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Rede zur Ambulanten Erziehungshilfe

Rede zur ambulanten Erziehungshilfe von Jessica Ebert

Bei einem kleinen freien Träger bin ich seit 2,1/2 Jahren als Einzelfallhelferin in der Kinder-und Jugendhilfe angestellt, ich studiere und arbeite auf 450 Euro Basis.

Sprechen werde ich über die ambulanten Hilfen in der Kinder-und Jugendhilfe, d.h. insbesondere über die Soziale Arbeit die direkt in Familien tätig wird.

Die Veränderungen die von meinen Vorredner_innen schon angesprochen worden sind, lassen sich u.a. auf drei Großbuchstaben herunter brechen nämlich NSM, was so viel heißt wie neues Steuerungsmodell. Deshalb wurden Stundensätze für ambulante Hilfen in den letzten Jahren immer weiter heruntergesetzt.

Für eine Familie, bei der noch keine unmittelbare Kindeswohlgefährdung vorliegt, gibt es in Berlin je nach Bezirk, in der Regel nur noch 2-5 Fachleistungsstunden in der Woche. Mit dieser Zeit muss alles abgedeckt werden: die Vor- und Nachbereitung, die Fahrtwege, die Kontakte mit der Schule. Für die Kontakte mit Klient_innen bleiben da meist nur 0-2 Stunden in der Woche übrig.

Und in dieser Zeit soll die Familie oder der Jugendliche sozialpädagogisch beraten oder unterstützt werden:

- bei den finanziellen Verhältnisse,

- bei den Beziehungsverhältnissen in der Familie,

- bei den Kontaktaufbau zu Nachbarn oder Gleichaltrigen,

- bei Ängste z.B. vor dem selbständigen Einkaufen oder vor der Schule,

- bei möglicher mangelhafter Gesundheitsvorsorge,

- bei der Förderung der Kinder usw.

Wir kommen zu einem drastischen Resüme: im Vergleich setzt jeder Berliner Bezirk unterschiedlich hohe Fachleistungstunden an, Klient_innen können also darauf hoffen sie wohnen in einem der scheinbar „besser" ausgestatteten Bezirken und haben dann auch hin und wieder Kontakt zu Sozialarbeiter_innen. Hinzu kommt, dass in den meisten Fällen erst das Angebot einer sozialpädagogischen Unterstützung greift, wenn eine Kindeswohlgefährdung vermutet wird.

Die Stunden wurden ständig herunter gesetzt aber die Probleme sind deswegen ja nicht weniger geworden. Ganz im Gegenteil. Dieser Widerspruch schreit zum Himmel. Die politischen Verantwortlichen sprechen davon, die Kosten für ambulante Hilfen seinen sogar gestiegen. Mag sein, aber warum? Könnte es sein, dass sich die Problemlagen in der Bevölkerung zuspitzen und die Zunahme der Fälle dieser realen Situation geschuldet ist? Wenn aber die einzelnen Hilfemaßnahmen, nachhaltiger, tiefgreifender, eben wirklich sozialpädagogisch angelegt und ausgestattet würden, dann gäbe es nicht ständig neuen Hilfebedarf, dann würden unsere Bemühungen auch greifen.

In unseren Hilfeplänen stehen all diese großartigen Ziele drin. Aber mit unseren Mitteln können wir sie nicht erreichen und auch oft gar nicht bearbeiten.

Und dann mitten im Arbeitsprozess, wenn sich eine vertraute Beziehung aufgebaut hat, wenn es sich bemerkbar macht, dass die Hilfe jetzt greift, dann muss meist schon der Verlängerungsantrag gestellt werden und oft wird er nicht genehmigt. Es muss meist regelrecht darum gekämpft werden, dass es weitergehen kann. Fachlichen Argumente werden dabei durch kostensenkende Argumentationen weichgespült und abgewertet. Und wenn es dann wirklich keine Verlängerung gibt ist das sehr frustrierend.

Und nicht nur als Randnotiz ist auch die Bezahlung von Sozialarbeiter_innen bei vielen freien Trägern zu nennen. Viele Stellen sind so angelegt, dass nur 50% des Gehaltes sicher sind, den Rest je nach Arbeitsanfall (z.B. durch Honorarverträge). Unsere Stundenlöhne liegen zum Teil unter 12 Euro, das ist kein Scherz, erst neulich hat mir ein Sozialarbeiter erzählt er bekomme 11,20€ die Stunde, soviel bekomme ich als Studentin. Kaum jemand hat eine feste oder auch eine volle Stelle. Wenn wir einen Vertrag über 30 Stunden haben, dann arbeiten wir garantiert in Wirklichkeit 40 bis 45 Stunden. D.h. wenn wir das bezahlte Zeitpensum überschreiten müssen, wird unsere sozialpädagogische Bereitschaft Menschen zu begleiten und zu unterstützen, brutal individualisiert und auf die Probe gestellt.

Wir brauchen angemessene Arbeitsbedingungen:

- mehr Stunden für die Arbeit mit den Klient_innen – nämlich genau so viele, wie nach fachlicher Einschätzung nötig sind, um die angegebenen Ziele wirklich erreichen zu können ,

- eine angemessene Laufzeit, nämlich so lange, dass es gelingen kann, Veränderungen wirklich zu festigen und nachhaltige Wirkungen zu erzielen

- bezahlte Zeiten für Vor- und Nachbereitung

- die Übernahme der Kosten für die Fahrten zu den Klient_innen

- Teamgespräche, Leitungen, die Zeit haben und eine fachliche Anleitung leisten können, Supervision und Fortbildung.

- Ambulante Erziehungshilfen sollen nicht zum Fallmanagement heruntergewirtschaftet werden

Und schließlich:

- Es braucht die Akzeptanz der Träger und das Einvernehmen des Jugendamtes, dass wir sozialpädagogische Beziehungsarbeit und Bildungsarbeit leisten

19.03.2013 Internationaler Tag der Sozialen Arbeit Berlin

Kommentare  

 
Patty
#1 Patty 2013-04-08 08:42
Danke für diesen Beitrag! In meinem Blog mache ich mir auch Gedanken zu diesem Thema und meinen persönlichen Erfahrungen in der ambulanten Arbeit.
Viele Grüße, Patty
 

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