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Sparstrategie: "ein bisschen Soziale Arbeit" - das ist nicht genug

Auszug aus "Schwarzbuch Soziale Arbeit" (Seithe 2011)

Gefährdung der fachlichen Standards Sozialer Arbeit durch die Ökonomisierung

Unter dem Primat der Effizienz, das von vorne herein mit einer Kosten dämpfenden Absicht, mit eingeschränkten Budgets und der betriebswirtschaftlichen Denklogik auf den Plan getreten ist, sind fachliche Standards in der Praxis zunehmend bedeutungsloser geworden (vgl. z.B. Galuske 2002, S. 238; Messmer 2006, S. 113).

 Qualifizierte Soziale Arbeit wird als Luxus abgetan

„Den Luxus können wir uns heute nicht mehr leisten.“ Diese Aussage kann man immer wieder hören, wenn Träger Sozialer Einrichtungen mit den fachlichen Vorstellungen konfrontiert werden, die Studierende aus ihrem Studium mit ins Praktikum bringen. Auf einmal scheint Soziale Arbeit, wie sie in Zeiten des früheren (noch nicht aktivierenden) Sozialstaates existierte, etwas zu sein, was wir uns heute – angesichts der viel beschworenen knappen Kassen und erst recht seit der Finanzkrise – nicht mehr leisten können. Auch diejenigen, die gute Soziale Arbeit für notwendig halten, teilen oft die Vorstellung von der unerreichbaren Luxusausgabe Sozialer Arbeit der 80er Jahre. Die „alten Zeiten“ mit ihren ausgebauten Strukturen und ihren Personalzahlen waren, so wird achselzuckend festgestellt, eben goldene Zeiten der Jugendhilfe und der Sozialen Arbeit, Zeiten, an die wir heute nur noch wie an Märchen denken können und die eben auch märchenhaft waren, also fantastische und unrealistische Luftschlösser.

Die oben zitierte Forderung z. B. des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (§ 1 Abs. 4 SGB VIII) an die Soziale Arbeit, sich „einmischend“ gegenüber der Politik, z.B. der Familienpolitik, der Verkehrspolitik, der Sozialpolitik, der kommunalen Bebauungspolitik etc. zu verhalten, um sich für bessere Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen einzusetzen, bleibt angesichts einer Wirklichkeit, in der Soziale Arbeit nur mit Mühe und Not ihre unmittelbaren Aufgaben am Fall erledigen kann, offen. Für so etwas hat keiner mehr Zeit.
Aber selbst bei konkreten Hilfen, etwa in der Einzelfallhilfe, besteht heute sehr oft die Meinung, die früher üblichen Arbeitsbedingungen seien Luxus gewesen, heute unerreichbar, aber auch letztlich nicht notwendig. Dies soll am Beispiel der Sozialpädagogischen Familienhilfe erläutert werden:

 Sozialpädagogische Familienhilfe: „Luxus- versus Gebrauchsvariante“

Die sozialpädagogische Familienhilfe ist eine sehr intensive, ambulante Hilfe, die in Familien mit vielfältigen Problemlagen bei der Bewältigung ihres Alltags und Lebens grundlegende Veränderungen bewirken kann, vorausgesetzt, die Familien können zu einer Zusammenarbeit bewegt werden. Allerdings braucht die Sozialpädagogische Familienhilfe für die Entfaltung ihrer Qualität und ihrer Wirkungsmöglichkeiten entsprechende Bedingungen: Das sind vor allem qualifizierte Fachkräfte, die sowohl pädagogisch als auch systemisch ausgebildet[1] sind und in ihrer fachlichen Arbeit durch ein beratendes Team und durch Supervision unterstützt werden. Zum Zweiten braucht sie hinreichende Zeitkontingente,

  • um Lernprozesse und neue Erfahrungen in Ruhe und mit Geduld aufbauen und mit den Leuten gemeinsam entwickeln zu können und
  • um den Alltag der Familie nicht nur vom Erzählen her zu kennen, sondern ihn auch zu erleben und von daher gezielter und direkter helfen zu können.

In den ersten Jahrzehnten, in denen Sozialpädagogische Familienhilfe praktiziert und entwickelt wurde, noch vor der Verabschiedung des KJHG, stellte man den FamilienhelferInnen für diese Arbeit durchschnittlich 15 – 20 Wochenstunden zur Verfügung. Mit diesem Kontingent waren im Rahmen der Hilfe nicht nur direkte Beratungskontakte möglich. Es waren ebenso Elterngespräche, Spielabende mit der ganzen Familie, Begleitungen zu Ämtern und zum Elternabend, Auswertungsgespräche und gemeinsame Freizeitunternehmungen realisierbar. Heute wird eine solche Stundenzahl für eine Sozialpädagogische Familienhilfe in den Bereich der Sagen und Märchen verwiesen. Oft stehen in durchaus vergleichbar schweren Fällen gerade mal 8 Stunden, manchmal nur 3 Stunden zur Verfügung. Was kann da von der ganzen Hilfe noch übrig bleiben? Ein, zwei Gespräche in der Woche, keine begleiteten Lernprozesse, kein Miterleben des Familienalltags. Unter solchen Bedingungen ist diese Hilfe jedoch nicht mehr das, was sie eigentlich ausmacht. Sie kann bestenfalls als Hausbesuch mit Beratungsgespräch gewertet werden. Ihre eigentliche sozialpädagogische Potenz als alltagsbezogene und handlungsorientierte pädagogische Hilfe ist gekappt.

Studierende, frisch aus dem Praktikum zurück und mit einjähriger Praxiserfahrung ausgestattet, die bei einem Seminar „Zukunftswerkstatt“ zunächst einmal träumen sollten, wie sie sich gute Soziale Arbeit vorstellen, nannten als – ihrer Meinung nach – unerreichbare Utopie:

  • Entscheidungen werden nicht nach Geld, sondern nach fachlichen Gesichtspunkten getroffen.
  • Soziale Arbeit verfügt über feste, volle und entsprechend ihrer Ausbildung angemessen und tariflich abgesicherte Arbeitsplätze.
  • Sozialarbeitende werden für die ganze Zeit, in der sie fachlich tätig sind, auch wirklich bezahlt und müssen nicht privat nachhelfen, damit schließlich doch noch verantwortliche Fachlichkeit herauskommt.
  • Die zur Verfügung stehende Zeit und damit die Personaldecken sind so konzipiert, dass man mehr machen kann als Notdienste und Feuerwehreinsätze, nämlich wirkliche sozialpädagogische Begleitung und nachhaltige Betreuung der KlientInnen.

 In der Sozialen Arbeit erscheint heute das als Utopie, was bisher Mindestausstattung war. Heute ist damit unerfüllbarer Traum, was gestern noch selbstverständlich war.

 Kostendämpfung macht Soziale Arbeit zum Billigprodukt

Professionelle Soziale Arbeit, wie sie seit etwa den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts im Rahmen ihrer Professionalisierung und im Kontext der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit möglich war, erscheint mit einem Mal als Luxus, den sich keiner mehr leisten kann. Soziale Arbeit wird damit als etwas angesehen, das man getrost auch „verdünnen“ kann, ohne seine Wirkung zu verringern.

 

Schulsozialarbeit „Aus eins mach viele!“

Der Modellversuch Jugendarbeit an Thüringer Schulen, bei dem im Modellzeitraum an 40 Schulen je zwei 30 Stunden-Kräfte beschäftigt waren, führte nach Abschluss des Förderzeitraumes im Jahr 1997zu einer Reihe von Nachfolgeprojekten, bei denen aber grundsätzlich nur noch eine Kraft à 30 Stunden in Schulen arbeiten sollte. In etlichen Gemeinden wollte man außerdem auch andere Schulen in den „Genuss“ bringen und hat den Zuständigkeitsbereich der einzelnen Fachkräfte auf zwei, manchmal drei verschiedene Schulen ausgeweitet. Das, was diese SchulsozialarbeiterIn unter solchen Bedingungen real noch anbieten kann, beschränkt sich auf Sprechstunden, ein paar Gruppen im Freizeitbereich, die Betreuung der Schülerzeitung und die Vermittlung von störenden Jugendlichen an das Jugendamt. Die Möglichkeit, mit SchülerInnen und LehrerInnen Vertrauensbeziehungen aufzubauen, kontinuierlich SchülerInnen im Schulalltag zu begleiten, mit LehrerInnen gemeinsame Projekte durchzuführen, an Dienst- und Fallkonferenzen teilzunehmen und mit KlassenlehrerInnen regelmäßig (nicht nur in Krisensituationen) über ihre Schüler zu sprechen, all das und vieles mehr wird so nicht geleistet und die Chancen, die im Ansatz „Schulsozialarbeit“ stecken, werden nicht eingelöst und gar nicht erst herausgefordert.

Im Gegensatz zur sozialpädagogischen Fachliteratur gibt es im Bereich Soziale Arbeit keine auch von der Politik anerkannten Kriterien für eine notwendige Zeitausstattung, noch weniger als in anderen Bereichen gesellschaftlicher Arbeit, wie etwa dem Bildungs- oder Gesundheitswesen. Auch im Gesundheitsbereich und in der Bildung wird gekürzt, werden Ressourcen und wird Geld verknappt. Aber niemand käme etwa auf die Idee, dass ein Lehrer in der gleichen Zeitstunde zwei Klassen parallel unterrichten sollte oder niemand würde die für ein EKG notwendige Zeit um die Hälfte kürzen, einfach deshalb, weil dieses dann logischer Weise nicht ordnungsgemäß abgeleitet werden könnte. In der Sozialen Arbeit aber gibt es anscheinend keine verbindlichen, anerkannten oder als logisch angesehene Grenzwerte: Man kann an einer Schule mit 1000 Schülern gute Schulsozialarbeit machen mit einem Team von drei Leuten, man kann aber genau so gut nur einem einzigen Sozialarbeiter die Betreuung von drei verschiedenen Schulen übertragen. Und immer noch spricht man von Schulsozialarbeit. Es scheint somit offenbar ganz beliebig, wie man ein Projekt der Sozialen Arbeit ausstattet und wie weit man die erforderlichen Zutaten verdünnen und strecken kann.

  Ein bisschen Soziale Arbeit ist nicht genug

„Luxusausgaben“ Sozialer Arbeit stehen also nicht mehr zur Verfügung. Aber Soziale Arbeit gibt es auch weiterhin. „Ein Bisschen ist schließlich besser als gar nichts, oder?“, so die verbreitete Meinung. Ein bisschen Soziale Arbeit hilft aber in der Wirklichkeit eben nicht ein bisschen, sie hilft oft gar nicht, weil die Hilfe oberflächlich bleibt und nicht nachhaltig ist und im Kopf und Herzen der Betroffenen nicht Platz greifen kann. Manchmal schadet sie sogar, weil sie Hoffnungen weckt, die sie nicht erfüllen kann oder weil sie Probleme anreißt, aber die KlientInnen damit alleine lassen muss.

Ein Beispiel für das Herunterfahren auf eine Sparvariante, die nicht mehr das leisten kann, was zu leisten vorgegeben wird bzw. was notwendig wäre, zeigt die Verknappung und damit die inhaltliche, fachliche Verarmung des sozialpädagogischen Einsatzes im Allgemeinen Sozialen Dienst.

Offenbar wird Soziale Arbeit von den politisch Verantwortlichen nicht als ein ernstzunehmender „Produktionsfaktor“ angesehen. Ein bisschen Sozialarbeit scheint deshalb besser als keine und immer vertretbar, egal wie wenig bei diesem Bisschen von dem übrig bleibt, was eine angemessene qualitativ gute Arbeit ermöglichen würde. Ein solches „bisschen Soziale Arbeit“ ist aber volkswirtschaftlich nicht nur ineffizient, sondern die reine Verschwendung.

FachmitarbeiterInnen haben die Effizienzschere im Kopf

Messmer berichtet von einer „zunehmenden Durchmischung sozialpädagogischen Handelns durch wirtschaftliche Rentabilitätsgesichtspunkte“ und davon, dass der Effizienzgedanke auch bei den SozialpädagogInnen inzwischen leitend und orientierend zu sein scheint (Messmer 2007, S. 92ff). Die an die Soziale Arbeit durch den Ökonomisierungsprozess herangetragene Vermarktlichung ihrer Profession und ihrer Arbeitsergebnisse ist inzwischen längst in das Denken von Einrichtungen und MitarbeiterInnen eingedrungen und beginnt als ‚Schere im Kopf’ fachliche Überlegungen zu dominieren. Und nicht nur die Leitungen und Geschäftsführer haben diese Schere im Kopf, was dazu führt, dass sie alles, was zusätzliche Kosten verursachen würde, als außerhalb des Realisierbaren wahrnehmen. Auch die MitarbeiterInnen, die die direkte Arbeit mit der Klientel machen, sind von den Effizienzgedanken oft geradezu besessen. „Vor dem Hintergrund einer gesamtbetriebswirtschaftlichen Kostenverantwortung in Verbindung mit gestiegenen Anforderungen an die Qualität der Leistungserbringung wird der Effizienzdruck in der Hierarchie einer Einrichtung von ‚oben’ nach ‚unten’ durchdekliniert (Messmer 2007, S. 158). Die „leeren Kassen“ der Kommunen sind für die Träger wie für die MitarbeiterInnen der Sozialen Arbeit der alltägliche Inhalt einer Art von Glaubensbekenntnis. Bevor eine neue Idee geboren wird, wird sie schon abgeschnitten. Soziale Arbeit verliert dadurch nicht nur ihre Fachlichkeit, sondern auch ihre Kreativität und Unternehmenslust.

Das KJHG fordert mit seinem § 27 dazu auf, Hilfen bei Bedarf individuell angemessen zu entwickeln und auch selber neu zu gestalten. Der Gesetzgeber wollte, dass Hilfen zur Erziehung wirklich auf die konkrete Situation der betroffenen Menschen passen. Denkbar und sogar wünschenswert wäre es folglich, Hilfen zu kombinieren, Hilfen zu verändern, Hilfen ganz neu zu erfinden. Hierfür aber braucht Soziale Arbeit Kreativität, Phantasie, Ideen aber vor allem auch den Mut, etwas Neues, bisher noch nicht in dieser Form Praktiziertes zu denken und vorzuschlagen. Mit der Erfüllung dieser Aufforderung zu mehr Kreativität im Interesse der Klientel ist es in der Praxis nicht weit her. „Das wird doch nie bezahlt!“, „Das gibt es doch nicht!“, „Das geht doch nicht, so was haben wir doch gar nicht!“, sind die Argumente, die auf den niederprasseln, der es dennoch wagt.

 „Neue Ideen lassen Sie lieber gleich stecken! Sie sind eh zu teuer.“

Die Sozialarbeiterin Yvonne ist erst seit drei Monaten Mitarbeiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes. Heute ist Fallkonferenz ihres Teams und sie wird ihren ersten Fall vorstellen und Vorschläge für die Hilfeplanung unterbreiten. Die von ihr betreute Familie März hat sie inzwischen gut kennen gelernt und glaubt, nicht nur zu wissen, was der Mutter mit den drei kleinen Kindern wirklich helfen könnte, sie sieht auch wirklich Chancen für diese Hilfe, da die Mutter sehr engagiert ist und es erreichen möchte, langfristig ihre drei Kinder bei sich zu behalten und ihnen eine gute Mutter zu sein. Zurzeit gelingt ihr das zumindest für den Ältesten, René, nicht so recht. Sie ist mit dem Baby und dem kleinen, 3jährigen Mädchen total ausgelastet. Für René bleibt kaum Zeit. Er ist 12 Jahre alt und versucht, seinen Willen durchzusetzen und sich mit der Mutter anzulegen. Er ist eifersüchtig auf die kleinen Geschwister und wird für die Mutter zunehmend zum Problemkind. Für René sieht Yvonne zurzeit in der Familie keinen wirklichen Platz. Er braucht dringend Anregungen, jemanden, der tatsächlich Zeit für ihn hat, jemanden, der sich ihm zuwenden kann. Deshalb möchte Yvonne für René eine sozialpädagogische Tagesgruppe vorschlagen. Yvonne sieht aber andererseits auch die Chance einer Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) für Familie März. Sicher würde die Mutter unter den alltagsbezogenen, praktischen Lernbedingungen einer SPFH gute Fortschritte in ihrer Entwicklung und in ihrer Funktion als versorgende und fürsorgende Mutter machen. Und für René wäre es außerdem sehr wichtig, dass seine Bedürfnisse nach Nähe und Aufmerksamkeit auch irgendwann von der Mutter selber gestillt würden. Eine Tagessgruppe könnte von ihm als Abschieben und Ausgrenzung verstanden werden. Und dann würde diese Hilfeform nicht greifen. Allerdings bezweifelt Yvonne, dass die SPFH es alleine schaffen kann, die Problematik von René zu lösen. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist schon sehr angespannt, und es wäre zu befürchten, dass dadurch eine SPFH eher blockiert würde, als dass sie helfen könnte. Yvonne hat deshalb erkannt, dass hier nur sinnvolle Hilfe geleistet werden kann, wenn von beiden Seiten gearbeitet und dann natürlich intensiv kooperiert wird. Sie hat deshalb vor, für René die Einbindung in eine Tagesgruppe für den Zeitraum von maximal einem Jahr vorzuschlagen und gleichzeitig mit Frau März eine SPFH zu beginnen, die u. a. die Aufgabe hätte, die Beziehung zwischen Mutter und René so zu verbessern und zu verändern, dass eine Rückführung nach einem Jahr und mit weiterer Unterstützung der Familienhilfe funktionieren könnte. Nach der Fallkonferenz mit ihren Team-KollegInnen ist sie schockiert. Ihr Vorschlag wurde einhellig von allen KollegInnen abgelehnt, nicht weil sie ihn nicht gut gefunden hätten, sondern weil er völlig unrealistisch sei, um nicht zu sagen utopisch. „Wir können froh sein, wenn wir den Jungen in eine Tagesgruppe unterkriegen. Das macht unsere Wirtschaftliche Jugendhilfe auch nicht mehr gerne, weil sie die Kosten zu hoch findet. Vielleicht geht es eher, eine SPFH mit 5 Stunden die Woche zu bekommen? Bei der Caritas ist, glaube ich, gerade bei einer Mitarbeiterin etwas Luft. Das können wir versuchen.“ Auf ihren entsetzten Einwand, dass SPFH als solche schon nicht reiche, aber eine mit so wenig Stunden mit Sicherheit nicht mit der Gesamtproblematik fertig werden würde, zuckten die KollegInnen nur mit den Schultern. „Dann können wir es auch lassen und gar nichts tun“, hatte sie resigniert geseufzt. „Hör bloß auf mit so was, da bringst du die noch auf Gedanken“, kam es von allen Seiten zurück.

Studierende, die ein Praktikum machen, geben oft binnen weniger Tage ihre Orientierung an den fachlichen Standards auf, die sie an ihrer Hochschule gelernt hatten. Die Praxis, die sie erleben und an die sie sich als PraktikantInnen zwangsläufig anpassen müssen und wollen, bietet sehr oft das Bild einer festgefahrenen und eingeschränkten Sozialen Arbeit, bei der nur das Allernötigste machbar ist und Fachlichkeit bestenfalls als wünschenswert angesehen wird. Dass für den Hausbesuch keine Zeit da ist, dass man aber drei Stunden über einer Akte sitzen muss, dass für die Mutter der kleinen Sabrina keine Sozialpädagogische Familienhilfe gewährt wurde, weil ihre Problemlage als nicht gravierend genug eingeschätzt wurde, dass man die Beratung gestaltet wie ein formelles Interview, weil für ein wirkliches Gespräch die Zeit und auch die Motivation fehlt, all das erlebt die PraktikantIn als normale Realität.

Es scheint im Interesse der Politik zu liegen, dass die MitarbeiterInnen der Sozialen Arbeit das Prinzip der Effizienz ganz persönlich internalisieren.

 Verzicht auf das Gut „sozialpädagogische Fachlichkeit“

Die Tendenz einer zunehmenden Professionalisierung in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts in der Sozialen Arbeit hat sich offenbar wieder umgekehrt: Es gibt inzwischen wieder – gewollt und ganz bewusst so geregelt – sozialpädagogische Aufgaben in fachfremden Händen. Während die Zeitkontingente für fachliches Personal gekürzt werden und Arbeit damit schneller, weniger tief greifend, verkürzt und oberflächlicher erfolgen muss, wird mit nicht ausgebildeten Kräften „kompensiert“. Sozialpädagogische Aufgaben, die eigentlich professionelle Sozialpädagogik erfordern, werden nicht selten von Menschen übernommen, die keineswegs dafür ausgebildet sind. Sie übernehmen diese Aufgaben für weitaus weniger Geld als die ausgebildeten SozialpädagogInnen.

Würde uns beim Einchecken in der Klinik zur geplanten Blinddarmoperation mitgeteilt, dass der operierende Chirurg zur Zeit in Urlaub sei, aber bis dahin ein arbeitsloser Apotheker (oder auch ein Buchhändler), seinen Platz einnehmen wird, würden wir schleunigst die Flucht ergreifen. In der Sozialen Arbeit aber wird von sozialpädagogischer Professionalität offenbar keine grundsätzlich andere Handlungsqualität erwartet als von Menschen, die keine sozialpädagogische Hochschulausbildung erfahren haben. ‚Eine Mutti, die drei Kinder groß gezogen hat, die wird doch auch einer anderen Frau noch sagen können, wie’s geht, oder?’ ist eine verbreitete Meinung nach dem Motto: ‚Soziale Arbeit, die machen wir doch sowieso alle!’

Die große Gefahr besteht darin, dass Laien Alltagstätigkeiten, die in der Sozialen Arbeit als Medium, als Anknüpfungspunkte für fachlich sozialpädagogische Arbeit dienen, übernehmen und in Unkenntnis sozialpädagogischer Zusammenhänge und Methoden dann glauben, auf diese Weise schon sozialpädagogisch zu wirken. Je nach dem aber, wie sie diese Tätigkeiten ausüben, passiert entweder gar nichts weiter. Sie trinken eben Kaffee oder spielen Tischtennis miteinander. Möglicherweise aber richten sie bei den KlientInnen auch Schaden an, weil ihre Hilfeversuche nicht greifen, falsch ankommen oder sogar die Probleme noch verstärken.

 Familienhelferin – Qualifikation: Mutter von zwei großen Söhnen

In einer Familie mit drei kleinen Kindern und multiplen Problemlagen (Erziehungsprobleme, Schulden, chaotischer Haushalt, Bettnässen des mittleren Kindes, Schulschwierigkeiten des Ältesten in der 2. Klasse, häufige Streitigkeiten zwischen den Eltern) soll eine Sozialpädagogische Familienhelferin eingesetzt werden. Ziel ist es, dass die Eltern lernen, ihre Kinder liebevoller aber konsequenter zu erziehen, ihre organisatorischen Probleme in den Griff zu bekommen, die Kinder zu fördern und die eigene Beziehungsproblematik konstruktiv ggf. mit Hilfe einer Beratungsstelle anzugehen. Da bei den freien Trägern, die Sozialpädagogische Familienhilfe anbieten, zurzeit keine Kapazitäten frei sind und man sich davor scheut, für diese eine Familie eine neue Stelle zu schaffen, sucht und findet man eine unkomplizierte Lösung: In einer Kindertagesstätte ist der Ein-Euro-Job einer Frau, von Haus aus Apothekenhelferin, ausgelaufen, die als zusätzliche Kraft in der Kindertagesstätte mit den Kindern am Nachmittag gespielt hat. Die Kindergartenleiterin hat in ihrem Bericht das pädagogische Geschick dieser Frau hervorgehoben und bedauert, diese Kraft nunmehr für ihre Einrichtung verloren zu haben. Der Geschäftsführer des Trägers dieses Kindergartens, gleichzeitig Träger der Sozialpädagogischen Familienhilfe, die angefragt wurde, schlägt nun diese Frau für die Familienhilfe vor. Das Jugendamt ist über die kostengünstige Lösung beglückt. Außerdem überzeugt die Referenz, die der Frau ausgesprochen wurde. Die Frau bekommt eine neue Ein-Euro-Stelle, wird in ihre Aufgaben eingewiesen und versucht nun, in der Familie Boden unter die Füße zu bekommen. Da sie selber zwei große Söhne hat, meint sie von dieser Aufgabe einiges zu verstehen und packt die Arbeit mit Elan und voller Engagement an. Nach drei Monaten staunt die zuständige Mitarbeiterin des Allgemeinen Sozialdienstes bei einem routinemäßigen Hausbesuch in der betreffenden Familie nicht schlecht: Sie muss feststellen, dass die Familienhelferin der Mutter inzwischen alle Arbeiten abgenommen hat und ihrerseits die Kinder versorgt. Die Mutter selber betrachtet die Frau als ihr Kindermädchen, das ihr der Staat bezahlt und der Vater möchte von der Sozialarbeiterin des Jugendamtes wissen, ob das Amt dieser Frau nicht einen Dienstwagen zur Verfügung stellen kann, damit es für sie leichter ist, die Kinder aus Kindergarten und Schule abzuholen. Das massive Alkoholproblem der Eltern aber hatte die Familienhelferin lieber für sich behalten, um ihre Familie nicht ans Amt zu verraten.

Hinter solchen Sparpraktiken steht nicht nur die gewünschte Kostenersparnis. Es steht dahinter auch das Vorurteil, Sozialarbeit sei eigentlich sowieso als Profession überflüssig und bedürfe keiner besonderen fachlichen Qualifikation. Wenn große Teile der Bevölkerung so denken, ist das eine Sache. Wenn aber politisch Verantwortliche im Sozialbereich solche Vorstellungen verbreiten und umsetzen, ist das ein direkter Angriff gegen die Soziale Arbeit und gegen die KlientInnen, für die Soziale Arbeit hilfreich sein könnte.

 Literatur

 



[1] Der sozialpädagogische Umgang mit Systemen wie z.B. dem System Familie erfordert von den Sozialarbeitenden die Kompetenz, in ihrer Arbeit die systemischen Zusammenhänge zu berücksichtigen und sich nicht einfach nur auf die Individuen im Einzelnen zu beziehen. Es geht in der Arbeit mit Familiensystemen z.B. genau so um Aspekte wie Kommunikation, Rollen, Regeln, Grenzen, Beziehungen. Systemische Beratung ist Gegenstand der Ausbildung an den Fachhochschulen.

 

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