelingt, die inhaltliche Dimension der Tarifauseinandersetzung des Sozial- und Erziehungsdienstes auch ausreichend in die politischen Gremien der Kommunalpolitik, deren Verwaltungen, der Länderpolitik und deren Verwaltungen und der Bundespolitik und deren Verwaltungen überzeugend hinein zutragen, kann es gelingen, unsere Forderungen über VERDI auch um zu setzen.

Wenn die Bundes- und Landespolitik diese Vorgaben und Finanzierungszusagen verweigern, wird der unhaltbare Zustand, dass die eine Hälfte der Gesellschaft in den Wirtschafts- und Bankenkrisenzeiten der letzten 25 Jahre festgehalten wird, während die andere Hälfte der Gesellschaft die wirtschaftlichen Vorteile des Wirtschaftsbooms der letzten 10 Jahre feiern darf, praktisch nicht aufgelöst sondern fortgeschrieben (siehe Spiegelonline Seite 1 und Studie „Lohneinkommensentwicklungen bis 2020“ der Bertelsmannstiftung))

Die Hoffnung, dass die Kommunen, Länder- und Bundesverwaltung überschüssige Steuereinnahmen wünschenswerterweise im Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsbereich einsetzen, wird sich ohne ausreichenden politischen Druck und die Erkenntnis in die Dimension der Problematik nicht erfüllen, diese Einnahmen gehen zuerst in die Infrastruktur- und Wirtschaftsförderung, für besonders strukturschwache Regionen/Kommunen und besondere Aufgaben (Asyl) wird bei Bund und Ländern was übrigbleiben.

Wir werden uns nicht darauf verlassen können, dass künftige Tarifauseinandersetzungen über Verdi alleine zu wünschenswerten Tarifabschlüssen führen, solange Verdi sich allein auf die Verhandlungen mit den Arbeitgeberverbänden konzentriert, mit Politikern nur kooperiert, wenn diese bei Kundgebungen als Schönwetterredner auftreten wollen oder sollen.

Unsere Arbeitsbedingungen und die Recourcen mit denen wir arbeiten sind eh kein Thema bei den Tarifverhandlungen, diese lassen sich individuell über Verhandlungen in den Kommunen, bei den Trägern oder aber bundesweit über von der Politik gesetzte und geförderte Standards durchsetzen. Diese Standards müssen auch die privaten und sogenannten gemeinnützigen Träger der Berufsbereiche erfassen.

Wichtig wird sein, alle Berufsgruppen, die keine Produktivitätszuwächse erarbeiten können, zu erreichen und zu motivieren, den Druck auf die Politik so weit zu erhöhen, dass die Politiker sich gezwungen sehen, angemessen zu reagieren indem sie das strukturelle Finanzierungproblem für diese Bereiche zu unserer Zufriedenheit lösen. Verdi wird dies alleine nicht schaffen können, dazu ist die Personaldecke viel zu dünn, Verdi wird daher mit den (hoffentlich vielen) Initiativen, Berufsverbänden und wohlmeinenden Trägern dieser Tätigkeitsbereiche kooperieren müssen.

Die von Verdi aufgestellten Forderungen sind die richtigen Forderungen, auch wenn 10% durchschnittliche Einkommensverbesserungen die Einkommensschere, die sich in den vergangenen 25 Jahren aufgetan hat, nicht hinlänglich schließen kann.  Wir sehen nun leider, dass diese Forderungen  langfristig durchgesetzt werden müssen und alle Berufsbereiche sowie alle Arbeitgeber dieser Berufsbereiche erfassen müssen.

Wir werden auch alle Reformen, die unsere Berufsbereiche betreffen, kritisch überprüfen müssen, da sie in der Regel durch ökonomischen Druck der klammen Arbeitgeber erfolgen.

Ausgeschlossen werden muss, dass gesetzliche Grundlagen verletzt werden oder auf andere Weise die Kollegen oder die Adressaten unserer Arbeit nicht vertretbare Nachteile erfahren müssen.

Wir haben uns aber nicht alleine auf den Weg gemacht, wie am Streik des Pflegepersonals an der Berliner Charité  deutlich wird. Gehen wir also unseren Weg weiter, verbessern wir die Strategien unserer Aktionen stetig und solidarisieren uns mit denen, die sich ebenfalls auf den Weg machen, in diese Republik  mehr Lebensqualität hineinzubringen.

Von allen Politikern und besonders von der Bundespolitik ist zu erwarten, dass sie sich mit der Problematik der Berufe im Gesundheitswesen, im Sozialwesen, im Bildungswesen aber auch den Berufen, die der Inneren Sicherheit dienen, auseinandersetzen. Es müssen Standards festgelegt werden, die sowohl die hilfreichen Recourcen, wie auch die gerechte Bezahlung der geleisteten Arbeit betreffen, wie auch die Finanzierung dieser Maßnahmen strukturell verlässlich absichern, notfalls über Anhebung der Steuersätze, der Krankenkassenbeiträge, der Beiträge für die Pflegeversicherung und der Sozialversicherungsbeiträge.

Wem nützt es, wenn der Philosoph Precht mit dem Neurobiologen Hüter (leider spät in der Nacht) im Fernseher zum Thema „Bildungssituation an unseren Schulen“ zu dem provokantem Ergebnis kommen müssen: „Schulisches Lernen macht die Schüler dumm!“, da Kinder durch die hirnbiologischen Abläufe ganz anders lernen, als die Strukturvorgaben der Schulen, besonders der Grundschulen, dies ermöglichen. Wem nützt es, wenn zu Beginn der Schulzeit 80% aller neuen SchülerInnen angeben, dass sie sich auf die Schule freuen, spätestes nach der 2. Klasse ist es nur noch ein kleiner Bruchteil, der angibt, gerne in die Schule zu gehen.

Behauptet werden kann, dass jede unzureichend ausgestattete Maßnahme, die von diesen Berufsgruppen initiiert wird, uneffektiv und damit volkswirtschaftlich langfristig betrachtet viel zu teuer ist. Es ist davon auszugehen, dass jeder Euro, der in diesen Bereichen eingespart oder vorab gar nicht eingeplant wird, an anderen Stellen langfristig Kosten aufwerfen wird, die den eingesparten Euro bei weitem übersteigen, zudem wird dadurch das Klima der gefühlten Lebensqualität in unserem Land nachhaltig vergiftet, die akut betroffenen Mitmenschen werden in die Irre geführt.

Und als Schluss: All diese Berufsgruppen arbeiten mit Menschen und für Menschen, sollen die Lebensbedingungen dieser Menschen positiv beeinflussen, sie arbeiten nicht mit Maschinen und sie selber sind auch Menschen und keine Maschinen. Der Kraftstoff der Menschen ist das Einkommen, der Schmierstoff sind Beachtung und Anerkennung.

Nachtrag: Die Durchschnittsgehälter in Brutto im Jahre 2008 der genannten Berufsgruppen (Vollzeittätigkeit) im Vergleich mit vergleichbaren Berufsgruppen die Ausbildungsabschlüsse betreffend (Stern Ausgabe 2/2010, 100 Berufe im Vergleich),  inklusive der inflationsbereinigten Gewinn-und Verlustrechnung für die Zeit 1990 bis 2008. Eine neuere Vergleichsstudie ist leider nicht erschienen. Die Gehälter sind seitdem gewachsen, die Gehälter der Vergleichsberufsgruppen (meist im profitorientierten Gewerbe) haben in der Regel stärker zugelegt. Die Gehälter für Berufseinsteiger liegen weit unter den Durchschnittsgehältern.Die Gehälter, der Berufsgruppen,  die hier genannt wurden, aber nicht in der Liste des „Stern“ gelistet waren, sind aus dem Internet unter „steuerklassen.de“ entnommen.

-          SozialarbeiterIn: 2820Euro, - 18%  (steuerklassen.com nennt allerdings Gehälter für Sozialarbeiter: 2426 Euro und Sozialpädagogen: 2309 Euro)   /studierte Verwaltungsfachleute: 3400 Euro,+17%,  Elektroingenieure: 4180 Euro, -19%, Maschinenbauingenieure: 4480 Euro, -4%

-          Grund-,Haupt-, RealschullehrerIn: 3160 Euro, -21%  /Gymnasiallehrer: 4010 Euro, -4%

-          PsychologInnen: 3910 Euro, -27%, (steuerklassen.com gibt für PsychologInnen: 3398 Euro an, allerdings für Psychotherapeuten 3890 Euro)/  Ärzte: 6400 Euro, -50%

-          Feuerwehr: (Rettungssanitäter: 1950 Euro, Rettungsassistent: 2505 Euro, Feuerwehrmann:2599 Euro / aus steuerklassen.com)

-          Krankenschwester: 2580 Euro, 0%  / medizinisch-technische Assistenten: 2780 Euro, +20%, Industriekauffrau: 2880 Euro, -1%, Elektrotechniker: 3490 Euro, +3%

-          Erzieherin: 2260 Euro, -4% /  Elektrotechniker: 3490 Euro, +3%,  Maschinenbautechniker:   3880 Euro, +11%

-          Physiotherapeutin: 1977 Euro, Ergotherapeutin: 1956 Euro, Logopädin: 1925 Euro (aus steuerklassen.com)/ Heilpädagoge: 2770 Euro, +15%

-          Altenpfleger: 2100 Euro, -13%,  Krankenpfleger: 2060 Euro, 0%/Hebamme: 2089 Euro, Kinderpflegerin: 1767 Euro, Sozial- AssistentIn: 1574 Euro (lt. steuerklassen.com)  /   Heilpädagoge: 2770 Euro, +15%, KFZ-Mechaniker: 2880 Euro, +20%

-           Arzthelferin: 1830 Euro, -4%/Sekretärinnen: 2600 Euro, +4%

-          Justizvollzugsbeamte: 2646 Euro, Justizangestellte: 2552 Euro (aus steuerklassen.com)

-      Polizei in Niedersachsen (mit Fachhochschulabschluss), Einstiegsbesoldung nach A9:

       2346  Euro (aktuelle Besoldungstabelle)

-          Integrationshelfer: 1007 Euro (aus Steuerklassen.com) Integrationshelfer sind in der Regel MitarbeiterInnen, die zwar angelernt, aber als Laien eingestellt sind, sie betreuen in den Ganztagsbereichen von Schulen und/oder während der Schulzeit körperbehinderte oder von seelischer Behinderung bedrohte SchülerInnen.

Kommentare  

 
Florian Stoelk
#1 Florian Stoelk 2015-10-26 12:23
Ich unterschreibe alle in diesem Beitrag getroffenen Aussagen zu 100%, möchte aber in diesem Zusammenhang noch auf einen Umstand hinweisen, der mir bereits während meines Studiums und dann besonders in der Praxis aufgefallen ist:

Die zunehmende schlechte Ausbildung von Sozialarbeiteri nnen, deren Ursachen meines Erachtens sowohl in der Hochschulreform als auch z.T. in den Praxiserfahrung en, die Studierende machen ("du brauchst die ganze Theorie gar nicht"), zu suchen ist, ist zunehmend eine Gefahr für die Qualität und damit auch für die Reputation unserer Profession.

Wenn also in der Praxis sich - sei es aus durch schlechte Fachlichkeit oder massive Überforderung - die Fälle häufen, in denen sowohl Klienten als auch die Gesellschaft uns Sozialarbeiter als unprofessionell , nicht engagiert und wirkungslos (bitte nicht im Sinne der Wirksamkeitsdeb atte betrachten)erle ben, können wir auf Dauer im öffentlichen Bewusstsein nicht die Chancen und die Bedeutung, die in unserem Berufstand liegen, verdeutlichen und somit auch nicht die gesellschaftlic he (Be)Achtung erfahren, die sich dann im Verdienst niederschlägt.
Ich erlebe andererseits auch, wie viele Kollegen hervorragende, bewundernswerte Arbeit leisten und will mit meiner Aussage auch niemanden diskreditieren.

Ich beobachte o.g. Teufelskreis seit meinem Einstieg in die Praxis und frage mich: Wird er politisch nicht gesehen oder - und das wäre zynisch - opportun akzeptiert?
 

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