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Tagung in Wien: Was ist los in unserem Sozial- und Gesundheitssystem

Am 24. April fand unter diesem Titel in Wien eine interessante Tagung statt. Es handelte sich um eine Tagung für die Wiener Personal- und Betriebsräte im Sozial- und Gesundheitsbereich. VeranstalterInnen waren die Arbeiterkammer Wien, die Ärztekammer Wien sowie das Gesellschaftspolitische Diskussionsforum -GEDIFO -AK Wien. 

 

Für mich zeigte sich, dass in Österreich manche Begriffe des Neoliberalisierungsprozesses anders klingen und mache Struktur andere Wege nimmt, dass aber der Prozess selbst sich nur marginal von unseren deutschen Erfahrungen unterscheidet. Dies zeigt z.B. die Resolution der Arbeiterkammer Wien vom 29.10. 2014 "Für eine zeitgemäße Sizialarbeit im 21. Jahrhiundert - Problemlösungskompetenzen statt Administration"

Die VeranstalterInnen hatten mich, Mechthild Seithe, eingeladen, um über die Lage in der Sozialen Arbeit in Deutschland und über die Rolle der Ökonomisierung in der hiesigen Sozialen Arbeit zu referieren. Außerdem sollte ich Anregungen geben zur Beantwortung der Frage, was man tun kann, um die Verschärfung der Lage zu verhindern und gegen eine totale Vereinnahmung des Sozialen- und Gesundheitsbereiches durch die neoliberale Gesellschaftsideologie Widerstand zu leisten. 

Mein Vortrag kann hier nachgelesen und herunter geladen werden.

Vorträge über die Entstehung und die Hintergründe von Burnout (Wolfgang Lalouschek) und Mobbing (Ilse Reicharrt) waren sehr informativ und zeigten mir, dass in Österreich in den Gesundheits- und Sozilabereichen eine massive Angst unter den MitarbeiterInnen zu herrschen scheint. Das Angstphänomen habe ich bisher in Deutschland noch nie derartig drastisch und dominierend thematisiert gefunden. Es war u.a. die Rede davon, dass - rein betriebswirtschaftlich gesehen -  der "Kostenfaktor Angst" pro Jahr 200 Milliarden Euro beträgt und ständig steigt (Vortrag Vogler).

Hierzu passte folgender Eklat:

Es war eigentlich geplant, dass ein Sketch aufgeführt wurde, den eine Gruppe professioneller Schauspieler einstudierte hatte anhand von anonymen Aussagen von MitarbeiterInnen im Pflegedienst. Die Vorbereitungen hatten die VeranstalterInnen 4 000 Euro gekostet. Der Sketch, so wurde berichtet, soll sehr gut und treffend die Lage in der Pflege darstellen. Leider wurde er nicht aufgeführt, aus Rücksicht auf zwei KollegInnen, die kritische Aussagen beigetragen hatten, jetzt aber massive Angst bekamen, dass sie und ihre Arbeitsstellen dennoch erkannt werden und sie damit in die Schusslinie ihrer Argeitgeber geraten könnten. Die VeranstalterInnen respektierten diese Befürchtung und der Sketch blieb unaufgeführt. 

Ein weiterer Vortrag (Günter Flemmich) brachte eine sehr gute Analyse der Entwicklung im Pflegebereich in Wien, der die systematische Deprofessionalisierung der Pflege und des Gesundheitswesens in aller Deutlichkeit nachwies. Er kam zu dem Schluss: "Die Putzfrau ist im Krankenhaus der einzige Mensch, der noch mit den PatientInnen redet". Er schloss mit der Forderung an die MitarbeiterInnen und VertreterInnen des Gesundheitsbereiches: "Nicht einfach nur mehr Geld verlangen sondern auf Umgestaltung bestehen!"

Spannend war auch ein Vortrag von Michael Vogler, der sich mit der Verbreitung der neoliberalen Ideologie in unseren eigenen Köpfen befasste und die Unmenschlichkeit dieser spezifischen Vorstellung vom Menschen und seiner Gesellschaft drastisch entlarvte. Der Neoliberalismus sei keine ernstzunehmende Theorie, sondern eine "Denkmode", die einem zerstötrerischen "Sozialkrebs" gleichkomme und sich quasi als Naturgesetz in den Köpfen festsetze. Seine Empfehlung: "Runterkommen von der neoliberalen Ideologie! Wagen, anders zu denken!"

Die am Nachmittag stattfindenden Diskussionen der Betriebs- und Personalräte zeigten ein hohes Problembewußtsein und ein beeindruckendes Engagement für die KollegInnen und für politische und fachliche Fragestellungen. 

Es tat gut, unter Menschen zu sein, die nicht um den heißen Brei herumreden und offenbar nicht bereit sind, sich irgendwie anzupassen oder den Verhältnissen anzudienen. 

Vermisst habe ich immer wieder mal die Fragestellung, woher diese Ideologie eigentlich stammt, wem sie nutzt, was sie bezweckt und wie man auf politischer Ebene mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen Deformationen umgehen könnte. 

Alles in allem aber eine bemerkenswerte Tagung!

Kommentare  

 
BK
#1 BK 2015-05-07 22:11
Hört sich klasse an! Toll, dass du da warst! Danke für deinen Beitrag zum Runterladen! Du postest (wenn es soweit ist) den Link für die Tagungsdoku? Merci!
 

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