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Theorie und Praxis - eine kritische Nachlese zur BUKO

„Deutlich wurde aber auch der als solcher benannte Bruch zwischen Profession und Praxis. Den vorwiegend aus der Praxis kommenden Teilnehmern aus dem gesamten Bundesgebiet, aber auch aus Österreich und der Schweiz, die mit konkreten Fragen, Vorschlägen und einem großen Bedürfnis nach Austausch und Diskussion angereist waren, saßen oft Angehörige eines Wissenschaftsbetriebes gegenüber, denen es bisweilen mehr um die eigene Profilierung und Konkurrenz untereinander ging.“
Online-Zeitung Schattenblick; Bericht über die Bundeskonferenz 2012, 26.9.2012

Dieses Zitat veranlasste mich, über das Verhältnis von Praxis und Theorie in unserer Profession nachzudenken und Anregungen für eine Veränderung und Verbesserung dieses Verhältnisses zu formulieren..

Text

Kommentare  

 
Ruth Luschnat
#3 Ruth Luschnat 2012-10-12 08:29
Ich war nicht auf dem Kongress, aber es ist doch auch bezeichnend, dass gerade in den jetzigen Zeiten nicht etwa eine Wiederbelebung von Handlungs-Wisse nschaft gefordert wird: um konkret dann zumindest die gesellschaftlic hen Widersprüche zusammen mit den Betroffenen zu beforschen und dortselbst in der Praxis die wissenschaftlic he Trennschärfe anzusetzen, wo sie mit handelnden Klienten sich auf Ziele richten könnte, die vielleicht auch Kritik der Industrialisier enden Sozialarbeit Genauigkeit abverlangen und zufügen könnte ?

Es drängt sich das Bild auf, dass die mittlerweile zur Genüge aufgezeigte Vermachtung als Klassengesellsc haft durch das akademische Bildungssystem zusammen mit dem neoliberal verschärften Klassenkampf von Oben,
eben eher eine Abschottung der Wissenschaft
im Sinne des neoliberalen Auftrages herrschaftsförd ernder Wissens-verhält nisse/-Produkti on befördert
inklusive der Legitimierung von repressiven Ansätzen in der Sozialpolitik unter Sparbremsenvorgaben?

In der Praxis jedenfalls werden eher Herrschaftsmech anismen als Marker für Professionalitä t als "wissenschaftlic he" bzw. "therapeutische " Distanzierung von den sozialen Nöten der Klienten immer öfter quasi als Beweis für die eigene professionelle Autorität abverlangt, die dann den Zwang der Entsolidatisier ung von den Klienten und der Pathologisierun g des Blickes auf sie beinhaltet, der in wachsenden Anteilen nichts mehr mmit der individuellen Pathologie der Klienten und in wachsenden Ausmaß mehr mit der Pathologie der sozialen Verhältnisse zu tun hat.
Gerade aber, wenn mensch selber so prekarisiert ist, ist die Empathie ganz nahe bei und es ist sehr nachvollziehbar , wie sie mit solchen double binds ausgetrieben wird. Mensch fragt sich dann folgerichtig: ist es ähnlich, wie das funktioniert hat im NS ?

Natürlich ist das aber keine Frage, die für die Zukunft theoretisch allein angegangen werden könnte, sondern hier ist die Praxis sicherlich wichtiger für eine deutlich andere Entwicklung aus der jetzigen Finanzkrise heraus...eien Wissenschaft, die hier befähigend wirkt wird gebraucht !!!

Ruth
 
 
Martina Hofmann
#2 Martina Hofmann 2012-10-06 21:12
dazu aus dem Interview mit Prof. Thiersch in der Zeitung Schattenblick.de

SB: Ob­wohl ja hier auch ganz viel von dem Bruch zwi­schen Pro­fes­si­on und Pra­xis ge­spro­chen wurde.

HT: Das ist ein ur­al­tes und si­cher noch nicht ein­ge­lös­tes Pro­jekt. Es hängt, glau­be ich, auch damit zu­sam­men, daß die So­zia­le Ar­beit da­durch, daß sie sich auf die Le­bens­ver­häl t­nis­se und die all­täg­li­chen Be­wäl­ti­gungs ­mus­ter ein­läßt, sehr dicht am All­tag ist. Und All­tag ist ja da­durch cha­rak­te­ris­ tiert, daß man nicht über ihn nach­denkt, son­dern daß man etwas tut und daß es funk­tio­niert. All­tag hat also ein prag­ma­ti­sche s In­ter­es­se. Die­sen Bruch gibt es in jeder an­stän­di­gen Wis­sen­schaft. Der Phi­lo­soph Karl Pop­per [8] hat ge­sagt: Das Kri­te­ri­um in der Wis­sen­schaft ist die Fal­si­fi­ka­ti ­on, Han­deln da­ge­gen will Er­folg haben. Ich kann ja einem Kind nicht

hel­fen, indem ich mal gucke, ob es schei­tert, son­dern ich muß gu­cken, daß es was wird. Das heißt, die Lo­gi­ken sind ver­schie­den und das darf nicht ver­wischt wer­den. Wis­sen­schaft gibt keine un­mit­tel­ba­r en Pra­xi­s­an­re­ gun­gen oder -vor­schrif­ten , aber sie ana­ly­siert Pra­xis und sie ent­wirft na­tür­lich Ma­xi­men für ihre Wei­ter­ent­wic k­lung. Die bei­den müs­sen sich rei­ben, sie müs­sen sich auf­ein­an­der be­zie­hen. Das be­deu­tet, daß ich als Wis­sen­schaft­ ler weiß, daß ich nicht alles über­se­he, was Prak­ti­ker tun und daß die auch eine ei­ge­ne All­tags­kom­pe ­tenz haben. Es sind zwei ver­schie­de­ne Zu­gangs­wei­se n, die eine eher hand­lungs- und er­le­di­gungs- und die an­de­re eher prü­fungs­ori­e n­tiert. Ab­ge­kürzt will die Wis­sen­schaft Wahr­heit er­här­ten, und Pra­xis will Er­folg haben und han­deln und ir­gend­wie durch­kom­men. Das muß auf­ein­an­der be­zo­gen wer­den, damit die Struk­tu­ren klar wer­den, denn der All­tag und die Pra­xis nei­gen dazu, sich nicht auf­klä­ren zu wol­len über die ei­ge­nen Be­din­gun­gen, weil man so drin­steckt, und die Wis­sen­schaft dazu, nur ihre ei­ge­nen Dinge wei­ter zu ver­fol­gen.
 
 
Michael Domes
#1 Michael Domes 2012-09-30 20:14
Einige Gedanken zum Bericht im Schattenblick, aber auch zur kritischen Nachlese:
Ich empfand den Kongress insgesamt als sehr vielseitig und in vielerlei Hinsicht eine Anregung zum Weiter- und Nachdenken - eine gute thematische Mischung mit vielfältigen Anschluss- und Diskussionsmöglichkeiten.
Gleichwohl kann ich dem Zitat aus „dem Schattenblick“ durchaus (mindestens in großen Teilen) zustimmen.
Ich war Praktiker (auch wenn man damit ja nie „fertig“ sein kann) und bin mittlerweile ebenfalls im Lehrbetrieb (ein Wort, das auch einiges an Aussage- oder Enthüllungskraf t besitzt).
Auf dem Kongress war ich Teilnehmer, wie Referent.
Natürlich fanden auf dem Kongress Austausch und Dialog(e) in vielen unterschiedlich en Konstellationen statt. Trotzdem habe ich selbst auch häufig einen fehlenden Bezug zwischen „der“ Theorie und „der“ Praxis – zwischen Lehrenden/Wisse nschaftlern und Praktikern/Stud ierenden – wahrgenommen. Mancher Vortrag war dann doch eher eine akademische Vorlesung und wie genau das Agora- oder Arenaprinzip konkret umgesetzt werden sollte oder wurde, war leider für mich auch nicht immer klar erkennbar.
Einige Aussagen von Studierenden sind mir sehr deutlich in Erinnerung geblieben.
Ein Studierender sagte bezogen auf die Arbeit mit Straffälligen, dass von Seiten der Hochschule die Orientierung(sf unktion) fehle – also das Nachdenken über eine entsprechende Grundhaltung und ethische Orientierung, die Halt geben kann angesichts der Herausforderung en der konkreten Praxis, d.h. wie kann Beziehung professionell gestaltet und reflektiert werden und welchen Stellenwert hat dies in der Ausbildung. Dem stimmten durchaus mehrere anderen Teilnehmer zu.
Reines Methodenwissen oder eine instrumentell-t echnische Wissensvermittl ung kann diese Funktion nicht übernehmen.
Eine andere Praktikerin, die gerade erst in den Beruf eingestiegen ist, sagte, dass sie von ihren Kollegen hörte, „nach einem Jahr hast du dich dann an die Arbeit hier auch gewöhnt“, Veränderung sei also nicht unbedingt nötig.
Ohne jetzt zu sehr in die Tiefe zu gehen oder hier gehen zu können:
Um in der Öffentlichkeit mit starker Stimme wahrgenommen zu werden, Interessen, vor allem auch unserer Klienten, duchsetzen zu können und vor allem auch als EINE Profession zusammen zu stehen, bedarf es letztendlich auch oder zuerst einer gegenseitigen Öffnung innerhalb unserer Profession.
Disziplin, Profession, wie Praxis müssen wirklich dialogfähig werden, sich zuhören bzw. vielleicht erst einmal versuchen, in einer Sprache zu sprechen, die der Andere verstehen kann. Das gelingt meines Achtens nur auf einer starken ethischen Basis und mit einer wirklichen Haltung, die dann wiederum identitätsstift end bei allen Unterschieden sein kann.
Ich empfand die Gespräche mit den Studierenden als wirklich bereichernd – also mit dem Nachwuchs, der in der Praxis, aber auch in der Lehre tätig sein wird. Es wäre schade, wenn diese Begeisterung, dieses Engagement, diese Bereitschaft, nachdenken und gestalten zu wollen, kein Gehör finden würde.
Ich selbst war abschließend auf einem Workshop zum Thema Würde und Wohnungslosigke it – mit Praktikern, Studierenden und Lehrenden – dort war ganz viel „Geist“ zu spüren, gerade auch in der Mischung der Teilnehmer und dem, was sie sich zu sagen hatten – auch in dem Sinn, nicht nur immer beim status quo zu bleiben, sondern auch selbstbewusst und kritisch-reflex iv einen Schritt nach vorne zu gehen.

Michael Domes
 

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