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De-/ Professionalisierung in der Sozialen Arbeit



Beiträge, die sich mit den Deprofessionalisierungstendenzen in der Sozialen Arbeit im Kontext ihrer neoliberalen Umwandlung befassen.

Redaktion: Mechthild Seithe (i.V.) (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

Sparstrategie: "ein bisschen Soziale Arbeit" - das ist nicht genug

Auszug aus "Schwarzbuch Soziale Arbeit" (Seithe 2011)

Gefährdung der fachlichen Standards Sozialer Arbeit durch die Ökonomisierung

Unter dem Primat der Effizienz, das von vorne herein mit einer Kosten dämpfenden Absicht, mit eingeschränkten Budgets und der betriebswirtschaftlichen Denklogik auf den Plan getreten ist, sind fachliche Standards in der Praxis zunehmend bedeutungsloser geworden (vgl. z.B. Galuske 2002, S. 238; Messmer 2006, S. 113).

 Qualifizierte Soziale Arbeit wird als Luxus abgetan

„Den Luxus können wir uns heute nicht mehr leisten.“ Diese Aussage kann man immer wieder hören, wenn Träger Sozialer Einrichtungen mit den fachlichen Vorstellungen konfrontiert werden, die Studierende aus ihrem Studium mit ins Praktikum bringen. Auf einmal scheint Soziale Arbeit, wie sie in Zeiten des früheren (noch nicht aktivierenden) Sozialstaates existierte, etwas zu sein, was wir uns heute – angesichts der viel beschworenen knappen Kassen und erst recht seit der Finanzkrise – nicht mehr leisten können. Auch diejenigen, die gute Soziale Arbeit für notwendig halten, teilen oft die Vorstellung von der unerreichbaren Luxusausgabe Sozialer Arbeit der 80er Jahre. Die „alten Zeiten“ mit ihren ausgebauten Strukturen und ihren Personalzahlen waren, so wird achselzuckend festgestellt, eben goldene Zeiten der Jugendhilfe und der Sozialen Arbeit, Zeiten, an die wir heute nur noch wie an Märchen denken können und die eben auch märchenhaft waren, also fantastische und unrealistische Luftschlösser.

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Deprofessionalisierung und zur Professionalität der Sozialen Arbeit

Auszüge aus "Schwarzbuch der Sozialen Arbeit" (Seithe 2011)

Zur Entwissenschaftlichung der Sozialen Arbeit

 

Nicht nur im Rahmen der konkreten Praxis, auch im Kontext ihrer wissenschaftlichen Begründung und Orientierung vollzieht sich bei der Sozialen Arbeit im Kontext des aktivierenden Staates eine tief greifende und folgenschwere Veränderung gegenüber ihrem lebensweltlichen Selbstverständnis.

Bedeutungsverlust der Gesellschaftswissenschaften für die Soziale Arbeit

In der professionellen Sozialen Arbeit ist die Bedeutung gesellschaftlicher Bedingungen und gesellschaftlicher Strukturen für die biografische und individuelle Entstehung der Problemlagen ihrer Klientel eine Grunderkenntnis. Der Einzelne mit seiner Problematik ist nicht begreifbar und angemessen „behandelbar“, wenn die sozialen Anteile seiner Lebenswelt nicht berücksichtigt werden. Die Sozialwissenschaften sind deshalb grundlegende Bezugswissenschaften der Sozialen Arbeit. Die Bezugswissenschaften geben der Handlungswissenschaft[1] Soziale Arbeit über ihre eigenen theoretischen und empirischen Essentials hinaus einen wissenschaftlichen Hintergrund für ihre Handlungskonzepte. Im Rahmen der neosozialen Konzeption von Sozialer Arbeit aber geht man beobachtbar auf Abstand zu den sozialwissenschaftlichen Hintergrundwissenschaften. Dies zeigt sich z.B. auch im Rückgang der Bedeutung des Studienfaches Soziologie an einigen Fachhochschulen. Völker weist darauf hin, dass die erzwungene Abstinenz vor allem sozialwissenschaftlicher Theorie, neben ihrer Auswirkungen auf den sozialpädagogischen, konkreten Handlungsprozess selber, auch eine direkte und sehr problematische Bedeutung für die Profession der Sozialen Arbeit als solche hat: „So wird für die Professionellen – und mit ihnen – ein Verlust an theoretischem Wissen über gesellschaftliche Verhältnisse und Zusammenhänge produziert“ (Völker 2005, S. 77).

Zudem hat sich die wissenschaftliche Sicht auf Gesellschaft, die im Rahmen von Sozialer Arbeit rezipiert wird, selber in den letzten Jahrzehnten verändert. Problemlagen wie Gewalt, Kriminalität, Arbeits- und Ausbildungslosigkeit bis hin zur „neuen Armut“ werden heute nicht selten als die Ergebnisse einer falschen und unangemessenen Lebensführung gesehen. Bislang und seit ihrer Entstehung thematisieren Sozialwissenschaften bei der Analyse sozialer Konflikte deren strukturelle, gesellschaftliche Ursachen und z.B. die entsprechenden Hintergründe von benachteiligten Lebenslagen. Bis Ende der 70er Jahre war eine entsprechende Programmierung des Sozialen in allen OECD Ländern selbstverständlich: Notlagen wurden eben nicht als individuelle Schicksale gesehen. Es gibt auch heute noch vereinzelt wissenschaftliche Ansätze, die im Unterschied zum Mainstream auch heute nach wie vor Formen der Armut und Ressourcenungleichverteilung mit der alten Sozialen Frage verbinden und entsprechende Forschungsansätze verfolgen. Sie zeigen anhand ihrer Ergebnisse auf, dass sich soziale Gegensätze auch heute durchaus in traditioneller Manier (Verteilung von Arbeit und Einkommen) manifestieren (vgl. Kessl 2009, S. 16).

Neosozial orientierte Wissenschaftler aber befassen gar nicht mehr mit solchen Themen. Sie konzentrieren sich stattdessen darauf, Dynamiken zu erfassen. „Sie verabschieden frühere Konzepte der Verteilungsgerechtigkeit und vertreten einen radikalen Konstruktivismus, der alles relativiert“ (Mäder 2009, S. 49). Wie sich bei aktuellen Sozialstrukturanalysen und beim Wandel der Debatten über die Armut zeigt, wird sehr oft das Gesellschaftliche im Individuellen vernachlässigt (ebenda, S. 43). Mäder stellt fest, dass die heute übliche Sicht von „horizontal differenzierten Ungleichheiten“ eher die Lebensauffassung, den Lebensstil und die Wertorientierung betont. Solche Lagen- und Milieuanalysen weisen zwar auf wichtige Unterschiede hin, vernachlässigen aber gesellschaftliche Gegensätze. Sie suggerieren eine Entwicklung weg von Klassen und Schichten hin zu Lagen und Milieus. Die Folge einer solchen Sichtweise ist es dann, „die Ursachen sozialer Ungleichheit ins Innenleben der Menschen zu verlegen“ (ebenda). Und genau diese Auffassung ist typisch für die neosoziale Denkweise und heute weit verbreitet. So berichtet auch Kessl: Es werden z.B. Kinder und Jugendliche nach beobachtbaren Verhaltensmustern kategorisiert. Ihre Lebenslagen aber bleiben systematisch unberücksichtigt. Die soziale Benachteiligung und Perspektivlosigkeit von Jugendlichen wird zwar gesehen, aber sofort ausgeblendet. Ihnen wird keine Anwaltschaft angeboten, die ihnen hilft bei der Durchsetzung ihrer Rechte und Lebensinteressen, sondern es werden ihnen Verhaltensänderungen angetragen (vgl. Kessl 2005a).

Interessant ist in diesem Kontext die aktuelle Bedeutung der Resilienzforschung[2]: Es interessiert die Wissenschaft heute in besonderem Maße, wie Menschen ihre soziale Integration trotz der schwierigen Bedingungen geschafft haben und schaffen können. Die Bedingungen für ihre schwierige Lebenslage aber werden dabei nicht hinterfragt. Wo aber z.B. Arbeitslosigkeit nicht als Folge von Wirtschaftentwicklungen und politischen Entscheidungen erkannt wird, sondern nur „als misslingendes Matching von Angebot und Nachfrage“ (Völker 2005, S. 81), bleibt sie privates Schicksal, dem vom Betroffenen nur mit vermehrten Anstrengungen für eine noch bessere Eingliederung in den Arbeitsmarkt entgegengetreten werden kann.

Wie schon oben erwähnt, wird z.B. von Roer (2010) die These vertreten, dass die Soziale Arbeit schon in den 80er Jahren mit dem Aufgreifen von gesellschaftswissenschaftlichen Theorien - wie etwa der Theorie von Ulrich Beck - auf die gesellschaftstheoretische Positionierung ihrer Profession verzichtet habe. Ausgegangen worden sei seit dieser Zeit in der Sozialen Arbeit vielmehr davon, dass sich die alte Soziale Frage erübrigt habe, dass sich soziale Strukturen und gesellschaftliche Zusammenhänge nicht mehr in Konstrukten wie Klassen, Gruppen oder Schichten abbilden ließen und somit auch keine Aussage über den Hintergrund unterschiedlicher Lebenslagen und unterschiedlicher, gesellschaftlich bedingter Ressourcenausstattungen ermöglichen würden. Für Roer liegt in dieser Zeit und in dieser „modernen“ theoretischen Verortung der Sozialen Arbeit die Ursache, warum sie heute, in Zeiten des aktivierenden Staates, ohne nennenswerte Widerstände bereit war und weiter bereit ist, die radikale Individualisierung, die von ihr erwartet wird, zu schlucken und auch mit zu betreiben.

 Begrenzte Rezeption der Wissenschaft Psychologie

Die neosoziale Aktivierungsstrategie verzichtet also weitgehend auf sozialwissenschaftliche Bezüge und beschränkt sich auf individuelle Zugänge. Ihre Aufmerksamkeit gilt vor allem der Änderung und Beeinflussung des Verhaltens der Menschen. Verhaltensmodifikation und Sozialtechniken stehen im Vordergrund ihres Interesses. So konstatiert z.B. Lutz: „So sind immer mehr Maßnahmen erkennbar, die den Charakter von Trainings haben: etwa Elterntrainings, Familienaktivierungsprogramme, Trainings in der Jugendhilfe oder Armutsbewältigungsprogramme. Diese sollen vor allem zur rationalen Steuerung des eigenen Verhaltens hinsichtlich seiner Folgen beitragen“ (Lutz 2008). Im Rahmen ihres Interesses an Verhaltensmodifikation greift die neosoziale Soziale Arbeit auf die Wissenschaft Psychologie zu. Interessant und relevant für das neosoziale Erziehungsprojekt ist aber nur direkt verwertbares, verhaltensrelevantes Wissen. In einem pädagogischen Prozess, der wie oben beschrieben, von der Zielperspektive sowie von der Berücksichtigung ganzheitlicher Strukturen her eng geführt ist, der zudem restriktiv zeitlich eingeschränkt wird, der das Lernergebnis kurzfristig an konkreten Verhaltensänderungen ablesen möchte und der sich um die motivationalen, kognitiven und emotionalen Hintergründe des inneren Lernprozesses seiner Klientel nicht weiter kümmert, spielen nur Teilaspekte der Psychologie eine Rolle. Faktisch wird also auch die Psychologie als Grundlagenwissenschaft nicht angemessen reflektiert und rezipiert, denn sie böte sehr wohl wissenschaftliche Hintergründe, die für einen partizipativen Umgang mit Menschen und für eine intrinsische Motivierung von Lernprozessen gebraucht werden. Neben der Ignoranz gegenüber den Sozialwissenschaften zeigt sich im Rahmen der neosozialen Orientierung also wissenschaftstheoretisch außerdem eine Reduktion der Psychologie auf Psychotechnik.

Die Frage nach den sozialen und politischen Hintergründen von Problemen ist im Rahmen eines ökonomischen Paradigmas Sozialer Arbeit, das nur nach dem unmittelbaren Nutzen fragt, viel zu „komplizierend, zeitraubend, darum tendenziell überflüssig“, stellt Staub-Bernasconi ironisch fest und betont weiter: „Einsichten in die externen Bedingungen und inneren Beweggründe des bisherigen Versagens braucht es keine. Die Rückschau in die Biografie, die gemachten negativen wie positiven Erfahrungen in den verschiedenen Interaktionsfeldern und sozialen Systemen, so wird unterstellt, wirken lähmend. Die Schau in die Zukunft unter Einsatz positiver Anreize wirkt hingegen positiv, Verhalten motivierend. Auf diese Weise lässt sich mit kurzen Zeitvorgaben und methodischen Schnellverfahren arbeiten…. Von Professionalität kann hier keine Rede sein“ (Staub-Bernasconi 2007b, S. 32f).

 Verzicht auf eine Theorie basierte Praxis

Ohne Rückbezug auf theoretischen Hintergründe gerät Soziale Arbeit zu einer Praxis, die ihre Schritte nicht wissenschaftlich begründen und hinterfragen kann, sondern die bestenfalls ein vorgegebenes Handlungsschema abarbeitet und anscheinend erfolgreiche Praktiken kopiert.

Hier wird einmal mehr deutlich, dass die Zeitverknappung für den aktivierenden Staat keineswegs nur aus Effizienzgründen Sinn macht. Die knapp geschnittenen Zeitkontingente reichen aus bzw. haben auszureichen, weil die sozialen Hintergrundthemen, die Zeit erfordern würden, gar nicht mehr gewünscht sind (vgl. auch Klüsche et al. 1999; Rietzke 2006, S. 201). Auch im Rahmen der Evidenzbasierung (vgl. Kap. 3.6) versteht neosoziale Soziale Arbeit sich nicht mehr als theoretisch geleitete Handlungswissenschaft, sondern als ‚wissenschaftlich fundierte Versorgungspraxis’. Die Einschätzung der wissenschaftlichen Verankerung der „aktivierenden Sozialen Arbeit“ fällt bei Staub-Bernasconi sehr kritisch aus: „Erkennen ist auf die Suche nach Zusammenhängen, Erklärungen, Lösung kognitiver Probleme ausgerichtet. Die Reduktion von Erkenntnistheorie auf die Lösung praktischer Probleme oder noch enger, d.h. ausschließlich auf das, was mir nützt, ist eine theoretisch und empirisch unzulässige Verkürzung menschlichen Erkennens, Fühlens, Bewertens und Wollens“ (Staub-Bernasconi 2007b, S. 30).

Die im dritten Kapitel ausführlich erläuterte Wirkungsorientierung sowie die in jüngster Zeit angewandte Evidenz basierte Praxis Sozialer Arbeit haben deutlich gemacht, dass es in der Sozialen Arbeit des aktivierenden Staates nicht mehr um wissenschaftliche Zusammenhänge und sozialwissenschaftliche Hintergründe von Problemlagen geht. Ziel ist eine möglichst wirkungsvolle Praxis. Wissen, dass dazu dienen kann, die Nützlichkeit und Brauchbarkeit bestimmter Methoden oder Praktiken unter Beweis zu stellen, nur solches Wissen ist noch von Belang. Man geht auf Distanz zum Theorie basierten Umgang Sozialer Arbeit mit gesellschaftstheoretischen Theorien „höherer Reichweite“ (vgl. z.B. Schmidt 2006, Meng 2009). Diese böten keine gesicherten Daten und stellten keine Handlungsmöglichkeiten zur Lösung drängender Praxisprobleme zur Verfügung. Folge davon seien dann autoritätsbasiertes Wissen und eine laienhafte, subjektive Synthese der Praktiker. Statt einer Basierung auf angeblich autoritätsbasiertem Wissen und der scheinbar zufälligen und subjektiven Beurteilung der Situation durch die jeweilige Fachkraft, wird es für notwendig gehalten, für fachliche Entscheidungen eine rationale Grundlage heranzuziehen. Diese wird in „wissenschaftlichen Erkenntnissen über die tatsächliche (und nicht vermutete) Wirksamkeit der einzelnen Versorgungsstrategien der Sozialen Arbeit gesehen“ (Meng 2009; Sommerfeld 2007). Wissenschaft wird hier mit empirischen Ergebnissen über konkrete Wirkungen gleichgesetzt. Eine Fallbearbeitung wie sie z.B. im Rahmen der multiperspektivischen Fallarbeit (B. Müller 2008) mit der Perspektive „Fall von“ gefordert wird, bei der man vom „anerkannten Allgemeinen“ auf den konkreten Fall im Sinne einer „wenn-dann-Beziehung“ schließt, wird somit in den Bereich der Spekulationen verwiesen. Die hier favorisierte Konzeption von Wissenschaft ist nicht nur pragmatisch und empiristisch, sondern auch von einer grundsätzlichen Theoriefeindlichkeit geprägt.

Standardisierung als Folge einer unwissenschaftlichen Auffassung von Sozialer Arbeit

Die Anwendung der Methoden in der Sozialen Arbeit, die dem Prinzip der Methodenoffenheit zu folgen hat und die eine Passung der Methoden mit der handlungsleitenden Konzeption auf der einen und mit den konkreten Ressourcen, Zielen und Möglichkeiten der Klienten auf der anderen Seite voraussetzt und die damit eine wissenschaftlich geleitete Fallanalyse sowie ein hermeneutisches Fallverstehen erforderlich machen (vgl. Oevermann 2000, B. Müller 1997) verbietet eine Standardisierung und Pauschalisierung von methodischem Vorgehen von vorneherein.
Die Praxis aber sieht heute anders aus: Es liegt nahe, dass bei dem beschriebenen Verständnis von sozialpädagogischem Handeln die Handhabung der Methoden Sozialer Arbeit zunehmend standardisiert erfolgen und ein standardisiertes Vorgehen im gesamten „Hilfeprozess“ praktiziert werden wird. Für die Jugendhilfe
z.B. fordert das KJHG im § 27 zwar eine Herangehensweise, die je nach konkretem Fall individuelle Lösungsansätze ermöglicht und verlangt außerdem, dass Aspekte des sozialen Umfeldes bei der Hilfeplanung und der Hilfe einbezogen werden. Davon aber will die neosoziale Arbeit offensichtlich nicht mehr viel wissen. Man versucht, der notwendigen individuellen Passung auf dem Wege der Schematisierung und differenzierenden Eingruppierung in Klassifikationsschemata gerecht zu werden. „In der Fallarbeit werden Ursachensuche, hermeneutisches Fallverstehen und Lebensweltorientierung zunehmend unwichtig, da lediglich die von den jeweiligen Programmen vorgegebenen Verhaltensstandards durchgesetzt werden müssen. … Die Autonomie in der Fallbearbeitung (wie Expertise, freie Wahl der Mittel, methodische Autonomie im Umgang mit KlientInnen u. ä.) wird schrittweise eingeschränkt und führt auf absehbare Zeit möglicherweise zu einer grundsätzlich veränderten Professionalität in der Sozialen Arbeit“, schätzen Dahme und Wohlfahrt (2002, S.20) ein. Sie merken an, dass mit Hartz IV erstmals standardisierte Steuerungs- und Messinstrumente zum Einsatz kamen, die trotz anderer Bekundung nicht dazu ausgelegt sind, sich „mit den individuellen Befindlichkeiten und Besonderheiten des Einzelfalls aufzuhalten“ (ebenda, S. 73). Es werden Diagnosebögen im Sinne eines „Risiko-Screenings“ eingesetzt, die ihrer Meinung nach an Methoden aus „dem Bereich der Kfz Haftpflichtversicherung“ erinnern (ebenda) und die nichts mehr gemein haben mit einer face-to-face-basierten Aushandlung mit den individuellen Adressaten. Ziegler (2008, S. 165f) weist auf den wichtigen Sachverhalt hin, dass Standardisierung und „Manualisierung“ pädagogischer Praxis dann und nur dann die gewünschten Effizienz- und Effektivitätsverbesserungen erzeugen kann, wenn sie von angelernten Fachkräften erbracht werden, nicht aber dann, wenn die Fachkräfte gut und professionell ausgebildet sind. Die angelernten Kräfte setzen das Programm detailgetreu um. Die Fachkräfte dagegen verfügen über einen fachlichen „Eigensinn“ und reproduzieren das vorgegeben Programm nicht exakt genug, was aber dann die Wiederholung als erfolgreich identifizierter Programme verhindert. Ebenso kann eine Fachkraft im Sinne der Perspektive „Fall von“ (B. Müller 2008) sehr wohl die Angemessenheit und auch eine zu erwartende Erfolgswahrscheinlichkeit für bestimmte Strategien ihrer Arbeit ableiten. Jemand, der dafür nicht die wissenschaftlichen Kenntnisse und Kompetenzen hat, wird sich zu Recht auf der Seite von Datenbänken sicherer fühlen, die aus fachlicher Sicht oft umständlich und auf virtuellen Umwegen zu Einsichten verhelfen, die für einen professionellen Sozialarbeiter selbstverständlich sind. Das Sozialmanagement braucht also solche, wie Ziegler sie nennt „sozialtechnologische ExekutivpraktikerInnen“, um die von ihm erwünschten Effizienzverbesserungen durch Routine und vorgestanzte Soziale Arbeit erreichen zu können.

Soziale Arbeit könnte so schließlich zu einer Praxis verkommen, wie wir sie heute schon in vielen Feldern und Bereichen der Gesellschaft kennen, wo Menschen Informationen, Beratung und konkrete Hilfe benötigen und statt dessen stundenlang in den Warteschleifen von Telefonhotlines festgehalten werden, immer in der Hoffnung, am Ende doch noch mit einem kompetenten und kommunikationsfähigen, da leibhaftigen Sachbearbeiter verbunden zu werden.

Nicht mehr die fachlich kompetente Entscheidung über den Methodeneinsatz ist z.B. kennzeichnend für die reale Praxis der Sozialen Arbeit, sondern das Arbeits- und Qualitätshandbuch, in dem geschrieben steht, wie hier gearbeitet werden soll. Die meist vorgeschriebene Methode Case Management eignet sich scheinbar bestens zur Standardisierung und zu einer einseitigen Ausrichtung auf Verhalten (vgl. z.B. Heite 2008, S. 184; 10 a.a.O.). Die MitarbeiterInnen haben keine Chance, andere Methoden zu wählen, auch wenn sie gelernt haben, dass für die Soziale Arbeit die Methodenoffenheit von entscheidender Bedeutung ist (vgl. z.B. Thiersch 1993; Galuske 2008).

Im Kontext der Ökonomisierung wurde diese Entwicklung zur Standardisierung mit der erforderlichen Effizienz begründet. Hier, im Kontext des neosozialen Ansatzes des aktivierenden Staates, zeigt sich auch der konzeptionelle und ideologische Sinn einer reinen Verhaltensbeeinflussung von Menschen, der Zweck und Sinn der Standardisierung und auch der Sinn des Verzichtes auf eine gesellschaftliche Ursachenforschung: Das Funktionieren der Menschen im Kapitalismus der Zweite Moderne ist vor allem ihr eigenes Problem. Das System ist bereit dieses Funktionieren technisch zu unterstützen. Eine gesellschaftliche Verantwortung für die Schwierigkeiten der Menschen mit der Lebensbewältigung in dieser Gesellschaft aber wird abgelehnt.



[1] Im Unterschied zur Grundlagenwissenschaft, die einen Gegenstand als solchen betrachtet, geht es in einer Handlungswissenschaft um Praxis. Der Gegenstand der Handlungswissenschaft Soziale Arbeit ist das professionelle soziale Handeln in der Gesellschaft.

[2] Unter Resilienz wird die Fähigkeit verstanden, auf die Anforderungen wechselnder Situationen flexibel zu reagieren und auch anspannende, erschöpfende, enttäuschende oder sonst schwierige Lebenssituationen zu meistern. So werden zum Beispiel Kinder als resilient bezeichnet, die in einem sozialen Umfeld aufwachsen, das durch hohe Risikofaktoren wie zum Beispiel Armut oder Gewalt gekennzeichnet ist, und sich dennoch zu erfolgreich sozialisierten Erwachsenen entwickeln.


Deprofessionalisierung

Was bedeutet Deprofessionaliserung ?

Deprofessionalisierung findet dann statt, wenn immer weniger Wert auf Professionalität gelegt wird, wenn die Professionalitätsmerkmale wie Autonoimie der Fachlichkeit, wissenschaftliche Grundlagen, Nichtstandardisierbarkeit von Handlungsfoflgen und Lösungswegen) eine zunehmend geringe Bedeutung für die erforderte Leistung durch Sozialarbeitende in der Praxis spielen.

Wenn nicht mehr denkende, fachlich qualifizierte und zu eigenständigen, fachlich hergeleiteten Entscheidungen fähige PraktikerInnen gebraucht und gewünscht werden, nimmt die Soziale Arbeit Formen von Standardisierung und Bürokratisierung an, die einer professionellen Handhabung dieser "Kunst" widersprechen.  Dann kann die Arbeit auch von Computern, von angelernten Kräften oder ganz anders ausgebildeten Kräften erledigt werden. Bei einer halbwegs fachlich geleiteten  Standardisierung werden auch sie zumindest einigermaßen sinnvolle Schritte gehen - allerdings sind dies im Wesentlichen  vorgegebene  Schritte, die nur in der Lage sind, bestimmte standardisierte Fallkonstellationen richtig zu bearbeiten. Eine denkende SozialarbeiterIn wäre im Rahmen solcher Standardisierungen  möglicherweise sogar weniger erfolgreich, weil sie von den starren Vorgaben abweichen würden und das ganze Schema durcheinander brächte.

  • Handbücher, die für bestimmte Situationen genau Anleitungen enthalten, wie eine SozialarbeiterIn reagieren und hndeln muss,
  • Orientierung an Best Practice-Listen, die zwar erfolgreiche Besipiele kopieren, aber nicht in der Lage sind, über diese realen Beispiele hinauszudenken und sie kritisch einzuschätzen,
  • Evidenzbasierte Soziale Arbeit, die sich damit begnügt, das zu tun, was nach statistischen Erfahrungen meistens am esten zum Erfolg geführt hat (wobe noch die Definition von Erfolg in Frage steht),
  • Software-Programme, die die SozialarbeiterIn sicher und genau durch den Djungel der Hilfeplanung lotst, ohne dass diese dabei denken muss und ohne dass die kommunikative und pädagogische Seite der Hilfeplanung dadurch befördert wird.

all das sind Praktiken, die auf Deprofessionalisierungstendenzen hinweisen. Man bricht die Soziale ARbeit auf eine Art Ikeal-Bau-Anleitung für Laien herunter und nimmt iihr damit dei Möglichkeit, kreativ, krtisch, produktiv und wissenschaftlich verantwortlich an ihre Aufgaben heranzugehen. 

Und welches sind ihre Ursachen?

Es gibt zwei entscheidende Hintergründe für die fortschreitende Deprofessionalisierung:

1. Deprofessionalisierte Soziale Arbeit ist zum einen einfach billiger. Deprofessionalisierung ist ein Weg der Einsparung von Kosten. Sie erzeugt geringere Personalkosten.

Und wenn man mit Teilzeitverträgen, mit befristeten Stellen, mit Unterbezahlung und unbezahlten Überstunden arbeitet, muss man die Komplexität der Sozialen Arbeit und ihren Anspruch, als wirkliche kommunikative Unterstützungsinstanz zu agieren, herunterschrauben, damit sie unter solchen Bedingungen in Angriff genommen werden kann. Und wer mit Leiharbeit und Ein-Euro-Jobbern , mit ungelernten Kräften arbeiten will, muss die Soziale Arbeit zwangsläufig  fachlich so zurechtstutzen und  versimplifizieren, dass sie scheinbar sinnvoll von solchen Kräften übernommen werden kann.

Staub-Bernasconi (2007):

„Die zunehmende Standardisierung rechtfertigt den vermehrten Einsatz von Software, von gering qualifizierten, flexiblen Fachkräften, Quereinsteigern sowie die Ausweitung des Anteils von sozial ungeschützten Teilzeit- und Werkvertragskräften.“… „Die Prekarisierung der Arbeit Sozialer Dienste geht Hand in Hand mit der Standardisierung ihrer Inhalte.“

 

2. Zum zweiten scheint eine autonome Soziale Arbeit einem an Kontrolle eines so kostenintensiven Sozialen Bereiches interessierten Staat höchst verdächtig und gefährlich.

Nicht nur, dass man der Profession Soziale Arbeit Ziele und Wege vorschreibt, man definiert auch das, was als Erfolg in der Sozialen Arbeit zu gelten - natürlich fachfremd, aus betriebswirtschaftlicher Sicht.

Man verlangt Wirksamkeit, ohne der Sozialen Arbeit die Bedingungen für Wirksamkeit zu gewähren und ohne die fachliche Wirksamkeitsdefinition zu akzeptieren.

Eine standardisierte Soziale Arbeit, Methoden, die sich steuern und kontrollieren lassen (wie z.B. das Casemanagement) , ein umfangreiches Berichtswesen, all das macht Soziale Arbeit nach außen übersichtlich, ermöglicht hemmungslos Ein- und Übergriffe in Fachlichkeit und sichert die Kontrolle über die Kosten und über die Ziele.

Denn die ethischen Ziele der professionellen Sozialen Arbeit sind nicht die Ziele einer Gesellschaft, der es nur darauf ankommt, ihr Humankapital zu pflegen.

 

Der Kampf um unsere Professionalität ist der Kampf für eine qualifizierte, wirklich hilfreiche und wirkungsvolle Soziale Arbeit und dient der Durchsetzung  einer gesellschaftlichen Vorstellung und Anerkennung von Sozialer Arbeit als anspruchsvolle, verantwortliche und wissenchaftlich geleitete "Kunst", für die entsprechend ausgebildet werden  und die entsprechend bezahlt werden muss.

 

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