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Projekt: "Tagebuch Soziale Arbeit" - 4. Folge

„Sie haben das Ziel nicht erreicht. Also kein Erfolg. Keine Verlängerung“.

aus der ambulanten Psychiatrie

Als Sozialtherapeutin betreue ich seit einem Jahr u.a. eine psychisch kranke Frau. Ich bin Einzelfallhelferin in der ambulanten Psychiatrie. Ich bin bei einem Träger angestellt, der mir die Fälle zuweist. Meine Therapiestunden werden von der Krankenkasse genehmigt und finanziert, ähnlich wie bei ambulant tätigen Psychotherapeuten. (Bis heute ist mir nicht klar, was die bei meiner Klientin z.B. anderes machen könnten. Aber da ich „nur“ Sozialarbeiterin bin, bekomme ich deutlich weniger für die Stunde).

Aber das ist nicht die Schweinerei, um die es mir hier geht. Was ich hier erzählen möchte, finde ich noch viel schlimmer!

Es geht um eine junge Frau, Ariane M., die ich betreue und mit der ich sozialtherapeutisch arbeite. Sie ist seit ihrer Kindheit psychisch auffällig, hat die Schule nicht abgeschlossen und war auch nie berufstätig. Sie hat eine manische Depression und darüber hinaus eine massive Medikamentensucht entwickelt. Immer wieder war sie für mehrere Monate stationär in psychiatrischer Behandlung. Die Krankenhausaufenthalte haben nicht viel bewegt. Aber die Krankenkasse genehmigt dieser Frau die ambulante Therapie nicht deshalb, sondern vor allem deswegen, weil sie weitere, teure stationäre Aufenthalte vermeiden will.

Ich kenne Adriane M. inzwischen sehr gut. Die Arbeit mit ihr ist ein einziges Auf und Ab. Immerhin ist im Verlaufe des Jahres ein gewisses Vertrauensverhältnis entstanden. Ich hatte mir, das heißt wir beide haben uns zum Ziel gesetzt, dass Adriane es schaffen soll, in eine eigene Wohnung zu ziehen oder in eine Wohngemeinschaft. Denn der Aufenthalt bei ihren Eltern tat ihr gar nicht gut und das hat sie inzwischen begriffen. Gleichzeitig möchte vor allem ich erreichen, dass die junge Frau selbständig einkaufen kann, dass sich ihre Kontakte zu den wenigen Freunden und Bekannten wieder stabilisieren und dass sie lernt, ihre Zeit sinnvoll und vor allem nicht nur mit Essen zu verbringen. Adriane akzeptiert diese Ziele, auch wenn sie hier weniger motiviert ist, als bei der Frage der eigenen Wohnung.
Einiges war in diesem Jahr zu bewegen. Wir haben den Absprung von den Eltern gewagt. Das ging eine Weile auch gut, aber nach zwei Monaten geriet Adriane in eine Krise und drohte mit Selbstmord, was zu einer erneuten vorübergehenden stationären Unterbringung führte. Nach 4 Wochen konnte sie wieder nach Hause und ich nahm die Arbeit wieder auf. Es gelang uns gemeinsam, die neue, eigenständige Wohnsituation Schritt für Schritt zu stabilisieren.


Als das genehmigte Jahr fast herum war, schrieb ich vor einigen Wochen den üblichen Bericht für die Krankenkasse und beantragte natürlich auch die Verlängerung der Hilfemaßnahme. Denn wir waren zwar recht gut vorangekommen aber noch lange nicht über den Berg. Ich selber bin mit meinen Ergebnissen eigentlich recht zufrieden, besonders, weil es gelungen ist, nach der Krise sozusagen auf einem besseren Niveau weiterzumachen. Sie konnten wir jetzt auch gemeinsam mit dem Arzt die Medikamentensucht etwas eindämmen und ich habe es sogar erreicht, dass die junge Frau jetzt einmal in der Woche mit mir ins Schwimmbad geht und sich dort sogar mit ein paar anderen Leuten angefreundet hat. Gegen die Esssucht konnte ich freilich bisher noch nicht ankommen. Auch die selbständige Wohnsituation ist immer noch ab und an Auslöser für Krisen, aber allmählich reagiert Adriane viel seltener mit Panikattacken und Depressionen. Das selbständige Einkaufen klappt bisher nur dann, wenn es der Klientin einigermaßen gut geht, aber es gab bereits gelungene Beispiele, auf die die junge Frau auch mit Stolz und Freude auf ihren eigenen Erfolg reagiert hat. Das war etwas sehr Neues, denn bisher zeigte Adriane auch für eigene Erfolge und geglückte Versuche eher nur ein resigniertes und höfliches Lächeln, mehr nicht. Für mich war dieses stolze Lächeln übrigens ein deutlicher Beweis dafür, dass sie endlich anfing, sich aktiv zu sich selber zu verhalten. Und ich wusste, dass das die Voraussetzung dafür ist, dass sie in Zukunft motivierter und aktiver mitarbeiten würde.

Ich bin gestern fast auf den Rücken gefallen, als die Mitteilung von der Krankenkasse kam: Sie lehnen in Rücksprache mit dem Sozialamt den Verlängerungsantrag ab mit der Begründung, Adriane M. sei ja doch wieder und trotz der Sozialtherapie, vier Wochen in stationärer Behandlung gewesen. Damit sei ein Erfolg aus Ihrer Sicht nicht erreicht. Das Ergebnis zeige vielmehr, dass meine Arbeit nicht wirklich weiterhelfe. Ich könne froh sein, dass sie die Bewilligung nicht schon vor Monaten, sofort nach der stationären Einweisung zurückgezogen hätten.

Ich kann es gar nicht glauben! All unsere kleinen und großen Erfolge spielen für die Auftraggeber keine Rolle. Für sie geht es wirklich nur darum, die stationären Aufenthalte zu reduzieren und das sei eben nicht gelungen. Mit 4 Wochen hätte die Patientin genauso lange im Krankenhaus gelegen wie im Vorjahr, als sie keine begleitende Hilfe hatte.
Was ist das für eine fachlich lächerliche Sichtweise! Als wäre Adriane eine Maschine, in die ich nur fleißig Inputs reinstecken muss, damit sie brav und genau funktioniert. Haben die denn noch nie was davon gehört, dass solche therapeutischen Prozesse widersprüchlich, in Auf- und Abbewegungen und manchmal äußerst zäh verlaufen! Haben die noch nie davon gehört, dass sich Menschen nicht von heute auf morgen stabilisieren können, dass dazu viel Vertrauen gehört, auch Selbstvertrauen, das erst langsam entstehen kann? Haben die noch nie davon gehört, dass alle Probleme gerade bei psychisch Kranken zusammenhängen und zusammenwirken und man auf all den verschiedenen Ebenen versuchen muss, geduldig und Schritt vor Schritt vorankommen kann?

Und was wird aus Adriane? Alle ihre Schritte zu einem neuen, selbstständigen Leben sind für die Katz? Haben die sich überlegt, was das für sie eine junge Frau bedeuten kann, wenn unsere Kontakte auf einmal aufhören müssen? Haben die denn nicht begriffen, dass sie Adriane damit hochgradig gefährden?

Und was soll ich tun? Es ist nicht so, als hätte ich keine anderen Fälle. Ich könnte froh sein, das ich jetzt für den jungen Drogenabhängigen Zeit haben werde, den ich bisher immer mit einem Termin in 14 Tagen vertrösten muss. Aber ich kann doch Adriane nicht so hängen lassen.

Was also soll ich tun? An die Krankenkasse schreiben? Protesteinlegen? Widerspruch gegen den Bescheid. Tatsächlich habe ich gestern, gleich nachdem ich den Brief gelesen hatte, bei der Sachbearbeiterin angerufen. Ich war ziemlich schockiert und geladen. Sie hat sich meine aufgeregten Einwände angehört und dann gesagt: „Sie müssen das auch mal von der Seite sehen: Vielleicht ist es doch auch mal ganz gut, wenn die junge Frau mal keine Betreuung hat. Manche legen sich eben einfach auf die faule Haut und entwickeln keine eigene Initiative. Wir warten es einfach mal ab.“ Da hab ich den Hörer aufgelegt. Was sollte ich dazu sagen?
Heute früh rief mich mein Träger an, er hätte gehört, der Fall Adriane M. würde nicht weiter verlängert. Das sei doch super, denn dann könnte ich jetzt endlich bei Roger, dem Drogenabhängigen, richtig einsteigen. Die ARGE läge ihnen schon seit Tagen im Ohr, weil der junge, drogenabhängige Mann erneut eingewiesen werden soll. „Sie haben doch schon Kontakt zu ihm aufgenommen, oder? Na sehen Sie, dann können Sie doch da jetzt endlich richtig was machen, das ist doch auch ein Vorteil!“

Da werde ich also wieder einen betreuen und therapieren, bei dem nur dann von Erfolg gesprochen werden darf, wenn er endlich und sicher keine weiteren Kosten mehr verursacht. Ist das eigentlich mein Job? Hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.

 

Kommentare  

 
Ruth
#4 Ruth 2013-01-04 16:41
Nun, da ist noch die Einzelfallhilfe , wenn das Betreute Wohnen nicht passte. Dann solltest Du schauen, dass Du als schon aufgebaute Bezugsperson, auch die Einzelfallhilfe machst.
Wäre interessant zu sehen, welches Honorar sie Dir geben.

Ruth
 
 
Ruth
#3 Ruth 2013-01-04 13:00
Dies ist ein sehr gutes Beispiel, wie die Ökonomisierung funktioniert:

nämlich in aller Regel gegen das Wohl der Individuen.

Mit zu denken ist hierbei, dass die Krankenkassen nur nach den Kostensenkungs- prinzip agieren und in den Krankenhäusern ab 2013 erst das Fallpauschalen Prinzip auch in der Psychiatrie eingeführt wird.

Dieses Fallpauschalenp rinzip hat ja schon in der Allgemeinmedizi n dazu geführt, dass Krankenhäuser die Menschen und ihre Leiden nurmehr als Profitmaximieru ngspotenzial sehen und daher das verordnen, was primär dem Krankehausprofi t diehnt - sehr oft auch statt dem Patientenwohl was in 2012 vermehrt skandalisiert wurde ( siehe Hüftops etc)-

Da dieses Prinzip nun ab 2013 auch in der Psychiatrie eingeführt werden sollte heißt:

Im Vorfeld dieser Einführung werden alle Kostenträger im SGB, die ja aufgrund der neoliberalen Austeritätspoli tiken dediziert alles daran sezten (sollen) gegeneinander Einsparungserfo lge im Bereich der Versorgung zu erzielen ( auf dem Rücken der Patienten und zum Wohle der Großverdiehner im System) Denk und Rechenarten generiert, die solche Kostendämpfungs potenziale ausnutzen und diese sind in der Regek dort am größten, wo die die es betrifft am schwächsten sind und kaum Lobby haben.
Das Ergebnis ist auch, dass die Versorgung insgesammt eher schlechter und dadurch eher auch teuere wird, denn
jeglichen vernünftigen Ideen zu Potenzialen der sinngebenden Verbesserungen mit auch gegebenen Einsparpotenzia len erhalten keine Chance auch nur von den riesigen Überschüssen der Krankenkassen Mittel zur Beforschung ihrer Potenziale zu erhalten. weil das System auf diese Art in eine Überkonkurriere nden Modus der Ausbeutung Sklerotisierung gerät, welcher die sinnvolle Kooperation verhindert, welche im sozialen und Gesundheitsbere ich die Vorraussetzung für Synergieeffekte wäre.

Zu beobachte wird sein, welche weiteren Absurditäten das Fallpauschalen Prinzip in der Psychiatrischen Versorgung erzeugen wird.

Ruth

Tipp wäre : falls es der Klientin schlechter geht soll die zur Psychiatrie Beschwerdestell e gehen
 
 
ms
#2 ms 2012-11-19 22:02
Lieber Tom,
soweit ich weiß, war die junge Frau bereits im Betreuten Wohnen für psychisch Kranke gewesen und dort nicht zurecht gekommen. Aber sicher wäre das grundsätzlich eine Möglichkeit.
Bei diesem Beispiel handelt es sich um eine der "Geschichten aus dem Tagebuch Soziale Arbeit", das im kommenden Jahr vom Unabhängigen Forum kritische Soziale Arbeit herausgegeben werden wird.
Es sind Texte, die uns heute praktizierende SozialarbeiterI nnen zur Verfügung gestellt haben. Ich stelle sie hier als Administrator des Blogs ein.
Bei der Geschichte ging es der Erzählerin und uns vor allem darum, wie wenig sich Kostenträger, hier die KK, an wirklichen Entwicklungen und Erfolgen der Arbeit orientieren und dass ihnen offenbar auch die Interessen und Bedürfnisse der KlientInnen egal sind. Sie sehen nur ihre Kosteneinsparun g. Alles andere scheint nicht von Bedeutung.
 
 
Tom
#1 Tom 2012-11-18 21:58
Dass die Soziotherapie von den Krankenkassen blockiert wird ist bekannt. Ebenso stimme ich mit Ihnen überein, dass hier eine massive fachliche Verfehlung erzeugt wurde.

Die Frage die ich mir stellte ist wie kann dieser Frau weitergeholfen werden, sodass die Anstrengungen der Frau, Ihre und die Zahlung der Krankenkasse nicht umsonst sind.

Die Antwort die mir zuerst in den Sinn kam, war eine Weitervermittlu ng an das ambulant betreute Wohnen für psychisch erkrankte Menschen. Die Finanzierung wird von einem anderen Träger als der Krankenkasse übernommen (falls finanzielle Hilfsbedürftigk eit besteht, wie ich hier vermute). Ferner ist die Zusammenarbeit zwischen Klient und SA normalerweise nicht auf einen so kurzen Zeitraum beschränkt.
Natürlich ist dies nicht die optimale Lösung (falls dies in diesem Fall überhaupt in Betracht kommen kann). Dennoch bietet es die Möglichkeit diese Frau nicht alleine zu lassen und ihr weiterhin Hilfe durch die Soziale Arbeit zukommen zu lassen.

Mich würde es sehr interessieren wie sie darüber denken.
Gruß Tom
 

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