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Projekt: "Tagebuch Soziale Arbeit" - 5. Folge

Fordern oder Fördern? Die Wirklichkeit im Jobcenter

aus den Erfahrungen einer Wohnungslosenhelferin

Immer wieder kann ich es kaum fassen, was meine KlientInnen im Jobcenter erleben.

Heute war ich wieder mal dort mit einem Klienten, einem 34 jährigen Mann, der bislang gearbeitet hat, der aber seit längerer Zeit schwer erkrankt ist und immer wieder und zuletzt für 2 Monate ins Krankenhaus kam. Durch Erkrankung und Jobverlust hat er seine Miete nicht mehr zahlen und sich nicht entsprechend gegen die Räumung verteidigen können. Während seines Krankenhausaufenthaltes wurde ein Räumungsvergleich vereinbart, dessen Frist bereits ohne das Wissen meines Klienten begonnen hatte zu laufen. Mit seiner Entlassung aus der Klinik blieb ihm nur noch eine Woche, um seine Wohnung zu räumen und sich so weitere dramatische Kosten zu ersparen.

Und nun muss er zudem ganz von vorne anfangen, muss beim Jobcenter ein Wohnungsangebot einreichen, damit er wenigstens die Chance hat, seine Auszugskosten erstattet zu bekommen, die er selber von Hartz IV niemals zahlen kann. Allerdings sagt das Gesetz, dass nur Kosten übernommen werden, wenn es eine neue Wohnung gibt. Die gab es aber nicht, da der Klient mit der Räumung in die Obdachlosigkeit ging.

Dann reicht er trotzdem die geforderten 3 Kostenvoranschläge ein, die werden alle abgelehnt, weil sie angeblich alle zu hoch liegen. Mehr als 500 Euro würde nicht bezahlt, sagt man ihm. Das steht nirgendwo.

Heute also bin ich mitgegangen. Das ist immer wieder nötig, weil die Vorgänge in dieser Behörde so kompliziert ablaufen und so undurchschaubar präsentiert werden, dass ein normaler Mensch, der nicht speziell vom Fach ist, damit unweigerlich verzweifeln muss.

Und so habe ich wieder einmal erlebt, wie die Dame in der Eingangszone mit den Wohnungslosen umgeht. Sie hat den jungen Mann regelrecht vollgeschnauzt, ihm Vorwürfe gemacht, dass er den Termin für den Vergleich verbaselt habe, er sei doch 34 Jahre alt, da müsse man doch ….

Sie sitzt erhöht hinter dem Tresen, der viel zu hoch ist und kleine Menschen müssen sich recken, um darüber sehen zu können. Sie sagt nicht „guten Tag“ sondern: „Was wollen Sie hier?“. Sie verhält sich so, als hätte sie die Machtbefugnis, darüber zu entscheiden, wer hier überhaupt eingelassen wird.

Die Leute, die hier hin gehen müssen, fühlen sich schlecht. Man sieht es, wie sie in der Schlange warten: verängstigt, ganz klein gemacht, still, ausgeliefert. Und es gibt dafür gute Gründe. Im Jobcenter wird ihnen nur eins vermittelt: Sie sind selber schuld an ihrer Situation, sie haben alles falsch gemacht. Und jetzt hätten sie sich deshalb, verdammt noch mal, auch zusammenzureißen. Die MitarbeiterInnen maßen sich an, die Wohnungslosen zu beschimpfen, zurechtzuweisen, zu strafen und zu erziehen wie kleine Kinder. Niemand hat hier Interesse an den Menschen. Die Lage des Einzelfalls – wie es in den Vorschriften heißt – scheint nur ganz wenigen Sachbearbeitern nicht egal zu sein.

Und ständig passieren Dinge, die man nur als Schikane bezeichnen kann. Einmal wurde ein Antrag eines Klienten von mir wochenlang nicht bearbeitet, weil er angeblich eine Kostenübernahmebescheinigung für die Betreuung durch mich vorweisen müsste. Reine Schikane. So etwas gibt es gar nicht. Aber durch solche Handlungsweisen haben die Klienten dann wochenlang keinen Cent zu leben und sind gezwungen noch mehr Schulden zu machen.

Hier hat niemand Rechte. Die Wohnungslosen sind bloß Bittsteller.

Und organisiert ist das Ganze unglaublich katastrophal: Die Ämter arbeiten nicht zusammen. Am krassesten zeigt sich dieser Wahnsinn für mich, wenn es bei den Wohnungssuchenden gleichzeitig um Auszubildende oder Studenten geht. Dann wird es richtig kompliziert. Es wäre so viel einfacher, wenn es für alle Leistungen der Agentur für Arbeit nur einen Topf gäbe. Da wird der eine Leistungsantrag bei einer Behörde erst bearbeitet, wenn ein bestimmter Bescheid einer anderen Behörde vorliegt. Da alle unterschiedlich schnell arbeiten, heißt das für die Menschen, dass sie im schlimmsten Fall monatelang keine oder zu wenig Gelder beziehen. Die Anmietung einer Wohnung ist so nicht möglich. Falls schon eine Wohnung angemietet worden ist, heißt das, dass die Betroffenen aufgrund der langen Bearbeitungszeiten Mietschulden machen müssen und gleich wieder gekündigt werden. Die Leute sind hier einer totalen Bürokratie ausgeliefert, einer widersprüchlichen, offenbar willkürlichen Bürokratie.

Manchmal denke ich, es ist noch was anderes. Strukturell scheint mir der ganze Laden darauf angelegt, dass die Leute diese Prozesse nicht durchhalten, dass sie zerrieben werden, aufgeben. Tja, was wird dann aus ihnen? Frauen fliehen in Zweckbeziehungen, MigrantInnen arbeiten in ihren eigenen Netzwerken, Männer leben auf der Straße, viele schnorren, werden kriminell, leben von illegalen Geschäften, treiben alles Mögliche, um ihr Überleben zu sichern.

Viele würden auch aufgeben, wenn es uns nicht gäbe. Ohne Beratung ist es heute kaum mehr möglich, diese Geschichte erfolgreich durchzuziehen.

Natürlich betreuen wir Leute, die bereits Probleme mitbringen. Aber eigentlich kann man sagen: Wir betreuen Leute, die uns ganz dringend brauchen, aber dieser Betreuungsbedarf wird bei vielen von ihnen erst durch das System selber massiv verstärkt, nicht durch die Probleme der Leute. Es würden deutlich weniger Menschen in der Obdachlosigkeit landen, wenn das System anders strukturiert wäre. Alles wäre anders, wenn die Leute hinkommen würden und man ihnen sagte: „Sehen sie, so und so ist ihr Anspruch. Füllen Sie das hier doch bitte aus. Dann machen wir das so und so, solange können sie Gelder bekommen. Dann bearbeiten wir das dann zügig. Wir schließen uns kurz mit den anderen Beteiligten. Einen schönen Tag noch. Sie hören dann von uns.“ Wenn das so liefe, dann würden die Menschen uns viel weniger brauchen.

Klar, irgendwann nehmen auch ganz normale Leute durch diese Behandlung und diese irren Vorgänge Schaden, bekommen Probleme, werden als Persönlichkeiten zerstört. Sie werden entmündigt und behandelt wie Menschen 2. Klasse. Und das wird gemacht durch Disziplinierung und Sanktionierung, die seit Hartz IV in diesem Lande möglich, ja längst selbstverständlich ist, damit die Menschen schließlich bereit sind, in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen zu arbeiten oder einfach wegtreten, keine Ansprüche mehr erheben.

Nein, es geht hier mitnichten um Förderung oder Integration! Es geht m.E. um das aktive Aufteilen der Gesellschaft in Produktive und Unproduktive, in Wertvolle und nicht wertevolle Menschen.

Denn das ist die Botschaft an die Verlierer: „Wir entscheiden, ob du es verdient hast, einen neuen Kühlschrank zu bekommen, nicht etwa du“.

Kommentare  

 
Sandra
#1 Sandra 2015-04-06 23:54
:-x da wird einem wirklich schlecht, wenn man liesst was in der Wirklichkeit da draußen los ist! Die armen Menschen die dieser Willkür tagtäglich ausgesetzt sind. Aber wie tröstend widerrum,dass Menschen wie Sie an ihrer Seite sind ! Mehr davon!
 

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