Bitte meldet Euch an, da Beiträge und Kommentare nur von angemeldeten Nutzer_innen verfasst werden können.

Anmelden

Supervisoren - auch nur Anpasser?

Hallo liebe Einmischen-Kolleg(inn)en,

ich habe einen kleinen Text zu einer vor einiger Zeit veröffentlichten Studie über die Sicht von Supervisoren auf die veränderten Arbeitsbedingungen geschrieben.(s.u.) Ich denke, es handelt sich dabei auch wesentlich um die Arbeit im sozialen Bereich.

Vielleicht interessiert es euch.

Viele Grüße karl-heinz albers


Die Schätze der Supervisor(inn)en
karl-heinz albers

Die Forschungsinterviews mit Supervisoren von R. Haubl und G..Voss aus den vergangenen Jahren, beschreiben eindrucksvoll den Wandel der Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten und die Reaktion der “Betroffenen“ unterhalb der obersten Ebene darauf. (Rolf Haubl und G. Günter Voß (Hg.)Riskante Arbeitswelt im Spiegel der Supervision. Eine Studie zu den psychosozialen Auswirkungen spätmoderner Erwerbsarbeit.,Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2011).
Die Forschungsarbeit ist ein beeindruckendes, verdienstvolles Dokument über den Wandel der Arbeitswelt Anfang dieses Jahrhunderts – eben unter neoliberaler Ägide. Durch meine Erfahrung als Supervisor kann ich sie nur bestätigen. Ich wünsche der Studie eine breite Diskussion. In einer aktuelle Anmerkung der Forscher (Forschungsgruppe Arbeit und Leben in Organisationen 2011, Risikofaktoren für Arbeitsqualität und psychische Gesundheit. Aktuelle Befunde und ein erstes Fazit. In: „Positionen“, Beiträge zur Beratung in der Arbeitswelt, Ausgabe 2/2012.) wird ein erstes Fazit angekündigt. Betrachte ich mir allerdings dieses „mögliche Fazit“, so fällt es m.E. sehr ab. (Woran liegt es? An dem Anspruch einer neutralen, abstinenten Wissenschaft? Ist man vielleicht selbst ratlos oder fürchten sich die Wissenschaftler hier konsequent bis zum Ende zu denken? ) In diesem Text finde ich einen m.E. mageren „Schluss“, im Sinne von Schlussfolgerungen. Weil dieser bedauerliche Tatbestand mir symptomatisch wie auch wende-relevant zu sein scheint, lohnt sich ein Verweilen – und auch meine Enttäuschung möchte ich hier zum Ausdruck bringen.

Wenn es um Abhilfe geht, also darum, wie man der festgestellten Arbeitshetze und -Frustration begegnet, so bewegen sich die Autoren leider wieder nur auf der Verhaltensebene der Betroffenen, den tätigen und vielen engagierten Angestellten. Sie meinen, im Sinne ihrer Gesundheitserhaltung bedürfe es bei den Beschäftigten „einer realistischen Selbstwahrnehmung der verfügbaren Ressourcen: zu wissen, was geht und was nicht (mehr) geht und diese Grenze angemessen kommunizieren und durchsetzen zu können, erweist sich als eine notwendige Schlüsselkompetenz“ Ob diese Kompetenz die Not wenden könnte, wage ich zu bezweifeln, da sie in der Praxis enorme Kraft erfordert und obendrein eh schon zu kurz greift.

Weiter im Text wird unbefragt – zurückfallend – von „steigenden Anforderungen“ oder „ungesunden Arbeitsplätzen“ gesprochen, worauf es sich klug einzustellen gelte. Diese Verhältnisse wurden/werden also letztlich akzeptiert. Der schnelle Blick auf das Individuum greift wieder einmal zu kurz, er fällt “überraschenderweise“ hinter den bereits erreichten Wissenszusammenhang von individuellem Verhalten und den umgebenden Verhältnissen zurück.

Die Autoren stellen fest, dass die Betroffenen sich zwischen Flucht und Standhalten bewegen und ein “Arbeitskampf um entschärfte Arbeitsbedingungen“ nur selten in Betracht ziehen. Ich kann das - diese Vereinzelung und kollektive Leerstelle - bestätigen. Doch wie soll das je anders werden, wenn man z.T. skandalöse Zustände („ungesunde Arbeitsplätze“), eben Zumutungen als gegeben hinzunehmen lernt und sich nicht immer wieder daran(an dem Anstößigen) stößt.

Und wie verhalten sich jetzt dazu die Supervisoren? Handeln sie wenigstens auf der Höhe ihrer Erkenntnisse – über Verhalten und Verhältnisse?

Nein, auch sie verbleiben anscheinend in dem unausgesprochenen Weiterdenkverbot. Die Forscher schreiben zwar, die Supervisoren wüssten „um die Herausforderungen für ihr professionelles Selbstverständnis und für ihre Supervisionstechnik“. Doch diese Behauptung wird nicht weiter ausgeführt. Ich wüsste zu gern, wie die Supervisoren als Berufsgruppe die fundamentalen Veränderungen in ihr Setting konkret integrieren. Weiter wird behauptet: „. sie können sich nicht darauf zurückziehen, diese Prozesse lediglich zu begleiten, da sie und ihre Profession selbst der Dynamik unterliegen, die sie bezeugen.“ Sie können dennoch, meine ich. Auch wenn es „eigentlich“ nicht gehen sollte - es passiert doch tagtäglich, es wird einfach weiter begleitet und mitgeschwommen oder sich andererseits – markt-anpassend - hinter dem notwendigen Wandel auch der Supervision versteckt (Label: Supervision ist kein „starres Beratungsformat“ und lebt mit.)Die veränderten Verhältnisse fordern nicht unbedingt ein reflektierendes Innehalten der Profession.

Die Forscher möchten die Frage„Was tun“, die sich auch der Supervision stellt, offen halten. Denn manchmal ginge es darum, vermeintlich Unabänderliches „gemeinsam zu ertragen“ und manchmal leuchte gar die „Co-Vision einer Erwerbsarbeit auf, die nicht nur Selbstverwirklichung verspricht, sondern ihr Versprechen hält“.

Das ist mir zu offen und zu wenig, angesichts der in der Studie dargestellten Krisen, Belastungen und Schädigungen. Hier ist mehr von den Supervisoren verlangt, als mitleiden und mitmachen und begleiten. Hier sind ihr eigener Mut und ihr kritisches Bewusstsein gefragt. Wir sind gefragt, wie wir die tagtägliche Beobachtung nicht nur in ein Forscherinterview, sondern in die Betriebe bringen. Jetzt noch Raushalten ist m.E. verantwortungslos! (Aber wie anders?) Mitwisser werden und sind Mittäter.

Also es sind vor Ort drei Mitwissergruppen am Werk(eln), die letztlich alle versuchen, ihre Haut zu retten und gleichzeitig bemüht sind, ihren „alten“ professionellen Standards zu folgen.

Die Wissenschaft will nur beobachten und veröffentlichen, die Mitarbeiter wollen Anerkennung für ihre (Helfer-) Tätigkeit und ihre Existenz sichern, die Supervisoren letzteres auch und dennoch den Ruf und anerkannten Stand ihrer Profession erhalten.

Aus dieser Melange kann glaube ich nicht die nötige Änderung erwachsen. Da muss sich schon mehr ändern – bei allen drei Professionen. Ich denke, erst einmal nur in den Köpfen. Es braucht ein genaues (unbestechliches) Hinschauen, die neuen Vernebelungsbegriffe müssen erkannt und als solche benannt werden. Offen müsste dann gefragt werden (nicht im Stüblein):Welche Schlussfolgerungen ziehe ich(ziehen wir) aus dem, was ich höre und sehe. Dann kommen Kategorien wie Zivilcourage, Angst, Konformismus, Gegenöffentlichkeit, „neue Professionalität“, Zusammenschluss in den Blick dieser Selbstvergewisserung. Daran mangelt es bisher überall – meine ich.

 

Kommentare  

 
Suse
#1 Suse 2012-08-07 11:04
vielen, vielen dank für diesen beitrag und die bewertung der studie!da kommt bei mir eine jahrelang im inneren aufgebaute kritik am supervirsionsbe trieb an die oberfläche mit kompletter bestätigung.lei der haben wir wohl auf vielen ebenen die alternativideen durch die vorerst geleistete anpassung schon zu sehr verloren und nun müssen wir ebend solche mühsam rekapitulieren oder neu erfinden!
aber offenheit darüber ist schon mal eine große genugtuung- dient auch der psychischen gesundheitspflege;-)!
also vielen dank nochmals!
solidarische grüße- suse mitzinger
 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren