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Projekt: "Tagebuch Soziale Arbeit" - 3. Folge

Der Weg aus der Sucht und zurück auf Anfang.

aus der Mobilen Jugendarbeit

Michael wurde von einer anderen Institution an das Projekt der Mobilen Jugendarbeit vermittelt. Zum damaligen Zeitpunkt lag bei ihm eine starke Abhängigkeit von der Droge Crystal Meth vor. (Exkurs zu Crystal Meth: dabei handelt es sich um ein Amphetamin, welches seit Mitte der neunziger Jahre den Weg auf den ostdeutschen Mark gefunden hat und hier von jungen Menschen neben Cannabis am häufigsten konsumiert wird. Diese Droge ist relativ leicht herzustellen und damit im Vergleich zu anderen chemischen Drogen wie Kokain sehr preiswert. Besonders gefährlich ist dabei, das eine schnelle Abhängigkeit eintritt sowie das es relativ schnell zu ersthaften, mitunter bleibenden physischen und psychischen Schäden bei dem konsumierenden jungen Menschen kommt.)

Seine konkreten Wünsche an die Einrichtung bezogen sich zum Zeitpunkt dieses ersten Kontaktes auf eine Unterstützung bei der Auflösung der Wohnung, welche er aufgrund ausgebliebener Mietzahlungen verloren hatte. Er selber fand die Tatsache, dass er seine Wohnung verloren hatte, nicht so schlimm. Schließlich war gerade die Langzeitentwöhnungsbehandlung durch den zuständigen Rententräger genehmigt worden. Und er hätte die Wohnung somit ohnehin aufgeben müssen, meinte er, denn er sei sich gar nicht sicher, ob er je in diese Stadt zurückkehren würde. Es handelte sich um eine ostdeutsche, mittlere Kleinstadt, deren Infrastruktur (sozial wie im Hinblick auf öffentliche Verkehrsmittel) lange Zeit vernachlässigt bis abgebaut worden war, es jedoch in der letzten Zeit erste Schritte in Richtung einer Veränderung hin zu einer positiven sozialen Infrastruktur gegeben hat.

Nach dem ersten Gespräch mit Michael war das Projekt der Mobilen Jugendsozialarbeit bereit, ihn bei seinem Auszug zu unterstützen. Wir vermittelten zwischen Vermieter und Michael, halfen dabei, Möbel unterzustellen (eine solches Angebot wird immer notwendiger). Direkt nach der Wohnungsauflösung begab sich Michael dann auch in eine klinische Entgiftung. Während dieser Zeit hielt er kontinuierlich Kontakt zu den verschiedenen Mitarbeitern.

Zur Biografie von Michael wäre Folgendes nachzutragen: Er hat ein Kind, zu dem er keinen Kontakt hat. Es lief eine Insolvenz (sein Name im Schufa-Register blinkt bestimmt rot). Er hatte bereits eine Haftstrafe verbüßt. Er kannte fast keine Menschen, die nicht irgendwas mit Drogen zu tun hatten. Seine Beziehung wechselte zwischen den Polen überschweifender Liebe und exzessiver Gewalt. Am ersten Arbeitsmarkt hatte er schon seit Jahren nicht mehr aktiv teilgenommen. Zu seinen Eltern bestand schon seit Jahren kein Kontakt und ich vermute, es gibt ausreichend Gründe, warum diese bis zum heutigen Tage nie Thema irgendeines Gespräches mit Michael waren.

Zur Zeit seiner ersten Kontakte bei uns war Michael 32 Jahre alt und sein erster Konsum von Crystal Meth lag gut 15 Jahre zurück.
Wenn jetzt jemand fragt: ‚32 Jahre, warum dann eigentlich noch Jugendarbeit?‘, dann muss die einfache Antwort lauten: Weil es das einzige bestehende Angebot war. Zudem vertreten viele mir bekannte Suchtberater die Auffassung, dass eine bestehende Suchtproblematik mitunter die kognitive Entwicklung und damit auch die Herausbildung sozialer Kompetenzen verlangsamen bis gänzlich blockieren kann. Michael war also in unserer Einrichtung schon richtig. Nur fehlten uns die Ressourcen, ihm nach seiner Therapie z.B. im Rahmen einer Nachbetreuung wirklich und nachhaltig helfen zu können.

Während seiner Zeit in der Therapie schrieben wir uns regelmäßig, führten fast schon via Internet Diskussionen bezüglich eines möglichen Rückfalles in der Therapie. In erster Linie aber entwickelten Visionen einer möglichen Zeit danach, ohne Drogen.
Natürlich war auch in Gesprächen mit Kollegen seine Situation immer wieder Thema, vor allem die Frage: „Was, wenn er sich entschließt hierher zurückzukehren und noch schlimmer: wohin mit ihm, wenn er abbricht?“. Schließlich fühlte er sich auch irgendwie mit der Stadt verbunden, war hier als Kind und Jugendlicher und Erwachsener gewesen. Es lässt sich sicherlich erahnen, in welchem Dilemma wir uns befanden.

In vielen Emails erwogen wir gemeinsam, was für die Zeit danach wohl das „Beste oder wenigstens das geringere Übel“ für ihn wäre. Innerhalb der Therapie legte man ihm nahe, nach der Adaption in einer neuen größeren Stadt „neu anzufangen“. Aber Michael meinte, das sei keine so gute Idee, da er dort niemanden kenne, also auch niemanden der selbst Stress mit Drogen habe. Leider musste ich ihm in diesem Zusammenhang zustimmen. Aber es gab keinen Plan B zur großen Stadt.
Dennoch entschloss Michael sich nach der Adaption in unsere Stadt zurückzukehren.
Gemeinsam suchten wir also Wege in unserer Stadt. Eine eigene Wohnung zu finden, würde wohl schwierig werden, besser wäre eine sozialpädagogisch begleite Einrichtung, meinten wir. Diese fehlt aber im gesamten Landkreis, genauso wie jedes Angebot einer etwaigen Nachsorge. Lediglich verschiedene Wohnheime für trockene Alkoholiker hätten ihn unter gewissen Umständen aufgenommen, jedoch war oft die Voraussetzung dass er regelmäßig Tests ablegt, welche er selbst bezahlen sollte. Mit der Aussicht auf vorläufigen ALG II Bezug war dies allerdings nicht finanzierbar. Auch hätte Michael sich in unzählige Selbsthilfegruppen für Alkoholkranke Menschen reinsetzten können, dies war jedoch keine wirkliche Option. Und in besagtem Landkreis gibt es aktuell nur einen Suchtberater, der junge Menschen zu illegalen Drogen berät, der ist aber nur mittels öffentlicher Verkehrsmittel zu erreichen und so überbucht ist, dass für Michael z.B. monatlich nur ein einstündiger Termin möglich gewesen wäre.

Das Ende der Adaption rückte näher, eine Wohnung aber nicht. Bei irgendeinem Kumpel wäre er bestimmt untergekommen, aber diesen Schritt wollten wir nicht gehen müssen. Aus diesem Grund entschloss sich das Projekt zu einer bis dato erst einmal angewandten Lösung, eine Notwohnung wurde angemietet. In diese zog Michael erst einmal ein. Von einem durchstrukturierten Tagesablauf, mit regelmäßigen Gesprächen, mit Gemeinschaft und in erster Linie mit Sicherheit in einer pädagogisch und suchttherapeutisch geprägten Umgebung in eine eigene Wohnung - und das innerhalb weniger Stunden! Wie konnten wir das auffangen?
In den darauffolgenden Wochen gelang es dem Projekte der Mobilen Jugendsozialarbeit in Kooperation mit einer offenen Jugendeinrichtung ein Angebot zu entwickeln und finanziell so auszustatten, dass es möglich war, jungen Menschen jeden Morgen ein Frühstück anzubieten. Innerhalb dieses Rahmens sollte eine Anlaufstelle für junge Menschen geschaffen werden, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, Termine zu besprechen, auszuwerten bzw. zukünftige zu planen. An diesem regelmäßigen Angebot nahm nun also auch Michael teil. Rückblickend sagt er, ohne dieses Angebot wäre er damals nicht clean geblieben. Dies habe er nur durch die Gemeinschaft sowie durch die Unterstützung verschiedener Ansprechpartner geschafft. Durch das neue Projekt war der Club jetzt durchgängig von 10 Uhr früh bis abends 21 Uhr geöffnet. Michael half innerhalb der Projekte aus und erwarb somit eine feste Tagesstruktur.
Dieser positiven Entwicklung stand jedoch entgegen, dass es ihm nicht gelang, eine Tätigkeit zu finden, welche ihn vom Jobcenter unabhängig gemacht hätte, geschwiege denn, sein Ziel nach der Aufnahme einer neuen Ausbildung auch nur eine Stück näher zu kommen. Hinzugefügt werden muss, das er bereits über eine Ausbildung verfügt, jedoch in diesem Beruf keinen Anstellung mehr findet, da er diesen zu lange schon nicht mehr ausgeübt hat. So verstrichen die Wochen und außer der Hilfe eines regelmäßigen Frühstücks, außer Gesprächen und einer Möglichkeit, Wäsche zu waschen, konnten wir nicht viel für ihn tun.
Am meisten fiel ihm die Kontaktaufnahme zu anderen Menschen schwer, es war schließlich eine gänzlich neue Welt für ihn und alle „Kompetenzen“, für welche er früher Ansehen und Respekt erhalten hatten, zählten in dieser nicht viel. Michael beschrieb die Welt der Drogen als wirkliche „Parallelwelt“, welche mit seiner jetzigen und der unseren nur wenig Gemeinsamkeiten besitzt, sie habe ihre vollkommen eigenen Regeln und komme eigentlich nur im Rahmen von Gericht und Polizei in Kontakt mit der „normalen Welt“. Von seinen Freunden vor seiner „Drogenzeit“ hatten viele jetzt Familie, feste Jobs, er fand keinen Zugang, er beschrieb es mit „ich war zu lange weg“.
Irgendwann kam der Rückfall, es hatte sich im Nachgang betrachtet irgendwie abgezeichnet aber es überraschte uns doch.
Das Wissen darüber, dass jene kleinen Angebote das Äußerte waren, was wir hatten leisten können, und das mehr nicht ging, um etwas gegen diesen schier übermächtigen Gegner Crystal Meth zu setzen, lähmte erst einmal alle Mitarbeiter. Was sollten wir noch tun, was dem entgegenhalten?
Konnten wir solchen jungen Menschen in dieser schweren Zeit überhaupt helfen? Wir versuchen ständig, mit konsumierenden jungen Menschen Visionen eines Lebens ohne Sucht zu entwickeln, einer harmonischen Beziehung, einer gelingenden Arbeitstätigkeit etc. Und dann gehen sie auf Therapien und stehen danach in einem Vakuum, in dem nichts vorwärts geht. Das genannte Beispiel steht dabei für einen Vielzahl junger Menschen, welche von uns durch die verschiedenen Projekte begleitet wurden. Was uns oftmals fehlt ist ein Plan B. Wenn ich heute auf die Straße gehe oder wenn heute ein Jugendlicher in die offene Einrichtung zum Frühstück kommt und uns erzählt, dass er nicht weiß, wo er heute schlafen soll, gibt es keinen Plan B. Ihm das zu sagen ist etwas, was einem nur schwer über die Lippen kommt und was einen Arbeitstag noch sehr lange hinausziehen kann.
Im Hinblick auf die Thematik, wie wir mit Sucht umgehen, zeigt der geschilderte Fall deutlich auf, in welchem Dilemma wir uns befinden. Oftmals wird uns vorgeworfen, entsprechende Projekte und Angebote entsprächen in keiner Form einer bestimmten Fachlichkeit und Professionalität. Aber damit sagt man uns nichts Neues. Natürlich machen wir oft nur kümmerliche Versuche, wenigstens irgendetwas als nichts zu machen.
Jugendarbeit endet bei uns mit dem 18.Lbj.. Darüber hinaus gibt es fast keinerlei Angebote mehr. Das ist unsere Realität.

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