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Kommentar zur Demo

Dies wurde mir zwar erst fünf Wochen nach der Demo (19.03.13) zugesandt. Aber es ist ein sehr lesenwerter und persönlicher Kommentar von jemandem, der eigentlich gänzlich unbeteiligt WAR!

Es ist ein nettes Feedback für alle, die diese Demo organisiert haben, für die, die Teilnehmer der Demo waren und für all die, die gar keine Demos besuchen.

Viel Spaß!!!

Aus der Sicht eines Unbeteiligten

Auf Demonstrationen habe ich mich bislang nie wirklich wohl gefühlt, was zur Folge hatte, dass ich mich auf solchen Veranstaltungen immer weniger blicken ließ. Warum dies so war, kann ich nicht genau sagen, da ich mit dem dort Geforderten fast immer zu 100%

 

einverstanden war. Natürlich war ich gegen den Krieg, soziale Ungerechtigkeiten oder den Hunger in vielen Teilen der Welt, verursacht durch eine katastrophale Wirtschaftspolitik. Aber sobald ich mich in einem Pulk Demonstranten auf der Straße befand überkam mich immer dieses komische Gefühl. Eine Mischung aus Vergeblichkeit, Fremdheit und Unbehagen, dessen tiefere Gründe zu erschließen jetzt hier zu weit führen würde. Es war eher so eine Sache, die man mit seinem Psychiater bespricht, und das aus einem Konglomerat persönlicher Abneigung gegen Massenveranstaltungen sämtlicher Art, aber sicher auch aus einer Art Politikverdrossenheit herrührte. Man fühlt sich nicht wohl und es bringt eh nichts, so könnte man es wohl zusammenfassen.

Dass ich also auf dieser Demo landete, hatte völlig unpolitische Gründe. Es war mehr ein Pflichtbesuch, wie man vielleicht eine Tante zum Geburtstag besucht. Dir bedeutet es nicht besonders viel, aber du weißt, dass es für jemand anderen eine große Sache ist, und deshalb... Ich kannte jemand von den Veranstaltern, und da ich wusste, was für diese Person diese Demonstration bedeutete, schwang ich mich mit einiger Überwindung aus dem Bett, um draußen von einem schneidend kalten Wind und Schneegestöber empfangen zu werden. Treffpunkt war die Weltzeituhr am Alexanderplatz. Dort fand ich eine Gruppe von Menschen vor, die man als überschaubar bezeichnen könnte. Augenblicklich überkamen mich die vorhin beschriebenen Gefühle, und ich war mir sicher, dass ich bestimmt nicht besonders lange bleiben würde. Ich ließ mir einen orangenen Luftballon geben, um ausdrücklich meinen guten Willen zu demonstrieren. Im Groben wusste ich schon, dass es hier um die Kürzungen und schlechte Bezahlung im sozialen Bereich ging, aber wie gesagt, war ich ja eigentlich aus rein privaten Gründen hier. Etwas unbeholfen band ich mir den Ballon an dem Arm, und hoffte, dass mir in absehbarer Zeit nicht der Arsch einfrieren würde.

Der Zug setzte sich in Bewegung, und ich schritt mit, und versuchte ein möglichst beteiligtes Gesicht zu machen, was immer ich mir darunter auch vorstellte. Ein gewisser Ernst, der jedoch nicht zu ernst ausfallen sollte, schließlich sollte einem das Happening ja auch Freude machen. Wer weiß, vermutlich sah ich ziemlich komisch aus, aber man muss schon eine sehr egozentrische Persönlichkeit sein, um sich überhaupt in einer Gruppe von 400 Leuten (so die Polizeiangaben) Gedanken darüber zu machen, wie man wohl bei eventuellen Betrachtern wahrgenommen wird.

Auf dem ersten Abschnitt der Route wurde ich also eher mit all dem persönlichen Psychokram konfrontiert, den man so mit sich herumschleppt, als mit sonst irgendwas. Ich klammerte mich an meine Zigarette und meinen Kaffeebecher, und suchte noch meinen Platz, ohne es überhaupt zu wissen. Ich fühlte mich etwas unbehaglich und wäre gerne unsichtbar gewesen, was mit Sicherheit eine absurde Grundvoraussetzung für jemanden ist, der auf die Straße geht um auf etwas aufmerksam zu machen.

Ich nahm die Blicke einiger Passanten war, die sich das bunte Getümmel anschauten, und versuchte nach wie vor so zu tun, als wäre das hier für mich die normalste Sache auf der Welt. Innerlich rechnete ich aus, wie lange ich denn ungefähr mitlaufen müsste, dass es gegenüber meiner Bekannten ein erträgliches Maß wäre, mit dem sie wohl leben könnte, ohne dass ich mich allzu sehr kompromittieren müsste. Mein Gott, was war ich in diesem Moment doch für ein geistiger Freak, und witzigerweise fühlte ich mich auch genauso, ohne dass ich die Gründe dafür gekannt hätte.

Neben mir skandierte eine Gruppe einige Parolen, was mich augenblicklich in eine gewisse Zwickmühle brachte. Ich wollte ja keinesfalls auffallen, und jetzt befand ich mich genau in einer Gruppe, die auf Teufel komm raus genau das wollte. Andererseits wollte ich ja auch genauso wenig in diesem Pulk auffällig werden. Weshalb ich allen Ernstes anfing, die Lippen zu den Sprechchören synchron zu bewegen. Weiß Gott, mit Sicherheit einer der persönlichen Tiefpunkte meiner Vita, und höchstwahrscheinlich hatte zu diesem Zeitpunkt mein Gesicht annähernd die gleich Farbe des Ballons angenommen, der wild und ausgelassen um mich herum flatterte, als ginge ihn mein Dilemma so gar nichts an.

Ich fing an, mich zurückfallen zu lassen, um wenigstens noch ein kleinen letzten Rest Selbstrespekt zu bewahren. Die Musik vom Wagen hinter mir wurde lauter. Gar keine so schlechte Mucke, dachte ich. Ich ging noch langsamer. Ziemlich gute Musik sogar. Schlichte poppige Musik mit hohem Euphoriefaktor. Ja, dachte ich, hier lässt es sich eigentlich ganz gut aushalten. Meine Laune besserte sich augenblicklich, und ich beschloss, egal was auf dem Weg passieren sollte, ich mich auf jeden Fall in Nähe der Musik halten würde. Der Drang aus dem Zug auszuscheren und das Weite zu suchen, war nicht mehr so stark da, obwohl ich da noch der festen Überzeugung war, den Potsdamer Platz, welcher das Ziel der Marschroute war, noch nicht einmal von der Ferne zu Gesicht zu bekommen. Momentan gingen wir durch eine Gegend in der sich kaum Menschen herumtrieben. Eigentlich für mich als ein Öffentlichkeit scheuendes Wesen perfekt, doch als wir an einem großen Gebäude vorbeikamen, hinter deren meterhohen verglasten Wänden eine ganze Reihe Anzugträger und Kostümträgerinnen uns zuschauten, wie unser Haufen da Krach schlagend an ihnen vorbeizogen, gefiel mir die dadurch entstehende Spannung doch ganz gut. Die da oben, wir hier unten, und der ganze Mist eben.

Ja, natürlich war mir das peinlich, aber zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass wir hier etwas bildeten, was die da oben zum Beispiel ruhig zu sehen bekommen sollten. Ich konnte auf die Entfernung allerdings nicht erkennen wie die Reaktionen hinter den Scheiben waren. Ich stellte sie mir als eine Mischung aus Belustigung und Abscheu vor, aber genauso gut hätten Anteilnahme und Schuldgefühle dort oben stattfinden können. Von so weit weg sind solche Nuancen eben nicht zu erkennen, und ich hoffte, dass wir bald in lebhafteres Gebiet eindringen würden. Ich hatte jedenfalls etwas neues entdeckt: ich musste mir gar nicht so viele Gedanken machen, wie ich auf die anderen wirkte. Es war viel interessanter zu beobachten, wie diese Gruppe von Plakaten und Ballons tragenden und Parolen skandierenden Menschen auf die Umgebung wirkte. Fast hätte ich von Wir gesprochen. Aber es war ja noch ein gutes Stück zu gehen.

Wir kamen an einer Baustelle vorbei, und die Arbeiter dort schauten, und das irritierte mich doch ein wenig, tatsächlich interessiert. Konnte das denn die Möglichkeit sein? Ich hatte eher mit Blicken gerechnet, die einem unmissverständlich zu verstehen geben würden, dass man gefälligst etwas arbeiten solle, statt hier am helllichten Nachmittag Krach zu schlagen. Doch da war nichts Feindliches auszumachen, dass einem da entgegenschlug. Mich überkam fast ein wenig der Drang, jedem dieser Männer persönlich die Hand zu reichen, dass sie so verständnisvoll mit dem ganzen Spektakel umgingen. Hatten sie nicht mit Sicherheit ganz andere Sorgen. War ihre Bezahlung nicht noch weitaus schlechter? Und war es nicht einfach verdammt zu kalt um im Freien zu arbeiten? Fragen über Fragen und eine seltsame Solidarität mit der arbeitenden Klasse drangen in mich ein, und als ich auch noch in den Bürohochhäusern jede Menge Angestellte sich an den Fenster drängen sah, die von dort uns zuschauten, überkam mich doch tatsächlich so etwas wie Stolz. Ja, ich bin auch einer von denen. Und einer von denen zu sein wurde irgendwie zu einer von euch, und auf einmal fühlte ich mich einer Menschheit zugehörig, die weit über diesen Zug hinausging, und von der ich mich vor wenigen Momenten noch allein durch die schwache Tatsache verbunden gefühlt hatte, was sie denn über mich wohl denken mag. Konnte es wirklich so schnell gehen? Wir waren ja gerade vielleicht 500 oder 1000 Meter gegangen. Aber waren das nicht andererseits Distanzen, die sowieso nie zu Fuß zurückgelegt werden konnten? Oder etwa doch, einfach durch die Tatsache, dass ich hier mit all den anderen 400 Wichteln durch den Schnee stapfte?

Wir bogen jetzt in die Friedrichstraße ein, und dort ging es menschenmassentechnisch natürlich gleich ganz anders ab. Die Polizeiabsperrungen schienen zum ersten Mal Sinn zu machen. Hier gab es tatsächlich jede Menge Verkehr aufzuhalten, dass sich der Demonstrationszug ungehindert seine Bahn brechen konnte. Auf Berlins Einkaufsmeile Nr. 1, auf der ich nun sicherlich alles andere als übermäßiges Interesse für so ziemlich alles, was mit dem Schlagwort Sozialem belegt werden konnte, erwartet hätte, kam ich dann aus dem Staunen kaum noch raus. Eine Frau mit Lui Vitton Täschchen (und ich weiß noch nicht mal wie man das richtig buchstabiert!) , die sich interessiert ein Flugblatt durchliest, ein Mann im Zweireiher, der den Eindruck machte, als hätte er eigenhändig die Hälfte aller Grünflächen in Berlin zementiert, der sich jetzt aber ernsthaft bemühte, die Schrift auf den Spruchbändern zu entziffern, und das ohne jegliche spöttische Regung, ein Kleinfamilie, wo der Vater in einer mir unbekannten Sprache seiner Familie augenscheinlich versuchte zu erklären, was hier gerade abging. Er machte dabei ein sehr ernstes und lebhaftes Gesicht, als hätte er seit Tagen von nichts anderem als den Gründen dieser Demonstration gesprochen, und bekäme nun zum ersten Mal endlich die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Anvertrauten.

Ich traute meinen Augen nicht. Sollte ich mich etwa in den Menschen getäuscht haben? Hatten wir uns nicht schon längst darauf geeinigt, dass uns alles was außerhalb unserer persönlichen Reichweite lag letztlich herzlich egal war? Hatte es da irgendeine Übereinkunft gegeben, die ich nicht mitbekommen hatte? Seit wann interessierte man sich bitteschön für das, wofür andere auf die Straße gingen? Mein Gott, ich selbst hatte ja bislang kein rechtes Interesse für den Aufmarsch hier aufbringen können, und ich stiefelte schließlich hier sogar fleißig mit!

Auf einmal bekam ich feuchte Augen, und ich musste ganz schön achtgeben, dass ich hier nicht auf der Stelle wie so ein Idiot losheulte. Zum ersten Mal wünschte ich mir, dass die Menschen in meinem Teilabschnitt mal ein paar saftige Parolen gebrüllt hätten. Aber wer weiß, auf einmal war ich mir nicht mehr so sicher. Wahrscheinlich würde ich mich plötzlich gar nicht mehr dafür schämen, sondern wäre zutiefst gerührt, dass jemand einfach so seine Meinung, seinen Unmut, sein Recht in die Welt hinausschreit, und wann hatte ich denn das selbst überhaupt das letzte Mal erlebt, dass man einfach so seiner Meinung Luft machte, und das auch noch für alle sichtbar und hörbar? Und jetzt auf einmal all die Schicki Mickis mit diesen teilnahmsvollen Gesichtern. Ich hatte so feste Grenzen um mein Leben und in dem selbigen gezogen und diese begannen nun auf einmal so brüchig zu werden. Und das nur weil eine Bande von Unverbesserlichen um die Häuser zog und auf einen Missstand hinwies, den man doch eigentlich schon längst als alten Hut akzeptiert hatte. Was ging denn hier auf einmal ab? Und ich hatte doch nur jemandem einen Gefallen tun wollen.

In dem Getümmel aus verschiedensten Plakaten und Spruchbändern hatte ich eines entdeckt, dass mir am besten gefiel. Es war nicht nur so, dass ich es optisch am ansprechendsten fand (in schönen bunten Regenbogenfarben), sondern die Aufschrift fand ich auch richtig gut: „So wie ihr uns jetzt bezahlt, so werden wir uns später um euch kümmern.“ Das ging irgendwie rein und traf die Sache doch ganz gut. Es war letztlich die gleiche Botschaft, die auch auf allen anderen Plakaten stand, aber machte doch wesentlich mehr her als alle anderen Formen von „mehr Lohn“ „20 Stunden Woche“ und all die unterschiedlichen Formen des Protestes, die oft doch für alle Unbeteiligten die Botschaft in sich trug: was geht mich das denn an. Als ich das ernste Gesicht eines Polizisten beobachtete, der eben dieses Plakat gerade las, wurde mir klar, dass dies eine Botschaft war, die unmissverständlich ankam: Es geht hier auch um dich! Und das war eine Tatsache, die ich selbst recht gründlich vergessen hatte, dass die Dinge, die in einer Gesellschaft und überhaupt der Welt geschehen, letztlich zutiefst mit einem zu tun haben. Und wie mir jetzt die Erfahrung hier half, wieder eine Vorstellung davon zu bekommen. Demokratie! In einem Land zu leben, wo man seine Meinung öffentlich kundtun konnte! War ich letztlich nicht immer mehr pflichtschuldig zur Wahl gegangen, als in einer wirklichen Überzeugung. Nicht, dass ich mir auf einmal revolutionär vorgekommen wäre, aber mir wurde wieder bewusst, dass ich in einer Gesellschaft lebte, die einem Rechte gewährte, für die vor langer Zeit, ja teilweise noch heute auf der Welt, Menschen mit ihrem Leben gekämpft und bezahlt hatten. Auf einmal kam mir so eine Demonstration doch recht gesund vor. Wie ein Organ in einem großen Organismus, das jetzt nicht unbedingt der Herzschlag war, aber doch ein wichtiger Träger, der das Blut durch den Körper transportierte. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag begann plötzlich für mich alles Sinn zu machen. Blopp, machte die erste Träne, und ich beschleunigte meinen Schritt. Aber nicht verschämt. Vielleicht ein klein wenig verlegen, aber irgendwie auch glücklich darüber, dass das alles hier doch für eine gute Sache war.

Eine französische Schulklasse gab mir dann den Rest. Sie wollten gerade über eine Kreuzung, mussten uns jedoch erst passieren lassen. Die pubertären Rotznasen schauten uns ganz glücklich zu. Hey, Berlin, hier geht was, schienen ihre Blicke zu sagen. Sie fanden die Musik augenscheinlich ganz geil, und die Jugend hat ja generell die Tendenz Action nicht ganz abgeneigt zu sein. Die Lehrerin studierte die Plakate und ein Flugblatt und versuchte ihrer Klasse das ganze Treiben hier zu erklären. Man konnte es regelrecht riechen. Sie waren allesamt zutiefst damit einverstanden, wofür wir hier auf die Straße gingen. Mein Gott, die Franzosen hatten das ja schon fast erfunden mit dem auf die Straße gehen und der Demokratie. Heimatliche Gefühle, bildete ich mir ein bei ihnen zu sehen, dabei waren es wahrscheinlich einfach nur meine Gefühle, die plötzlich hier unter all diesen Menschen mich daran erinnerten, dass ich ja hier in einer die ganze Welt umspannenden Gemeinschaft lebte, und wie schön es doch letztlich war dazu zu gehören. Wie schön, und wie richtig.

Wir gingen aneinander vorbei, und ich schaute in ihre jungen und hoffnungsvollen Gesichter, die mir auf einmal so unschuldig erschienen, und da kam es mir dann so richtig, und es dauerte eine ganze Weile bis ich mich wieder so halbwegs eingerenkt hatte. Nein, so was. Ich hatte ja keine Ahnung gehabt, wie einem so eine Demonstration ans Herz gehen konnte. Ich hatte solche Veranstaltungen bislang für etwas rein Politisches gehalten. Etwas, in dem Gefühle keine große Rolle spielten. Wenn man mal einen Blick in den Bundestag wirft, überkommen einen ja kaum rührselige Ausbrüche oder sonst angenehm geartete Gefühle. Es war als wäre ich plötzlich auf eine Art Wurzel in unserem Gemeinwesen gestoßen, die unter vielen anderen den ganzen Baum versorgte, auf dem wir leben. Und vor einer Stunde hatte ich mich noch wie ein einzelnes Blatt gefühlt, das der Wind völlig unbeeinflussbar vor sich hertrieb.

Der Vorsatz mich aus dem Staub zu machen, hatte schon lange keinen Bestand mehr. Ich war inzwischen angekommen, auch wenn wir immer noch unterwegs waren. Und wie es oft so ist, wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, dann geschehen die Dinge auf einmal von ganz alleine. Ich hatte mich immer in der Nähe meines Lieblingsplakates aufgehalten, weil ich ganz genau die Reaktionen der Menschen auf den Schriftzug erkennen wollte. Kurz bevor wir am Potsdamer Platz ankamen drehte sich einer derjenigen, die das Plakat hielten zu mir um und fragte mich, ob ich vielleicht übernehmen könnte. Aber ja! Nichts wie her damit. Mir war das schon eine ganze Weile durch den Kopf gegangen, aber ich hatte mich nicht getraut zu fragen, während dem Typ wahrscheinlich fast der Arm abfiel. Da kann man mal sehen, wie beschränkt man doch sein kann, auch wenn einen die erhellendsten Spruchbänder umgeben, von wegen Solidarität und so.

Stolz wie Oskar lief ich nun in der Reihe mit den anderen, die alle das Plakat an einem Zipfel hielten. Ich war nun wirklich so ein richtiges Mitglied, ein waschechter Teilnehmer auf dieser Demonstration. Wow. Gar kein so schlechtes Gefühl. Ich gehörte dazu, und zu weit mehr, als mir das Ganze noch vor zwei Stunden vorgekommen war. Wie klein die Welt doch ist. Und wie groß...

Am Potsdamer Platz war eine Bühne aufgebaut und es wurden noch ein paar Reden gehalten. Wir postierten uns mit den Plakaten so, dass es für alle Vorüberkommenden gut zu sehen war. Ab und zu mussten wir immer wieder den Schnee vom Transparent schütteln, und wir hatten alle unseren Spaß dabei, wie der Schnee dann in alle Richtungen davon stob. Der Schnee war schön, die Gruppe von Menschen, die sich um die Bühne versammelt hatte, machte einen fabelhaften Eindruck, ja selbst der verdammte hässliche Potsdamer Platz schien auf einmal gar nicht mehr so übel zu sein.

Dann wurde das Plakat eingewickelt. Es kamen zwar noch ein paar RednerInnen dran, aber ich hatte das Gefühl, dass meine Aufgabe hier erledigt war. Ich hatte gelernt, was es hier für mich zu lernen gab. Ich verabschiedete mich von meinen Mitträgern und machte mich auf den Weg. Ich hatte noch immer den Luftballon, wollte ihn aber auch nicht einfach so in den Himmel steigen lassen. Irgendwie wollte ich nicht, dass das alles hier, und wofür es stand, so einfach davonflog. Also band ich ihn an einen Laternenpfahl. Gute Güte, ich hatte ja fast schon zärtliche Gefühle zu diesem Ding, mit dem ich mir vor einer Weile noch wie ein Idiot vorgekommen war.

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wer denn nun eigentlich alles von dieser Demonstration profitiert haben wird oder in welchen gesellschaftlichen Gesamtkontext man die Veranstaltung einordnen kann. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich nicht der einzige war, bei dem durch diesen Marsch durch etwas angestoßen wurde. Dafür hatte ich zu viel Gesichter gesehen, hinter denen es sichtlich gearbeitet hatte. Letztlich kann man aber was manche Dinge angeht, ja nur für sich selbst sprechen. Und ich hatte an diesem Nachmittag so viel erlebt und gelernt, wovon ich vorher noch nicht einmal eine ungefähre Ahnung gehabt hatte. Es ist schon manchmal komisch im Leben. Da will man nur jemandem einen Gefallen tun, und am Ende ist man es selbst, dem geholfen wird. Unbeteiligt war ich losgezogen, hatte Anteilnahme erlebt und war schließlich zum Teilnehmer geworden. Teilnehmer von etwas, das weit über die 400 Leute und den sozialen Missstand hinausging. Ich war für etwas auf die Straße gegangen, und es hatte diesen Gang gebraucht, um letztlich zu erkennen, dass ich hier nicht einfach nur für andere oder für eine Sache oder gar etwas Abstraktes mitmarschierte, sondern eben wirklich ganz persönlich auch für mich. Und dass dieses Ich und die Anderen eben zwei Dinge sind, die man unmöglich voneinander trennen kann. Und das ist immer ein guter Grund um gemeinsam füreinander auf die Straße zu gehen, ob es sich nun um soziale Gerechtigkeit, den Frieden oder Freiheit handelt, welche genauso wenig von uns oder sich zu trennen sind, wie wir voneinander.

-Koni Hansen-

Kommentare  

 
Jann
#2 Jann 2013-08-21 16:09
Macht weiter so! Super geschrieben. Ich finde das die Soziale Arbeit viel mehr Aufmerksamkeit verdient hat!! Lg. Jann ;-)
 
 
ms
#1 ms 2013-04-27 17:44
Danke Koni, dass du das alles aufgeschrieben hast und danke dir, die du diesen Text hier eingestellt hast.
Das stärkt meine Zuversicht, dass es doch etwas bringen kann, wenn man bei minus 4 Grad und Schneematsch stundenlang durch die Straßen läuft, um all denen, die zusehen, klar zu machen: wir finden uns nicht damit ab, dass wir in einer Gesellschaft leben sollen, in der die soziale Gerechtigkeit immer weiter ausgemerzt wird und in der nicht die Menschen sondern das Geld das Sagen hat.
 

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