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Soziale Ungleichheit und Ausgrenzung

Auszug aus: Schwarzbuch Soziale Arbeit (Seithe 2011)

Ungleichheit bedeutet eine Differenzierung der Gesellschaft in Gruppen unterschiedlicher Teilhabe. Schon immer gab es in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ausgegrenzte Menschen und Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen mussten.

Ausschluss und Zurückweisung von „Überflüssigen“

Im Unterschied zum Sozialstaat, der durch „Reduzierung der Bildungs-, Qualifikations- und Einkommensdefizite kompensatorisch tätig wird“ (vgl. Simon 2005, S. 158), versucht der aktivierende Staat nicht, diese Menschen durch materielle Leistungen zu integrieren. Er fordert sie stattdessen auf zu Entwicklung von Eigeninitiative und Engagement. D.h. er fordert von ihnen Eigenverantwortung und das unabdingbare Bemühen, irgendwie doch in Arbeit und Brot zu kommen, um sich eigenständig ernähren zu können. Wer dieses Angebot nicht annimmt oder nicht annehmen kann, fällt aus dem Rahmen und wird einer Gruppe von Menschen zugezählt, die nicht förderungsfähig sind und die somit die Erwartungen der Gesellschaft nicht erfüllen. So konstatiert Anhorn, es „findet sich in den kapitalistischen Metropolen eine stetig steigende, in dauerhafter Armut und Arbeitslosigkeit lebende Zahl von so genannten Überflüssigen und Entbehrlichen, die von gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten weitgehend abgeschnitten sind und die nicht einmal als potentielle Arbeitskräfte oder Konsumenten zu mehr als nur einem marginalen Gegenstand ökonomischer Verwertungskalküle werden, sich dafür aber um so mehr entweder blanker staatlicher Repression und/oder der fürsorglichen Hilfe und Kontrolle Sozialer Arbeit überantwortet sehen“ (Anhorn 2005, S. 21). So konstatiert z.B. auch Lutz: Soziale Arbeit „wird Dienstleister sein … sowie Motivator zur Aktivierung individueller Kräfte. Andererseits wird sie aber auch neue Kontroll- und Überwachungsprogramme entwerfen müssen, die im Rahmen einer vermehrt wieder zur Aufgabe werdenden Elendsverwaltung notwendig werden“ (Lutz 2008). Ein Teil der unteren und mittleren Milieus betreibt also wie erwünscht aktive Strategien der Flexibilisierung und es gelingt ihnen eine anscheinend „erfolgreiche“ Anpassung. Andere Teile dieser Milieus können notgedrungen (weil chancenlos) diese Situation nur mit Resignation oder Anomie (Delinquenz, Schattenwirtschaft) bewältigen (vgl. Chassé 2007b, S. 26). Der aktivierende Staat interessiert sich nicht sonderlich für die Nöte und Biografien solcher Menschen. Die Hilfestrategien der Aktivierung lassen sie deshalb immer wieder im Regen stehen. Hier findet sich eine neue Grenzlinie zwischen verachteten und respektablen Gruppen der Gesellschaft.

Auch in der Sozialen Arbeit macht sich zunehmend eine Mentalität breit, die Menschen aus ihrem Zuständigkeitsbereich wegschieben möchte. Soziale Arbeit ist allzuständig, sie kann nicht auf andere Zuständigkeiten verweisen, sie ist sozusagen die letzte gesellschaftliche Instanz, wenn es darum geht, Menschen vor dem gesellschaftlichen und persönlichen Absturz zu bewahren. Sie war im Sozialstaat tatsächlich ein Netz, in dem diejenigen aufgefangen wurden, bei denen sonst nichts mehr ging. Heute aber hat dieses Netz große Löcher bekommen. Auch die Soziale Arbeit gibt Menschen inzwischen auf, ist froh, wenn schwierige Jugendliche endlich volljährig werden und damit aus ihrem Zuständigkeitsbereich heraus fallen oder wenn andere „Hilfesysteme“ sich ihrer annehmen müssen (Psychiatrie, Strafvollzug).

Beispiel
„Da können wir auch nichts mehr machen.“
Mike hat mit seinen nun 18 Jahren schon eine lange „Jugendhilfekarriere“ hinter sich gebracht. Die Schwierigkeiten mit ihm fingen an, als er 8 Jahre alt war. Er wurde eines Tages von seiner Mutter ins Jugendamt gebracht, die ihn nicht mehr haben wollte. Er würde stehlen und sei nur noch frech und er würde seine kleine Schwester bedrohen, wenn er mit ihr alleine wäre. Damals kam Mike ins Heim, wo er für 2 Jahre blieb. Im Heim war er nicht sonderlich beliebt, weil er auch dort andere bedrohte und ständig die Schule schwänzte. Mit 10 Jahren geriet Mike an Drogen, was ihm einen Rauswurf aus seinem Heim einbrachte. Er musste erneut bei seiner Familie leben, die ihm aber die Hölle heiß machte und alles daran setzte, ihn wieder los zu werden. Schließlich landete er in einem anderen Kinderheim, wo auch seine Drogensucht behandelt wurde. Dort blieb er für ganze vier Jahre. Das war eigentlich die ruhigste Zeit in seinem Leben. Mit 15 Jahren wurde Mike bei einem Ladendiebstahl mit einem Kumpel erwischt. Ab da geriet er unter Stress. Ihm wurde für den Fall einer Wiederholung erneut ein Rausschmiss angedroht. Ein erneuter Diebstahl führte deshalb zu einem Heimwechsel. Mit 16 beendete Mike die Schule ohne Abschluss. Sein neues Heim bemühte sich, ihn in eine Berufsvorbereitungsmaßnahme zu integrieren, bei der er auch in heimähnlichen Strukturen Aufnahme finden könnte. Mike brach diese Maßnahme selber ab. Er lebte für mehrere Monate auf der Straße. Als ihn die Polizei volltrunken aufgriff, wurde er in Obhut genommen und erneut in ein Heim eingewiesen. Hier konnte man mit ihm auch nicht viel anfangen. Als er wieder einmal einen Streit anfing und ein Mädchen leicht dabei verletzte, wurde er auf der Stelle in die Jugendpsychiatrie eingewiesen. Dort verbrachte Mike ein halbes Jahr. Er wurde entlassen mit der Auflage, dass er im Kontext seiner Heimerziehung einem Psychotherapeuten vorgestellt werden solle. Mike weigerte sich und drohte, das Heim anzuzünden, wenn sie ihn zwängen, wieder zu so einem Seelendompteur zu gehen. Das für ihn zuständige Jobcenter machte inzwischen Druck, weil Mike, wenn er demnächst 18 werden würde, nicht mehr über die Jugendhilfe finanziert würde und dann Hartz VI-Empfänger werden müsse. Das Heim gab eine schlechte Prognose ab über seine Chancen, sich in ein Arbeitsverhältnis einzubringen. Mit 18 Jahren endete für Mike die Jugendhilfe. Eine weitere Förderung im Rahmen der Jugendhilfe wäre nur möglich gewesen, wenn er sich in einer laufenden Maßnahme befunden hätte. Das hat er weder gewollt, noch war die Jugendhilfe sonderlich interessiert an einer solchen Perspektive. Er lebt nun in einer privaten und unbetreuten Wohngemeinschaft mit anderen ehemaligen „Heimzöglingen“. Er hat Probleme, mit dem Geld klar zu kommen und hat ständig Streit mit seinen Mitbewohnern. Um seinen Lebensunterhalt von der ARGE zu bekommen, muss Mike jetzt an Trainingskursen teilnehmen, die ihn langweilen. Nur die Arbeit mit dem Computer findet er einigermaßen brauchbar. Den Rest schenkt er sich, was ihm eine dreimonatige Sperre der Grundsicherung bringt. Mike fängt wieder an zu trinken. Sein Jobcenter schickt ihn zur Drogenberatung, was er aus Angst vor einer erneuten Sperre nicht verweigert. Und dort sitzt nun ein Mitarbeiter vor einem riesigen Problemberg und einem Unglückshaufen von Mensch, hat aber die Aufgabe, diesen Menschen trotz allem möglichst schnell auf irgendeine Weise wieder arbeitsfähig und vor allem arbeitswillig zu machen. Für Verständnis und Akzeptanz gibt es hier kaum Raum. Er macht also auch Druck und da dieser nicht greift, zuckt er die Schultern – und verspielte vielleicht die letzte Chance, für Mike, doch noch einen Weg aus seiner Lage herauszufinden. Mike hat genügend Kontakte, um diesem Spiel insofern ein Ende zu setzen, als er nun plant, in Zukunft zu versuchen, seinen Unterhalt wirklich selber zu sichern, durch Kleinkriminalität und perspektivisch wohl als Insasse eines deutschen Gefängnisses.

 Zwei-Klassen-Soziale Arbeit im investiven Staat

Im Umgang mit Menschen, die nicht erfolgreich sind und weniger Ressourcen aufweisen, erweist sich auch die gezielte Investitionspolitik des aktivierenden Staates als Faktor, der die schon vorhandene Ungleichheit weiter verstärkt. Wie schon weiter oben festgestellt, zeigen Dahme und Wohlfahrt (2005) auf, dass ein Zusammenhang zwischen sozialpolitischer Aktivierungspolitik und investiver Sozialpolitik besteht: Soziale Investitionen unterscheiden sich, je nach dem, welche gesellschaftlichen Zielgruppen sie betreffen. So äußerte sich z.B. der spätere Wirtschaftsminister Clement im Jahre 2003 folgendermaßen: „Soziale Gerechtigkeit muss für uns heißen, eine Politik für jene zu machen, die etwas für die Zukunft unseres Landes tun. Um sie – und nur um sie – muss sich Politik kümmern („Die Zeit“, 17.12.2003). Investiert wird in erster Linie in den, für den es sich lohnt und der entsprechende Effekte zeigen wird. Auf diese Weise werden die Menschen eingeteilt in produktive und unproduktive Gruppen der Gesellschaft. Investition erfolgt dann vorzugsweise in produktive oder zukünftig produktive Gruppen. Unproduktive Gruppen bekommen bestenfalls eine minimale Grundversorgung ab. Dieses Vorgehen erinnert an das Konzept in den USA, wo zwischen „würdigen und unwürdigen Armen“ unterschieden wird. Es erinnert vor allem aber auch an historische Vorläufer aus dem 19. Jahrhundert (vgl. Hering 2000). Im Klartext heißt das, dass der Sozialpolitik nicht mehr alle gesellschaftlichen Gruppen gleich viel wert sind. Unsere Gesellschaft überschreitet hiermit eine gefährliche Grenze. Die Unterscheidung in Menschen, die etwas wert sind, also z.B. sozialpolitische Investitionen, und solche, die diese nicht wert sind, gemahnt zudem eindringlich an die dunkelste Epoche unserer deutschen Geschichte.

Es gibt in unserer Gesellschaft längst Praktiken, die gezielt und bewusst zur Ausgrenzung und Ghettoisierung bestimmter Bevölkerungsteile gedacht sind, z.B. alle Maßnahmen, um Obdachlose, Alkoholtrinkende oder aggressionsbereite Jugendliche aus den Innenstädten und von Plätzen zu vertreiben. So führte z.B. der Zwang der Hartz-Gesetzgebung zur Miete in Wohnungen mir günstigen Mieten dazu, dass bestimmte Stadtviertel mit vielen Billigunterkünften zu Sammelorten werden, in denen vor allem Hartz IV Empfänger wohnen (eine Entwicklung, der man vorher übrigens mit sozialpolitischen Mitteln versucht hatte entgegen zu wirken, um die Kumulation bestimmter Problemlagen in manchen Stadtteilen zu verhindern.)

Für die Gruppe der Verlierer im aktivierenden Staat wird oft der Begriff ‚Exklusion’ verwendet. Der Begriff wurde 2002 von Kronauer erstmalig benutzt. Der verwand ihn im Kontext der Verfestigung der Massenarbeitslosigkeit seit Beginn der 80er Jahre, um diese sozialpädagogisch zu skandalisieren und entsprechende Maßnahmen insbesondere der Gemeinwesenarbeit zu fordern (vgl. Kronauer 2002). Heute scheint der Begriff unzureichend. Er unterstelle, so Kessl (2005b), ein Innen und ein Außen der Gesellschaft, ohne das Innen infrage zu stellen oder auch nur zu berühren. Und er beschreibe nur einen Zustand, ohne aber den Prozess, der zu diesem Zustand geführt hat, zu thematisieren. Der Begriff berge deshalb, so Kessl weiter, die Gefahr, dass dieses Entkopplungsergebnis nicht als Ergebnis politischer Entscheidungen erkannt, sondern als quasi-naturalistische Verkürzung angesehen wird.

Soziale Arbeit gerät durch diese investive Politik in die Lage, eine Zwei-Klassen-Soziale Arbeit zu werden. Die Tatsache wird allgemein gesehen, aber je nach Einstellung angeprangert, bedauert oder auch achselzuckend hingenommen. So kommentiert z.B. Lutz diesen Sachverhalt wie folgt: „Vor diesem Hintergrund wird die gesellschaftliche Funktion Sozialer Arbeit klarer, die sich im Kontext der Reformulierung des Sozialen herauszubilden scheint: Aktivierung und Training der Fähigen und Erfolgversprechenden auf der einen Seite; Versorgung, Verwaltung und Kontrolle derjenigen, die zur Aktivierung nicht mehr geeignet erscheinen, auf der anderen“ (Lutz 2008). Und für diese zweite Gruppe, so fügt Lutz treffend hinzu, stehen zur Erfüllung „nur niedrige Budgets, Spenden und Almosen zur Verfügung“ (ebenda).

Auf diese Weise kann Soziale Arbeit im Kontext des aktivierenden Konzeptes gar nicht anders, als selber zur Verfestigung, Ausweitung und zur weiteren Entstehung sozialer Ungleichheit beizutragen. In dem Maße, indem Soziale Arbeit hier einbezogen wird oder selber aktiv am Prozess beteiligt ist, übernimmt sie Aufgaben der Diskriminierung, der Selektion und der Ausschließung von Menschen (vgl. auch Simon 2006, S. 158 oder Eick 2005, S. 112).

 Soziale Arbeit in den „Reservaten des Misslingens“

Es zeichnet sich also ab, dass Soziale Arbeit es immer mehr mit zweierlei Menschengruppen zu tun haben wird: Mit denen, die noch integrierbar scheinen und sich einer Aktivierung nicht verschließen und mit denjenigen Menschen, die sich nicht aktivieren lassen und von der Gesellschaft marginalisiert und ausgeschlossen werden (vgl. Bommes/Scherr 1996, S. 116). Es spricht einiges dafür, dass diese Gruppe der Menschen insbesondere angesichts der aktuellen Krisen und ihrer Folgen weiter anwachsen wird. Galuske spricht davon, dass „weite Teile der sozialpädagogischen Infrastruktur zu mehr oder minder komfortablen Wartehallen vor den Toren der Arbeitsgesellschaft“ werden könnten (Galuske 2002, S. 344). Soziale Arbeit hätte dann die Aufgabe, „Reservate des Misslingens“ (z. B. Fixerstuben) zu betreuen bzw. dafür zu sorgen „dass die unternehmerisch gescheiterten Subjekte die Grenzen der ihnen zugewiesenen Reservate nicht überschreiten“ (Galuske 2006, S, 15). Soziale Arbeit wird in Bereichen eingesetzt, wo die Bemühungen um Integration ihrer KlientInnen in die Gesellschaft eigentlich völlig chancenlos sind. Jugendliche ohne Hauptschulabschluss und Langzeitarbeitslose werden in endlosen Warteschleifen weitergereicht. Ihnen werden Kompetenzen vermittelt, die sie vielleicht für ihr Leben irgendwie brauchen können, aber die Integration, die Lehrstelle, der Arbeitsplatz rücken dennoch nicht in den Bereich der Realität.

Beispiel
Pünktlichkeit ersetzt keinen Arbeitsplatz
Uwe S. arbeitet als Sozialpädagoge bei einem Verein, der sich für Jugendliche mit Migrationshintergrund einsetzt. Die meisten der Jugendlichen sind Türken, die in Deutschland geboren sind, die die Schule ohne oder mit einem sehr kritischen Abschluss verlassen haben und nun ohne Ausbildung mehr oder weniger den ganzen Tag „herumhängen“. Die meisten der jungen Männer sind intensiv in ihrer Gang engagiert. Ansonsten haben die wenigsten konkrete Vorstellungen von ihrem zukünftigen Leben in einem Land, das ihnen bisher und wohl auch weiterhin wenig Chancen einräumt bzw. einräumen wird, sie aber sehr schnell als Gefahr und als Schmarotzer erlebt und ablehnt. Uwe S. versucht, für diese jungen Leute dennoch eine sinnvolle Perspektive aufzubauen. Er bemüht sich dabei auch, ihre Kultur, ihre eigene Vorstellung von Leben und Arbeiten zu berücksichtigen. Aber angesichts der geringen Chancen, die sich für seine Klientengruppe am Ende wirklich bieten, sieht er kaum Möglichkeiten, sie aus ihrer gegenwärtigen Lebensnische herauszuholen. Er fühlt sich auf ziemlich verlorenem Posten, da die Gesellschaft diese jungen Männer offenbar für überflüssig hält und auf sie verzichten will.
Seit Beginn des Jahres hat nun sein Verein die Aufgabe übertragen bekommen, im Rahmen der Integrationsarbeit mit jungen MigrantInnen
deren berufliche und arbeitsbezogene Eingliederung zu fördern. Zunächst ist Uwe begeistert, scheint doch endlich jemand die Notwendigkeit einzusehen, dass für seine Klienten etwas getan werden muss. Aber es braucht nicht lange, bis er erkennt, dass sich nicht viel geändert hat, außer dem nun geltenden öffentlichen Vorwurf, die jungen Leute seinen selber an ihrer Situation Schuld. Ihr bisheriges „Nischenleben“ wird nicht mehr geduldet und zunehmend argwöhnisch betrachtet. Es wird verlangt, „dass die jungen türkischstämmigen Männer sich verdammt noch mal und trotz der schwierigen Bedingungen endlich selber bemühen und nicht einfach warten, bis einer für sie das Problem löst.“ Uwe bekommt nun den Auftrag, seinen jungen Männern diese Botschaft zu vermitteln. Er soll ihnen z.B. durch bestimmte Trainings und durch die Vermittlung von Bewährungssituationen – etwa durch Praktika – beibringen, wie wichtig Pünktlichkeit und Disziplin in dem Land sind, in dem sie leben wollen. Ali, einer seiner Klienten hat ihm neulich die Meinung gesagt: „Wenn du uns trotzdem nicht sagen kannst, wie wir aus unserer Scheiße hier rauskommen, wenn du nicht mal ne Stelle oder eine Hoffnung auf so was zu bieten hast, was soll ich dann mit deiner blöden Pünktlichkeit?“

Leider muss man Ali im Grunde Recht geben. Wie kommt die Soziale Arbeit und wie kommt diese Gesellschaft dazu, ihnen Pünktlichkeit einzubläuen, wenn es vielleicht nie eine Situation in ihrem Leben geben wird, wo sie diese neue Kompetenz auch gebrauchen können? Denn keiner ändert wirklich etwas an den realen Chancen dieser Menschen. Niemand fragt nach den Hintergründen für ihr Versagen oder ihre Haltung. Und der Sozialpädagoge kann nur versuchen, ihnen ein bisschen von dem beizubringen, was man heute haben muss, um zu überleben. Mehr soll er nicht tun.

Die „Neue Unterschicht

Seit der schon mehrfach erwähnten Schrift von Nolte (2004) und dem Artikel: „Das wahre Elend“ im Stern (2004) wird in der Öffentlichkeit von der „Neuen Unterschicht“ gesprochen. Die Studie ‚Gesellschaft im Reformprozess’ der Friedrich Ebert Stiftung (2006) und schließlich Kurt Becks ‚aktivierende’ Äußerung gegenüber einem Arbeitslosen, er solle sich nur rasieren und waschen, dann bekäme er sicher Arbeit, haben dieses Thema in der Politik, in den Medien und auch in der Öffentlichkeit zum bevorzugten Thema des sozialpolitischen Diskurses gemacht. Mit dem Begriff „neue Unterschicht“ werden subkulturelle Einheiten identifiziert, die sich im Wesentlichen auf der Lebensstil- und Verhaltensebene bewegen. Aspekte, die in der oben erwähnten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung durchaus gesehenen wurden, wie z.B. die Verunsicherung als dominante Grundstimmung und die Erfahrung eines ständigen Kampfes um den Lebensstandard, werden dagegen in diesem Diskurs übersehen und tabuisiert.

Neu ist das Phänomen „neue Unterschicht“ absolut nicht. Es korrespondiert in hohem Maße mit den schon früher benutzen Unterschichtbegriffen und Definitionen. Neu, so Kessl (2007, S. 8), sei lediglich ihre erstaunliche Konjunktur. Das mediale Interesse an dieser Gesellschaftsgruppe z.B. ist groß. Die Medien ziehen sie ins Rampenlicht und führen sie vor. Wenn Politiker ausrechnen, dass man doch ohne Weiteres mit 250 Euro „Stütze“ im Monat auskommen könne, dann haben sie dabei einen Tonfall, wie wenn der weiße Farmer zu Kolonialzeiten über seine „Nigger“ sprach, so als seinen dies ganz und gar andere Menschen, Menschen mit weniger Würde, weniger Bedürfnissen und mit weniger Rechten sowieso. Galuske beschreibt, wie die Darstellung der „neuen Unterschicht“ z.B. im „Spiegel aussieht: „Der neue Prolet schaut den halben Tag fern (…), er isst viel und fettig, er raucht und trinkt. … Er ist kinderreich und in seinen familiären Bindungen eher instabil“, und so weiter (Galuske 2007, S. 10).

Auffällig sei, so Galuske, dass diese öffentlichen Zurschaustellungen von sozialem Elend keine Debatte über soziale Ungerechtigkeit, Armut und Unterversorgung ausgelöst haben. „Ins Visier der öffentlichen Entrüstung gerieten nicht Firmen wie der Allianz-Konzern oder die Deutsche Bank, die im gleichen Atemzug Rekordgewinne und Massenentlassungen verkünden… oder der Daimler-Chrysler-Konzern, der zwischen 1993 und 2003 keinerlei Gewerbesteuer zahlte…, sondern vielmehr die Betroffenen selbst, ihre Lebensmuster und Verhaltensweisen“ (Galuske 2008, S. 10).

Der neoliberale Staat drängt in keiner Weise auf die Beeinflussung objektiver Merkmale der Lebenslage dieser „neuen Unterschicht“. Aber er möchte mit aller Macht „die problematischen und unselbständigen Daseins- und Lebensführungsweisen“ solcher Gesellschaftsmitglieder beeinflussen (ebenda). Im neosozialen Unterschichtsdiskurs erscheint vor allem die kulturelle Dimension als das eigentliche Problem, das auf einen verantwortungslosen Lebensstil verweist. Und dieser Lebensstil gilt als selber erwählt und ist deshalb so besonders verwerflich (vgl. Heite 2007, S. 58f). Das Klassenparadigma (das soziale Ungleichheit aus sozialstrukturellen Zusammenhängen heraus erklärt) wird abgelöst von einem kulturell bestimmten Paradigma der Lebensführung und der Mentalität. Am Beispiel der Aussagen von Nolte (2004) kann dies deutlich gemacht werden. „In den Unterschichten fehlen nicht nur die materiellen, sondern die kulturellen Ressourcen … um das Leben in individualisierten Konstellationen auch sozial und emotional aufzufangen“ bemerkt er. (ebenda, S. 99). Nolte zieht die Schlussfolgerung: „Klassengrenzen lassen sich nicht mehr einfach durch materielle Besserstellung überwinden, sondern es muss „in soziale Infrastrukturen investiert werden und in Fördern und Fordern“ (ebenda, S. 62). Hier wird also klar und unmissverständlich die im Sozialstaat selbstverständlich gesellschaftliche Kompensation sozialer Ungleichheit durch das Chancenmanagement der Einzelnen ersetzt (vgl. Chassé 2008, S. 62; vgl. auch Ziegler 2008, S. 167). Der Begriff der „neuen Unterschicht“ meint ein gesellschaftliches Phänomen der Exklusion und Marginalisierung, aber er transportiert keinerlei politischen oder moralischen Sprengstoff. Es gibt keine Anprangerung gesellschaftlicher Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Die Vertreter der „Unterschichtthese“ nehmen vielmehr nach Heite „gegenüber den Einsichten der empirischen Armutsforschung und Sozialstrukturanalyse überwiegend eine Haltung indifferenter Gelassenheit ein“ (Heite 2007, S. 57). Die Tatsache der Existenz zunehmender sozialer Ungleichheit und Armutsmilieus lässt sie offenbar unberührt. Bestenfalls wird diesen am Rande Stehenden und Ausgegrenzten „Sozialneid“ unterstellt, der ihnen aber gar nicht zustehe, da sie schließlich selbst verschuldet in diese prekäre Situation geraten seien (vgl. z. B. Böhnisch et al. 2005. S. 250). Mit dem Konzept der Eigenverantwortlichkeit (im Sinne des neoliberalen Menschenbildes) findet eine Moralisierung der Ungleichheit statt. Tatsächlich geht es noch weiter als nur darum, die „Versager“ aufzufordern, sich doch endlich anzustrengen. Und es bleibt auch nicht nur bei dem Versuch, diese Menschen eben zu ihrem Glück zu zwingen und quasi umzuerziehen. Die in dieser Gesellschaft nicht erfolgreichen Menschen, die Ausgegrenzten und Exkludierten werden außerdem als Versager abgewertet, verhöhnt und moralisch verurteilt. Nolte (2004) spricht z.B. von geistiger Verwahrlosung des „neuen Proleten“.

Das Erziehungsprojekt für die „neue Unterschicht“ gerät im Sinne der gesellschaftlich angestrebten Moralisierung und Verurteilung der Betroffenen zum medialen Happening für jedermann (Galuske 2008, S. 9.). Es wird quasi als Mitmach-Performance gestaltet. Alle können daran teilhaben, die zu verändernden Verhaltensweisen stehen öffentlich am Pranger. Im Fernseher können in Sendungen wie „Supernanny“, „Erziehungsranch“, „Jugendrichter“, „Jugendcoach“ und in etlichen Talk Shows sozialpädagogische Fälle und Problemlagen vornehmlich von Menschen aus der „neuen Unterschicht“ verfolgt und miterlebt werden. Hier wird thematisiert und debattiert über das Verhalten dieser Menschen, ihre Unfähigkeit mit ihrer Lage fertig zu werden, über ihren Lebensstil und ihre Angewohnheiten. Die Frage, warum sie in diese Lage gekommen sind und wodurch diese verursacht wurde, wird so gut wie nicht gestellt.

Eine solche Diffamierung erfolgt dabei offenbar mit dem besten Gewissen der Welt. Hier zeigt sich eine Menschen- und Gesellschaftsvorstellung, die sich weit entfernt hat von Werten wie sie z.B. in der Aufklärung formuliert wurden. Nauerth (2007, S. 52) weist darauf hin, dass sich diese Haltung zukünftig auch auf den Handlungsauftrag der Sozialen Arbeit auswirken wird.
Winkler weist darauf hin, dass die Menschen mit sozialer Benachteiligung
, wie sie heute in unserer Gesellschaft leben, keineswegs verniedlicht oder idealisiert werden dürften. Wir haben es hier nicht mit einer Menschengruppe zu tun, die bürgerliche Tugenden pflegt und ihr Leben in Bescheidenheit und Fleiß zu meistern versucht, so wie vielleicht früher Arme und gesellschaftlich an den Rand gedrängte Menschen zu leben versuchten. Die praktischen Erfahrungen der Sozialen Arbeit mit ihrer Klientel entsprechen zum Einen durchaus, so Winkler (2007), jenen Beschreibungen aus der „Unterschichtdebatte“. Diese Menschen zeigen zum Teil sehr wohl Züge der Verrohung und vor allem extremen Mangel an Wissen und Kenntnissen. Winkler spricht von der erschreckenden Erkenntnis, „dass diese Gesellschaft auseinander bricht, weil es Gruppen gibt, welche sich als randständig identifizieren lassen – und zwar objektiv, in ihrer ökonomischen Situation, wie in ihrem subjektiven Verhalten, ihren Einstellungen und Lebensmustern“ (Winkler 2007, S. 111). Als Sozialpädagoge aber stellt Winkler neben diese Erkenntnis sein Wissen über die Hintergründe der Biografien und Lebensbedingungen. Winkler konstatiert, dass solche Lebensmuster mit erlebter Entwürdigung zu tun haben und in Krisendynamiken gründen. Am Beispiel der so oft in der Presse skandalisierten Kindesvernachlässigungen beschreibt er sehr eindringlich, wie die Situation dieser Menschen in der Realität aussieht und was sie brauchen würden, um mit den Anforderungen ihres Lebens wirklich fertig werden zu können. Er stellt die These auf, dass den Menschen dieser marginalisierten Gruppen im Rahmen der Aktivierung und Umprogrammierung auch noch die Deutungsmuster genommen werden, welche ihre Selbstachtung trugen (Winkler 2007, S. 112, 116; vgl. auch Kessl 2005a, S. 210). Er spricht von Lebenslagen, die durch materielle Not und kulturelle Deprivation aber ebenso durch Enteignung und Entfremdung gekennzeichnet sind. (Winkler 2007, S. 117).

In einem ähnlichen Ansatz befasst sich Schefold (2003) mit der Frage, wie eigentlich die Menschen aus den sozialen Gruppen der „Verlierer“ unserer aktivierenden Gesellschaft selber ihre Situation und z.B. ihre Behandlung im Amt (hier dem Jugendamt) erleben. Er befasst sich weniger mit dem Lebensstil dieser Menschen, sondern zeigt die Hintergründe ihres Erlebens in der Welt des aktivierenden Staates auf. Die Ämtererfahrungen der von ihm untersuchten „Erziehungshilfefamilien“ z. B. sind durchweg negativ. Die Handlungslogiken und Entscheidungen der Ämter erschienen allen völlig unverständlich. Alle haben, wie sie sagten, „Betrugserfahrungen“ mit Ämtern gemacht. Freilich, so räumt Schefold ein, zeigen diese Menschen in der Absicht, „wenigstens noch etwas für ihre Kinder tun zu können“ in den Ämtern oft ein Verhalten, das die Etikettierung in Richtung Forderungsmentalität, Aufdringlichkeit etc. verstärkt. Die Hintergründe dafür aber werden nicht gesehen und nicht akzeptiert (vgl. Schefold 2003, S. 179).

Menschen, die die Ungleichheit unserer Gesellschaft am härtesten trifft, erleben Entfremdung, Ausgrenzung und Unverständnis. Wenn nun Soziale Arbeit, als Folge des Verlustes ihrer Grundorientierung an der sozialen Gerechtigkeit in der Gesellschaft, nicht mehr antritt oder antreten darf, um die Situation dieser Menschen aufzubrechen und sie als Personen in die Gesellschaft zu integrieren, wird sich deren Situation weiter verschärfen.


Literatur

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