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Leistung aus persönlicher Perspektive

Leistung

Es war zeit meines Lebens zumeist, vor allem im institutionellen Rahmen, so, dass Erwartungen und Anforderungen an mich gestellt wurden, dass ich in eine Rolle gepresst wurde, die ich nicht in der geforderten Form erfüllen konnte und wollte. Obwohl ich immer hoch motiviert gewesen bin. Und obwohl ich immer sehr gute Ergebnisse geliefert habe.

So waren beispielsweise die Umstände in meiner letzten industriellen (dienstleistungsorientierten) Arbeitsstelle so, dass es immer ausufernder wurde hinsichtlich angeordneter Mehrarbeit. Dass immer mehr Aufgaben erledigt werden mussten in gleicher Zeit. Dass die Termine immer weiter nach vorne gelegt wurden, um es den Kunden rechtzumachen (dass dabei nur kurzfristig gedacht wurde, um Verträge abzuschließen; und dass das aufgrund der Unmöglichkeit, die Leistungen in der geforderten Form zu erbringen, in immer mehr Kundenunzufriedenheit und -beschwerden mündete, das wollte man gar nicht sehen – die anderen Wettbewerber machen es ja schließlich genauso; und die meisten Kunden werden schon nicht abspringen, es kommen schließlich immer welche nach, sofern das heute überhaupt interessiert…).

Und das führte zugleich dazu, dass wir immer mehr Druck auf die Lieferanten ausüben sollten, um den Anforderungen, die an uns MitarbeiterInnen gestellt wurden, gerecht werden zu können. Durchsetzungskraft nennt man das im leistungsparadigmatischen Jargon.

Neben einer stetig wachsenden Krankheitsquote wirkte sich das in mehrfacher Hinsicht auf uns MitarbeiterInnen ausgewirkt:

Die einen wurden immer gleichgültiger, haben darauf geschissen und Dienst nach Vorschrift gemacht.

Die anderen haben immer mehr gemeckert, unter vorgehaltener Hand über die Chefs, und dann vor allem auch über die Lieferanten, denen sie die Schuld gaben, wenn z.B. die Termine nicht eingehalten wurden. Diese wurden dann schnell verunglimpft, während in Mitarbeiterbesprechungen vor den Chefs und widrigen Arbeitsbedingungen gekuscht wurde (nach oben ducken, nach unten spucken).

Ich habe zumindest versucht, mich zu wehren. Habe gesagt, dass ich die Mehrarbeit nicht mehr mitmache, weil ich noch ein Leben habe. Dass ich Kunden und Lieferanten sagen würde, dass diese Leistungen so nicht zu erfüllen sind, weil allein schon die computersystemischen Voraussetzungen dies nicht ermöglichen. Ich habe in Telefonkonferenzen und Mitarbeiterbesprechungen auf die bestehenden Missstände hingewiesen. Und was passierte? Teilweise wurde mir intern sogar von oben rechtgegeben, mir aber vorgehalten, meine Kritik nicht äußern zu können. Oder ich war der Querulant, derjenige, der sich zu viele Gedanken macht. Weil Situation und Vorgaben eben so sind, und man daran nichts ändern könne. „Das ist einfach so, also machen wir das so“ (nicht denken, machen).

Und ich habe (mit-)gemacht, immer sehr gute Arbeit geleistet, den größten Kunden übernommen, wurde von den Lieferanten als erster Gesprächspartner gewünscht. Auch weil ich eben noch die Menschen gesehen habe, mich mit den Lieferanten über die Umstände ausgetauscht und ihnen erklärt habe, warum die Anforderungen und Termine so sind, warum sie umgesetzt werden sollten, auch wenn sie noch so wenig umgesetzt werden konnten. Das Schlimme ist, genau die Lieferanten, die am verständnisvollsten waren, die haben sich am meisten ausbeuten lassen. Sind für einen Appel und Ei dann eingesprungen, wenn es am meisten brannte. Und so ähnlich ging es auch mir, ich habe mich einspannen lassen, sollte immer mehr Druck und Kontrolle ausüben, während ich zugleich von oben diszipliniert wurde. Ich habe immer versucht, kooperativ zu bleiben, Aufgaben gemeinschaftlich zu lösen, während unternehmensintern offen kommuniziert wurde, dass man sogar gegen andere Abteilungen arbeitet.

Das hat mich immer wütender und trauriger gemacht. Und das hat mich krank gemacht, ich wurde leicht depressiv und bekam immer größere Ängste. Die sich dann auch auf andere Lebensbereiche auswirkten. Die Diskrepanz zwischen dem Menschen, der ich sein sollte, der funktionieren sollte, und dem Menschen, der ich wirklich bin, wurde immer größer. Nur wusste ich damals nicht, wer ich wirklich bin. Machte es an den nicht erfüllbaren Anforderungen fest. Auch daran, dass ich diesen nicht gerecht werden konnte. So dass es den Anschein erweckte, es lag an mir. heute weiß ich, dass es nicht an mir lag. Dass ich nicht derjenige bin, bei dem etwas falsch lief. Sondern dass es meine Rolle und die Arbeitsumstände gewesen sind, die krank waren.

Erst durch eine Auseinandersetzung mit mir selbst, durch meine wundervolle Therapeutin, bekam ich einen Blick dafür, wie ich funktioniert habe. Ich habe meine Gedanken, Gefühle und Reaktionen verstanden. Ich bekam einen besseren Blick für mich selbst. jedoch immer noch in die Richtung, dass ich derjenige bin, der sich besser verstehen, aber eben den gegebenen Umständen so gut wie möglich gerecht werden muss. Die Umstände und Zusammenhänge selbst, ihr Wirken auf die Menschen und ihre Kräfte und Wirkungen zum Beispiel auf der Arbeit, die verstand ich noch nicht. Den Blick dafür bekam ich erst durch die Auseinandersetzung mit Marx, Freud, Adorno, Fromm, Bourdieu, Foucault, Seithe, Lessenich und viele mehr (mit deren Theorien und Analysen ich mich dank meines Studiums und einiger DozentInnen auseinandersetze). Erst deren Erkenntnisse haben mir die Augen über die gesellschaftlichen Umstände geöffnet. Erst durch sie verstehe andere Menschen, mein Verhältnis zu ihnen und mich selbst in meiner Wechselwirkung mit den gegebenen. Und durch dieses Verstehen weiß ich heute, dass meine Erkrankung ein Zeichen oder besser Symptom dafür war, dass ich noch Mensch geblieben bin. Dass ich nicht nur funktioniere. Und dann ich nicht nur funktionieren kann, wenn ich gesunde bleiben will. Dass ich mich deshalb nicht mehr in Anforderungen und Vorgaben pressen lasse, die ich für falsch halte. In denen ich unmenschlich behandelt werden und Unmenschlichkeiten weitergeben soll. Vielleicht liege ich dabei dann auch nicht immer richtig. Aber zumindest denke ich über „richtig“ und „falsch“ nach, reflektiere verschiedene Ansichten und mich. Und bleibe damit immer mehr und besser bei mir. Versuche zumindest, (mehr) ich selbst zu sein und bleiben. Wenn es so etwas wie Leistungsstärke und Durchsetzungskraft gibt, dann sehe ich diese Stärken in eben dem Selbstbewusstsein, dass ich heute habe. Aber nicht in meinem Denken und Handeln, dass ich zum Beispiel an meiner alten Arbeitsstelle verkörperte. Das war menschlich, aber eben auch schwach. Obgleich ich das Leben für manche Kunden und Lieferanten vielleicht angenehmer gemacht habe. Am Ende hatte ich damit an den Ursachen der Missstände nichts verändert.

Und mein Wunsch ist es, genau das heute auch weiterzugeben. Denn gerade in der Sozialen Arbeit werden wir immer mehr in scheinbar alternativlose Umstände gepresst, sollen immer mehr Anforderungen im Sinne von „das ist so, also macht das so“ weitergeben. Sollen die Menschen funktionieren lassen, sollen sie entsprechend anpassen und disziplinieren. Ohne zu reflektieren, was das mit uns machen kann und was das mit den Menschen machen kann, die wir eigentlich unterstützen wollen. Ohne uns der Werte zu besinnen, warum wir genau diesen Weg eingeschlagen haben. Sicher nicht, um standardisierte Methoden am Menschen anzuwenden, sie quasi zu operieren. Und sicher auch nicht, um Menschen zu sanktionieren. Und damit das nicht passiert, versuche ich dazu beizutragen, dass wir uns zumindest Gedanken machen. Über die Umstände, die uns treiben. Und die Zusammenhänge, die uns in unserer Arbeit und persönlich beeinflussen. Damit wir uns nicht immer mehr in Rollen pressen lassen. Damit wir noch Mensch bleiben. Und unsere Gegenüber nicht als Objekte bestimmter Interessen sehen. Sondern als Menschen, die dazu fähig sind, selbstbestimmt über ihr Leben zu entscheiden.

Ich weiß natürlich, dass nicht alle Menschen in allen Punkten so ticken wie ich. Dass wir alle unterschiedlich sind. In vielerlei Hinsicht. Aber eines sind wir eben doch alle: Menschen. Die es verdient haben, in ihrer Würde geachtet zu werden. Und die deshalb auch alle andere Menschen in ihrer Würde achten (sollten).

Und weil ich überzeugt bin, dass Marx, Adorno, Bourdieu & Co. in vielen Punkten den Nagel auf den Kopf getroffen haben, bin ich auch überzeugt, dass ich nur Mensch bleiben kann, wenn ich nicht unhinterfragt weiter mitspiele. Und mich den Vorgaben nicht unreflektiert ergebe. Auch auf die Gefahr hin, mal daneben zu liegen. Denn natürlich sind nicht alle Normen „falsch“ oder „schlecht“ und werden von mir auch in meinem Handeln befolgt. Und selbstverständlich kann auch nicht über alle Regeln und Gewohnheiten nachdenken. Aber wenn es um mich als Menschen und um mein Zusammenwirken mit anderen Menschen geht – zum Beispiel im institutionellen Rahmen – dann werde ich eben nicht nur mich persönlich, sondern auch die Umstände reflektieren. Um sowohl mir als auch anderen als Mensch zu begegnen. Und im Sattel zu bleiben, anstatt mich von den Dingen reiten zu lassen.

Schließlich weiß ich eines heute auch: Ich habe in meinem alten Job die geforderte Arbeit auch deshalb so kritisiert, weil ich glaubte, dass ich zu wenig Geld für das bekomme, was ich tue bzw. von mir gefordert wurde. Heute weiß ich, dass ich noch so viel Geld dafür hätte bekommen können. Dass das an den unmöglichen Umständen nichts geändert hätte. Dass das weder den mir noch den Lieferanten mit Blick auf das menschliche Sein geholfen hätte. Und das ist die Erklärung dafür, warum ich heute die ständigen, oft einseitigen Forderungen nach mehr Geld (im Sinne von Gehalt) für SozialarbeiterInnen so kritisch sehe. Denn auch wir sind dafür verantwortlich, dass immer mehr von uns gesucht werden. Denn auch wir tragen dazu bei, dass es immer mehr in der Gesellschaft gibt, die auf Unterstützung angewiesen sind, weil sie zum Beispiel psychisch erkranken. Weil auch wir, indem wir die strukturellen Gegebenheiten nicht reflektieren, jene Umstände reproduzieren und verfestigen, die Menschen erst in ihre schwierige Lage bringen. Das geschieht umso mehr, desto mehr wir uns in festgelegte Rollen pressen lassen und andere Menschen in bestimmte Rollen pressen. Und wenn es uns nun vordergründig nur noch ums Geld in der eigenen Tasche geht, und genau den Anschein erwecken wir fortwährend, dann verstärken wir die Umstände und Rollen nur noch mehr. Dann besteht die Gefahr, dass wir den Menschen in uns und was uns wirklich ängstlich und wütend macht weiter aus den Augen verlieren. Und dass wir die Menschen um uns herum weiter aus den Augen zu verlieren. Natürlich müssen wir auch materiell gut leben können, aber wir müssen auch so leben und arbeiten können, dass wir Mensch bleiben und den Menschen im Blick behalten. Und das steht nicht mit dem Geld, sondern damit, wie wir mit uns und miteinander umgehen. Welche immateriellen Werte zählen und gefördert werden. Auch diese müssen wir in den Vordergrund schieben. Mehr noch als für mehr Geld, müssten wir für diese um Anerkennung ringen. Allein schon uns selbst zuliebe.

Wenn jedoch auch unser Antrieb im Zusammenwirken mit anderen Menschen hauptsächlich das Geld und immer mehr davon ist. Wenn ich zugleich auf die Zerstörungswut des Menschen in den letzten zwei- bis dreihundert Jahren blicke. Wenn ich die vielen Millionen Kriegsopfer, die maßlose Umweltzerstörung, die unaufhaltsame Ausbeutung der Natur mitsamt der Ausrottung vieler Arten sehe. Wenn ich über Fukushima und Lampedusa nachdenke. Wenn ich das Wiederaufleben autoritärer Regime und Meinungsbilder vor allem in den westlichen (zumindest auf dem Papier noch) Demokratien bedenke. Dann frage ich mich, wie grausam wohl der nächste Kollateralschaden sein muss, damit sich unsere Sicht auf Welt, Gesellschaft, Natur und uns selbst wieder verändert. Damit wir uns alle wieder in den Sattel setzen, anstatt immer mehr von den stets verkündeten Alternativlosigkeiten, den damit einhergehenden staatlichen Erwartungen und Marktanforderungen, mithin dem Geld geritten werden. Wenn uns das ohne Kollateralschaden gelingt, dann haben wir wirklich etwas geleistet. Und wenn uns das schon im Kleinen, im Umgang mit den Menschen und der Natur um uns herum, und nicht zuletzt auch im Umgang mit uns selbst gelingt, dann können wir auch heute schon ganz viel leisten und jedeR für sich einen kleinen Stein zur Veränderung ins Rollen bringen.

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