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Allgemeiner Sozialdienst


Beiträge, die sich mit der Situation des Allgemeinen Sozialen Dienstes befassen

Redaktion: Kerstin Kubisch-Pisk


Erklärung zur ASD Situation

Seit fast zehn Jahren haben wir verstärkt auf die Situation im ASD hingewiesen. Die Probleme zeichnen sich durch folgende Komponenten aus:

  • Durch die gesellschaftlichen Entwicklungen hat die Anzahl von zu unterstützenden Menschen zugenommen und ihre Probleme sind komplizierter und langfristiger geworden. Dies führte zur Fallzunahme wie auch zu einer höheren zeitlichen Bearbeitung zur Bewältigung der Probleme.

  • Begleitende und unterstützende soziale Arbeit ohne gesetzliche Pflicht wie Beratungs- und Freizeiteinrichtungen wurde permanent reduziert oder abgebaut, um Kosten zu senken. Die Konsequenz ist, dass die Menschen direkt beim ASD Hilfe suchen. Zu wenige Angebote niedrigschwelliger Vor- und Nachbetreuung führen dazu, dass die Familien beim ASD zum Fall werden.

  • Das Personal wurde bei der FHH seit 1992 auch beim ASD permanent abgebaut, und erst in den letzten Jahren wurden wieder Stellen zusätzlich bewilligt. Die ‚neu‘ hinzu gekommenen Stellen können aber den bisherigen Abbau und die gesellschaftlichen Entwicklungen nicht auffangen. Sonderaufgaben wie Familieninterventionsteams, Kinderschutz und Gewaltprävention verstärken nicht die Basis-Belegschaft.

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Familienrat - zur Umsetzung eines neuen Verfahrens im Helfersystem

Yasemin Bandow, Kerstin Kubisch-Piesk und Heike Schlizio-Jahnke

Prinzipien des Familienrats

Familienrat ist ein in Neuseeland entwickeltes Verfahren, das aus der Kultur der Maori stammt. Seit 2005 wird das Verfahren in Deutschland verbreitet und in unterschiedlichen Bereichen der Jugendhilfe und Gerichtsbarkeit (Jugendgerichtshilfe, Allgemeiner sozialpädagogischer Dienst Täter-Opferausgleich etc.) praktiziert. Die Besonderheit des Verfahrens ist die größtmögliche Partizipation von Familien bzw. Bürger/innen bei der Bewältigung eigener Probleme[1].

Im Familienrat geht es im Wesentlichen darum, Menschen, die in Beziehung zueinander stehen - unabhängig ob als Familie, Wahlfamilie oder eine andere Form des Miteinander -, in besonderen Lebenssituationen eine aktive Rolle zukommen zu lassen. Daraus ergibt sich für die Menschen und ihr soziales Netzwerk die Chance, eigene Ressourcen zu entdecken und diese der Gemeinschaft bzw. füreinander zur Verfügung zu stellen.

Die praktischen Erfahrungen und die wissenschaftlichen Auswertungen im Jugendhilfebereich zeigen, dass der Familienrat maßgeblich dazu beitragen kann, dass bürgerschaftliches Engagement gefördert wird und soziale Netzwerke eine aktive Rolle bei der Organisation von Unterstützungssystemen übernehmen können.

Reaktionen in der Trägerlandschaft

Kaum ist der Erfolg des neuen Verfahrens festgestellt, bricht in der Trägerlandschaft ein ‚Run‘ auf die Ausbildung von Koordinatoren und Koordinatorinnen für Familienräte aus. Einige Träger befürchten, bei der Verteilung neuer Hilfen zukünftig nicht ausreichend berücksichtigt zu werden. Ob sie sich mit dem Ansatz des Verfahrens identifizieren können, spielt für viele offensichtlich keine Rolle. Dabei sein und mitmischen ist alles! Wir wollen nicht falsch verstanden werden: Wir freuen uns, wenn der Familienrat verbreitet wird. Allerdings haben wir Sorge, dass das Verfahren für Trägerinteressen und Sparpläne der öffentlichen Jugendhilfe instrumentalisiert wird.

Qualifizierung von Koordinator/innen

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ASD heute - ASD , wie er eigentlich arbeiten müsste

Auszug aus "Schwarzbuch Soziale Arbeit" (Seithe 2011)

Der Allgemeine Sozialer Dienst ist nur noch im Feuerwehreinsatz

Der Mitarbeiter Jansen vom Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes muss heute wieder einmal alle Termine absagen. Wenn Kriseneinsatz angesagt ist, muss alles andere halt hinten anstehen. Er hofft, dass heute und morgen nicht bei der nächsten Familie alle Sicherungen durchbrennen werden. Denn er wird jetzt den ganzen Tag versuchen müssen, bei der Familie Kubert die Lage wieder zu stabilisieren. Der Vater Kubert hatte gestern in seiner Wohnung alles zusammengeschlagen, weil die 12jährigen Zwillinge nachts um 2.00 Uhr von der Polizei nach Hause gebracht worden waren. Die Mutter rief heute früh bei Herrn Jansen an und teilte mit, dass sie Angst habe, ihr Mann würde die Jungen erneut schlagen, wenn sie aus der Schule kämen. Außerdem sei bei ihnen das ganze Mobiliar kaputt, sie wissen überhaupt nicht, was sie machen solle. Als der Anruf kam, hatte Herr Jansen sich gerade an den Hilfeplan für den Fall Reimund gemacht. Solche Schreibtischarbeiten kosteten immer viele Stunden seiner knappen Zeit. Er hatte dennoch gehofft, damit fertig zu sein, wenn Familie Sandberg um 12.00 Uhr zum Gespräch auf der Matte stehen würde. Aber nach dem Anruf von Frau Kubert muss er alles stehen und liegen lassen, auch seine Schreibtischarbeit. Die wird aber nicht warten können. Übermorgen ist das Hilfeplangespräch, da muss der Text fertig sein. Das bedeutet also Überstunden. Aber alles andere, was eigentlich in seinem Terminkalender steht, muss schlicht ins Wasser fallen:

  • Das Mittwochsgespräch mit Familie Sandberg fällt also wieder einmal aus. Dabei wäre es so wichtig, dass diese Gespräche regelmäßig stattfinden. Wie leicht kann es in dieser Familie wieder zu Rückfällen kommen! Wenn er nicht aufpasst, gibt es da die nächste Krise.
  • Das Gespräch mit der Lehrerin eines 11jährigen Mädchens, die in der Schule auffälliges Verhalten zeigt, muss dann eben morgen per Telefon erledigt werden. Ein persönliches Gespräch mit der Lehrerin wäre sehr viel besser gewesen. So wird es nicht viel mehr werden als ein reiner Faktenaustausch.
  • Das Gespräch mit den Kindern der Familie Reimund ohne Beisein der Eltern muss er auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Eigentlich kann er der Einweisung der Kinder ins Heim nicht zustimmen und auch nicht den Hilfeplan schreiben, ohne sich auch ein Bild von der Sicht der Kinder selber gemacht zu haben. Nun wird er dieses Gespräch wahrscheinlich erst führen können, wenn die beiden längst im Heim sind. Das ist mit Sicherheit keine gute Voraussetzung für einen gelingenden Heimaufenthalt.
  • Seine Teilnahme an dem Fußballnachmittag, zu dem ihn einige seiner ehemaligen Jugendlichen eingeladen hatten und zu denen er noch immer losen, aber für diese Jugendlichen wichtigen Kontakt hält, muss er ebenfalls absagen. Das ist besonders dumm. Denn es geht nicht um ein lockeres Wiedersehen: In diese Gruppe hat er vor zwei Monaten Kevin vermittelt. Es wäre so wichtig, sich ein eigenes Bild machen zu können davon, ob der Jugendliche in dieser Gruppe wirklich integriert ist und ob er inzwischen gelernt hat, sich in die Gruppe einzubringen, ohne bei jeder Gelegenheit seine Fäuste zu gebrauchen.

Früher hat es natürlich auch schon Krisenfamilien und solche erforderlichen Ganztagseinsätze im Allgemeinen Sozialdienst gegeben, aber da waren sie noch zu dritt im Bezirk. Manchmal kommt es ihm so vor, als bestehe seine Arbeit nur noch aus Feuerwehreinsätzen und aus Schreibtischarbeit natürlich. Für mehr ist einfach keine Zeit da.

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