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Überlastung als Arbeitsprinzip

Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagoglnnen stehen auf verlorenem Posten

Der Artikel in der blz ‚Schule und Jugendhilfe gemeinsam‘ vom September 2011 hat beschrieben, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe ist, welche Unterstützungsansprüche und -möglichkeiten Eltern, Kinder und Jugendliche haben. Doch wie sieht es mit der Umsetzung in der Berliner Realität aus?

Unglaubliche Aufgabenvielfalt

In den Regionalen Sozialpädagogischen Diensten (RSDs) oder Allgemeinen Sozialpädagogischen Diensten (ASDs), der Name variiert je nach Bezirk, arbeiten Sozialpädagoglnnen und SozialarbeiterInnen, die diese Ansprüche in konkrete Hilfen umsetzen und den Bedarf und die Notwendigkeit der Hilfe prüfen sollen. Sie beraten die Hilfeform, entscheiden mit den Familien gemeinsam, erledigen den Verwaltungskram und überprüfen die Hilfen regelmäßig. Wir KollegInnen aus den RSDs haben neben den Hilfen zur Erziehung noch den Bereich Kinderschutz und die Zusammenarbeit mit dem Familiengericht bei Trennung, Scheidung und Umgangsregelung und die Beratung der Eltern bei Erziehungsschwierigkeiten in unserem Aufgabengebiet sowie weitere Aufgaben, die mit Jugendberufshilfe, Beratung von Familien mit Kindern mit Behinderung und Stellungnahmen für JobCenter und andere Behörden noch lange nicht abschließend aufgezählt sind. Jede KollegIn soll möglichst immer (telefonisch oder persönlich) erreichbar sein, intensive Fallbesprechungen führen, alle Gespräche und Arbeitsschritte genau dokumentieren und sich natürlich vernetzen und in verschiedensten Foren als Vertreterin des Kinderschutzes einbringen. Die Situation in den RSDs kann man einfach beschreiben: Es kommen immer mehr Aufgaben dazu, die von immer weniger Menschen mit immer mehr Verwaltungsaufwand bearbeitet werden sollen.

Kinderschützfälle haben Priorität

Jede SozialarbeiterIn hat im Durchschnitt 80 Familien zu betreuen (wenn man da noch von Betreuung sprechen kann). Das kann aber auch in einigen Bezirken mal 100 Familien bedeuten. Und das heißt in Vertretungssituationen (und die sind eher die Regel als die Ausnahme) dann eben auch mal 120 oder 160 Familien kennen, beraten, Hilfeplangespräche führen, in Familiengerichtsverfahren Stellung nehmen, an Schulhilfekonferenzen teilnehmen, Hilfen einleiten, Umgangsregelungen erarbeiten, Stellungnahmen schreiben. Aber auch bei ‚nur‘ 60 ‚Fällen‘ ist eine Beratungs- und Betreuungsarbeit nicht mehr möglich.

Die Bearbeitung der Kinderschützfälle hat im RSD Priorität. Das heißt, dass andere Aufgaben dann warten, ohne dass die Wartenden wissen oder erfahren, warum sich niemand um ihr Anliegen und ihre, aus ihrer Sicht ja auch dringenden, Probleme kümmert, nicht erreichbar ist, nicht zurückruft, keinen Termin anbieten kann.

An das Jugendamt wird häufig der Anspruch gestellt, es solle die Probleme lösen, die der Ratsuchende nicht zu lösen vermocht hat: Ein schulschwänzendes Kind wieder in die Schule schicken, eine Mutter zum Einhalten von Terminen bewegen, Kinder zu weniger aggressivem Verhalten bringen, einen Vater von der Notwendigkeit zu mehr Zusammenarbeit überzeugen. Offen gesagt: Das kann der RSD nicht. Er kann Angebote machen. Die müssen von der Familie akzeptiert werden - und dann muss innerhalb des Amtes eine Finanzierungszusage erreicht werden. Es wäre bestimmt eine interessante Diskussion unter RSD-lerInnen, welche Hürde schwieriger zu nehmen ist und mehr Aufwand erfordert. Und diese Begründungen und Falldarstellungen in den verschiedensten Gremien (auch hier gibt es in jedem Bezirksamt einen anderen Verwaltungsweg) gehören zu den Aufgaben, die besonders viel Zeit und oftmals auch viel Nerven kosten.

Schwierige Entscheidungen

Nimmt die Familie die angebotenen Hilfen nicht an, ist es die Aufgabe des RSDs, zu entscheiden, wie es weitergeht: Lassen wir die Familie ohne Unterstützung weitermachen oder liegt hier eine Kindeswohlgefährdung vor, ein Begriff aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch, der aus gutem Grund nicht weiter definiert und bei jedem Kind und jeder Familie neu zu entscheiden ist. Das ist dann der Teil der Aufgaben des Jugendamtes, mit dem man in die Zeitung kommen kann: Wahlweise ‚Jugendamt greift in Familie ein‘ bzw. ‚Jugendamt greift nicht/zu spät ein‘. Die Entscheidung, ob und wann der RSD in die Familie eingreift oder das Familiengericht informiert, um dieses zum Eingreifen zu bewegen, ist schwierig: Wir wollen gute fachliche Gründe für diese Entscheidungen haben. Dafür sind eine gute fachliche Zusammenarbeit und ein hohes Maß an Kompetenz nötig. Und Sozialarbeiterinnen, die Erfahrung in der Bewertung von Krisen- und Gefährdungssi-tuationen haben, und genügend Zeit, um sich ein Bild von der Situation der Familie zu machen und mit allen Beteiligten sprechen zu können.

Problem der persönlichen Haftung

Und da sind wir wieder bei der Realität: Im RSD ist es schwierig, Zeit für eine gute Einarbeitung der neuen KollegInnen (wenn es welche gibt …) zu finden. Im RSD ist es noch schwieriger, genug Zeit für die gründliche Bearbeitung einer Gefährdungssituation zu finden. Oder andere KollegInnen, die ihre Arbeit aufschieben können, um als zweite Person mit in ein Gespräch oder zum Hausbesuch zu gehen. Das ist zwar vorgeschrieben, hat aber mit der realen Personalsituation manchmal nicht mehr viel zu tun. Nun ist es aber nicht so, dass sich jede Sozialarbeiterin um den einen Kinderschutzfall intensiv kümmern kann, denn dass mehrere akute Kinderschutzmeldungen gleichzeitig bearbeitet werden müssen, ist im RSD Alltag. Jede Gefährdungseinschätzung setzt ein immenses Verwaltungsverfahren in Gang, das alleine einen Arbeitstag füllen kann, ohne dass man ein Wort mit der Familie gewechselt hätte. Aus nachvollziehbaren fachlichen Gründen entscheiden sich die SozialarbeiterInnen für das Gespräch mit der Familie, den Kindern, den LehrerInnen, den Kita- oder HortbetreuerInnen. Und schieben den Verwaltungsanteil auf und vor sich her. Oder nehmen ihn mit nach Hause, weil nach 22 Uhr die Alarmanlage in der Dienststelle losgeht, und man vorher das Gebäude verlassen haben muss. Oder kommen am Wochenende.

Wir Sozialarbeiterinnen erkennen die Not der Familien, wollen die Situation der Kinder verbessern, Kinder vor Gefährdungen schützen. Damit lassen wir uns unter Druck setzen, denn wenn wir die zusätzliche, nicht mehr zu bewältigende Arbeit nicht erledigen, baden das die Familien aus.

Hinzu kommt der immer gespürte, zu selten offen angesprochene Druck der persönlichen Haftung, dass etwas übersehen oder falsch eingeschätzt werden könnte. Wenn Kinder zu Schaden kommen, werden die Sozialarbeiterinnen haftbar gemacht, und keiner fragt nach Personalausstattung, Fallzahlen, Krankenstand oder Überlastungsanzeigen. Die Mehrzahl der KollegInnen im RSD hat schon eine oder mehrere Überlastungsanzeigen gestellt. Überlastungsanzeigen sind zwar zur Absicherung notwendig, führen aber selten zu dauerhaften Verbesserungen.

Je weniger Zeit eine KollegIn hat, desto weniger kann sie in den Austausch mit anderen gehen, vielleicht auch mit der Sorge, die Überlastung beträfe nur sie, liege in ihrer Person, und die anderen würden gut zurechtkommen. Und dabei geht‘s der NachbarIn im Nebenzimmer oder am Nachbarschreibtisch genauso … Die Arbeit im Gefährdungsbereich ist interessant und fordernd, aber auch anstrengend und psychisch bela-stend. Supervision ist selbstverständlicher Standard in der sozialen Arbeit und wird auch von den freien Trägern der Jugendhilfe gefordert. Für die Sozialarbeiterinnen der RSDs gibt es Supervision oft nur auf Antrag, als Ausnahme, in komplizierte Verwaltungsvorgänge eingebunden, und manchmal schwingt auch beim Entgegennehmen des Antrags auf Supervision eine unausgesprochene Botschaft von ‚da kann eine wohl nicht mehr richtig arbeiten …‘ mit.

Wir müssen uns wehren

Der Krankenstand in den RSDs ist entsprechend hoch, was zu ständigen Vertretungen und zusätzlichen Belastungen der KollegInnen führt. Manche KollegInnen halten dem fortwährenden Druck nicht mehr stand, sodass für sie ein anderes Arbeitsgebiet gesucht werden muss. Andere suchen sich selber ein anderes Arbeitsgebiet, weil sie diese Arbeitsbedingungen nicht akzeptieren wollen, und verlassen den RSD, bevor sie unter der Belastung zusammenbrechen. Diese Entwicklung ist in den Jugendämtern seit Jahren bekannt. Ein grundsätzliches Umsteuern zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen im RSD ist aber nicht zu erkennen.

Es führt kein Weg an der Einsicht vorbei: Wir im RSD müssen ein weiteres zusätzliches Arbeitsgebiet übernehmen: Wir müssen uns gemeinsam, über Bezirks-, Gehalts- und Besoldungsgrenzen hinweg für eine Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen einsetzen. Wir müssen bei den vielen KollegInnen aus anderen Bereichen, mit denen wir zusammenarbeiten, um Unterstützung werben. Im Übernehmen von zusätzlichen Aufgaben, für die wir eigentlich keine Ressourcen mehr haben, sind wir doch seit Jahren geübt!

Barbara Berry, Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin in einem Berliner Jugendamt.
In: blz, November 2011, S. 22 f.

 

 

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