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Familienrat - zur Umsetzung eines neuen Verfahrens im Helfersystem

Yasemin Bandow, Kerstin Kubisch-Piesk und Heike Schlizio-Jahnke

Prinzipien des Familienrats

Familienrat ist ein in Neuseeland entwickeltes Verfahren, das aus der Kultur der Maori stammt. Seit 2005 wird das Verfahren in Deutschland verbreitet und in unterschiedlichen Bereichen der Jugendhilfe und Gerichtsbarkeit (Jugendgerichtshilfe, Allgemeiner sozialpädagogischer Dienst Täter-Opferausgleich etc.) praktiziert. Die Besonderheit des Verfahrens ist die größtmögliche Partizipation von Familien bzw. Bürger/innen bei der Bewältigung eigener Probleme[1].

Im Familienrat geht es im Wesentlichen darum, Menschen, die in Beziehung zueinander stehen - unabhängig ob als Familie, Wahlfamilie oder eine andere Form des Miteinander -, in besonderen Lebenssituationen eine aktive Rolle zukommen zu lassen. Daraus ergibt sich für die Menschen und ihr soziales Netzwerk die Chance, eigene Ressourcen zu entdecken und diese der Gemeinschaft bzw. füreinander zur Verfügung zu stellen.

Die praktischen Erfahrungen und die wissenschaftlichen Auswertungen im Jugendhilfebereich zeigen, dass der Familienrat maßgeblich dazu beitragen kann, dass bürgerschaftliches Engagement gefördert wird und soziale Netzwerke eine aktive Rolle bei der Organisation von Unterstützungssystemen übernehmen können.

Reaktionen in der Trägerlandschaft

Kaum ist der Erfolg des neuen Verfahrens festgestellt, bricht in der Trägerlandschaft ein ‚Run‘ auf die Ausbildung von Koordinatoren und Koordinatorinnen für Familienräte aus. Einige Träger befürchten, bei der Verteilung neuer Hilfen zukünftig nicht ausreichend berücksichtigt zu werden. Ob sie sich mit dem Ansatz des Verfahrens identifizieren können, spielt für viele offensichtlich keine Rolle. Dabei sein und mitmischen ist alles! Wir wollen nicht falsch verstanden werden: Wir freuen uns, wenn der Familienrat verbreitet wird. Allerdings haben wir Sorge, dass das Verfahren für Trägerinteressen und Sparpläne der öffentlichen Jugendhilfe instrumentalisiert wird.

Qualifizierung von Koordinator/innen

Einigkeit besteht in der Trägerlandschaft und dem überwiegenden Teil der Organisatoren der Ausbildung darüber, dass die Koordination eines Familienrates nur von professionellen Fachkräften qualifiziert durchgeführt werden kann. Deshalb werden sozialpädagogische Fachkräfte im Rahmen einer 1-jährigen Weiterbildung als Koordinator/innen für Familienräte ausgebildet bzw. weiterqualifiziert.

Das führt unseres Erachtens den ursprünglich favorisierten niedrigschwelligen Zugang zu Familien ad absurdum. Wir brauchen keine weitere Berufsgruppe und keine hochprofessionellen Helfer/innen, sondern empathische Sympathieträger/innen, denen es leicht fällt, Zugang zu schwierigen Familiensystemen zu bekommen. Was wir brauchen, sind Mittler/innen - d. h. Netzwerker/innen, die sich im Sozialraum auskennen - mit einem humanistischen Menschenbild, die Vertrauen zu Menschen haben und diesen auch in schwierigen Lebenssituationen eigene Lösungsansätze zutrauen.

Wir favorisieren den Einsatz von Bürgerkoordinator/innen, weil wir dies als die konsequenteste Form der Umsetzung des Verfahrens betrachten. Die Organisation und Moderation des Familienrates muss in der Verantwortung der Gemeinschaft verbleiben. Nur so kann erreicht werden, dass begonnene Prozesse auch nach Abschluss des Verfahrens in eigener Verantwortung fortgeführt werden. Selbstverständlich müssen auch Bürgerkoordinator/innen auf ihre Rolle vorbereitet werden. Dies kann jedoch in einer kurzen Ausbildung erfolgen sowie durch eine langfristige Begleitung in Form eines Coaching durch erfahrene Koordinator/innen.

Familienrat als Angebot der Jugendhilfe

Als Praktikerinnen, die täglich mit Familien arbeiten, haben wir große Sorge, dass Familienräte in Kürze in der Angebotspalette der Jugendhilfe verschwinden und keine Abgrenzung mehr zu klassischen Angeboten der Jugendhilfe wie z. B. einer Familienhilfe erkennbar ist.

Um die Verbreiterung von Familienräten zu beschleunigen, wird das Verfahren zunehmend von den beteiligten Multiplikatoren verfremdet. Immer mehr wird es in den letzten Jahren den Bedürfnissen von Verwaltung, Institutionen und Fachkräften angepasst. Die Ungeduld wissenschaftlich orientierter Fachkräfte, möglichst schnell vorzeigbare Ergebnisse und Zahlen präsentieren zu können, führt unseres Erachtens langfristig zum Scheitern eines unbestritten einzigartigen Verfahrens für Familien.

Es fehlt an Vertrauen in das Verfahren und gegenüber dem Netzwerk, welches durchaus in der Lage ist, Bürgerkoordinator/innen bzw. Nebenberufler/innen aus den eigenen Reihen zu qualifizieren, die Aufgabe der Koordination zu übernehmen. Genau genommen birgt gerade diese Art der Umsetzung eine große Chance, Sozialräume zu aktivieren und zu befähigen, ihre Bürger/innen bei Problemen zu unterstützen und adäquat zu begleiten, ohne dass ein institutioneller Eingriff notwendig wird. Obwohl in der politischen Landschaft bürgerschaftliches Engagement als besonders förderungswürdig gilt, stellt dies die größte Herausforderung für die Professionellen in der Sozialen Arbeit dar. Es scheint für viele Profis unvorstellbar, dass ihre Klientinnen und Klienten eigene Lösungen entwickeln und umsetzen.

Die Rolle der Fachkräfte

Einen solchen Ansatz lässt unser professionelles Ego eigentlich gar nicht zu. Wenn es Familien gelingt, selbstbestimmt Krisen zu bewältigen und ihre Autonomie zu bewahren, werden wir nicht mehr gebraucht. Seien wir ehrlich: Wir leben von den Krisen derer, die wir betreuen. Das tun wir mit hohem Engagement und bieten dafür gerne unser ganzes Fachwissen auf, auch wenn die Familien uns nicht immer verstehen. Für jedes Problem gibt es eine andere Hilfe, oft sogar eine/n andere/n Ansprechpartner/in bzw. Helfer/in. Statt Hilfe zur Selbsthilfe werden immer mehr Abhängigkeitsverhältnisse geschaffen, in denen Familien jahrelang sozialpädagogisch betreut werden, bis auch die Helfer und Helferinnen Teil des Familiensystems werden.

Kritische Auseinandersetzungen damit, wie sich z. B. kompensatorische Hilfen auf die Eltern-Kind-Beziehungen auswirken, wenn Eltern quasi entmündigt werden etc., werden entweder nicht geführt oder sind nicht erwünscht. Am Ende geht es nur um die Befindlichkeiten des Helfersystems, nicht um die Familien. Auf diese Weise tragen Fachkräfte dazu bei, dass Familien keine realistische Chance erhalten, sich aus jahrelanger Betreuung zu lösen und zu verselbstständigen.

Fazit

Wir machen uns unglaubwürdig, wenn wir neue Verfahren einführen und diese dann so ausgestalten, dass das Helfersystem sie annehmen und umsetzen kann.

Am Ende greifen wir eine Idee von Prof. Frank Früchtel auf, die vielleicht ein Umdenken in der Trägerlandschaft bewirken könnte: Man sollte gelungene, abgeschlossene Betreuungsprozesse durch Prämienzahlungen honorieren. Denn wenn es am Ende nur ums Geld geht, dann doch bitte für positive Verläufe! Qualität ist nicht nur eine Frage der zur Verfügung stehenden Mittel, sondern vor allem eine Frage der pädagogischen Haltung.

Yasemin Bandow, Kerstin Kubisch-Piesk und Heike Schlizio-Jahnke sind Sozialarbeiterinnen im sozialpädagogischen Dienst des Bezirksamtes Berlin-Mitte und Referentinnen zum Verfahren Familienrat.

Kontakt: www.verwandschaftsrat.de

 



[1] Vgl. dazu: Plewa, M./Picker, D.: Familienrat - Deutschland entdeckt ein neues Verfahren, in: NDV 8/2010, S. 355-358; Früchtel, F./Hampe-Grosser, A.: Was leisten Familienräte?, in: NDV 11/2010,5. 484-490; Früchtel, F./Straub, U.: Fachliche Prinzipien und Standards des Familienrates, in: NDV 2/2011, S. 91-93. Einen praxisnahen Einstieg in das Verfahren bietet: Hilbert, C/Bandow, Y./Kubisch-Piesk, K./Schlizio-Jahnke, H.: Familienrat in der Praxis - ein Leitfaden, Berlin 2011.    

Kommentare  

 
ms
#1 ms 2012-04-03 09:43
Hierzu einige Gedanken einer Sozialarbeiteri n mit 38 Jahren Erfahrung Erziehungshilfe ... :-)

1. Es ist schön, dass die Maori so miteinander umgehen. Für die Jugendhilfe ist dieses methodische Handeln weder neu noch ungewöhnlich. Das eigene soziale Netz zu stärken und zu aktivieren ist eine uralte sozialpädagogis che Maxime der lebensweltorien tierten Sozialen Arbeit. Damit macht sich Soziale Arbeit mitnichten überflüssig. Es geht ja nicht darum, dass unsere Problemfamilien das können, wenn man sie nur ließe. Schön wäre es. Aber es geht darum, dass jemand sie dazu befähigt, sich als Gruppe zu verhalten und selber zu helfen. Und das ist das eigentliche und letztlich einzige Anliegen, dass professionelle Soziale Arbeit hat und haben kann.

2. Dass es zu einem Run auf die Methode kommt, ist auch eine alte Erfahrung. Soziale Arbeit ist leider allzu bereit, sich ständig neu zu erfinden und anzupreisen, ständig das Rad (statt die vorhandenen Räder zu flicken und zu pflegen) neu zu erfinden. Das ist u.a. eine Folge des mangelnden professionellen Selbstbewußtsei ns unserer Profession. Wir vertrauen nicht auf unsere Kernelemente, unsere Grundsätze, unsere Theorie und auch nicht unseren Methoden - weil wir gar nicht begreifen, dass Soziale Arbeit mehr ist,als eine schnelle Reaktion auf die Anforderugnen unseres Geldgebers zur Beseitigung gesellschaftlic her Mißlagen, die ihm nicht schmecken.

3. Und dass diese Methode wie jede andere von den Verwaltungen und der Politik instrumentalisi ert wird zu einem Schnellverfahre n und Allheilmittel (und die KollegInnen und Träger bereitwillig mitmachen), das vor allem geeignet ist zum Verschieben der Verantwortung auf den Sozialen Nahraum, zur Diskreditierung bestehender Jugendhilfe- bzw. Erziehungshilfe ansätze, auch das ist nicht neu.

Es gilt also, das am "Familienratkon zept", was wirklich sozialpädagogis ch ist, hoch zu halten und in den Vordergrund zu rücken und alle Instrumentalisi erungen aufzudecken und sich zu weigern, das Konzept in diesem Sinne zu mißbrauchen.
 

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