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Tagebuch Soziale Arbeit - 6. Folge

Hilferufe aus dem ASD

1.
Ich bin seit 20 Jahren im ASD tätig. Ich erlebe zunehmend eine Arbeitsverdichtung durch mehr Technik (Telefon, Fax, Mail), durch Wahrnehmung eines Bereitschaftsdienstes und durch zunehmend mehr Präsenszeiten für den Bürger. Dies führt wiederum zu mehr Nachfrage bei gleichzeitiger Forderung der Kommunen nach Einsparmöglichkeiten gerade in der Jugendhilfe. Des Weiteren wird eine größere Hilflosigkeit bei Eltern und bei Erziehungsproblemen deutlich. Wenig Zeit bei Eltern, Armut in Familien, Krankheit in Familien führen zu mehr Bedarf an Jugendhilfe. Es fällt schwer bei zunehmender Arbeitsverdichtung gleichbleibend hohe qualitative Arbeit zu leisten, den hohen geforderten Standard zu halten. Die zu bearbeitende sehr hohe Fallzahl ist nicht in der normalen Wochenarbeitszeit zu leisten. Viele Kollegen bleiben länger da, einige reagieren mit Krankheit auf die verschärften Anforderungen. Dieser Krankheitsausfall, der zum Teil länger andauert (z. B. bei Burnout-Erscheinungen) ist dann von den restlichen Kollegen aufzufangen, ein Teufelskreis tut sich auf. Mir gefällt das Arbeitsgebiet nach wie vor sehr, ich frage mich aber auch, wie lange ich diesen quantitativen Anforderungen noch gewachsen bin, bzw. wie lange mein Körper noch mitmacht, denn auch ich werde älter und sehe, dass es zu wenig junge Kollegen gibt (Überalterung in diesem Bereich).
Dieser Bereich ist m. E. zu schlecht bezahlt und hat eine Imageaufwertung verdient.

2.
Ich bin seit 9 Jahre Sozialarbeiter. Seit 7 Jahren arbeite ich im Allgemeinen Sozialdienst.
Allgemeiner Sozialdienst heißt: Arbeiten mit Menschen, die am gesellschaftlichen Rand leben. Arbeiten mit Familien, die von Armut bedroht sind, bzw. in bitterer Armut leben. Arbeiten mit hocheskalierten Trennungs- und Scheidungsfamilien. Arbeiten mit vernachlässigten, misshandelten und/oder missbrauchten Kindern.
Arbeiten im ASD aber heißt wirklich, dass wir den Kinderschutz, den wir leisten wollen, oft nicht leisten können, da bei uns Personal fehlt, die Fallbelastung viel zu hoch ist und die Problemlagen immer mehr eskalieren - die Politik aber seit Jahren nur Lippenbekenntnisse von sich gibt.

ASD Arbeit ist aber mehr Wert. Wir wollen endlich eine gesellschaftliche Aufwertung für unsere Berufsgruppe. Gesellschaftliche Aufwertung macht sich in Deutschland auch an der Bezahlung fest. Wenn die Aussage: "Unsere Kinder sind unsere Zukunft, unsere Kinder sollen nicht in Armut auf wachsen, unsere Kinder sollen Bildung gemäß ihren Begabungen bekommen", nicht nur Sonntagsreden sein sollen, müssen auch die, die genau dafür Sorge tragen, (Erzieherinnen, SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen) endlich gesehen werden als das, was sie ist: Als eine Berufsgruppe, die hochspezialisiert, hoch engagiert und unverzichtbar für eine funktionierende Gesellschaft ist.

3.
Nach 10 Jahren Berufserfahrung frage ich mich inzwischen, wie ich meinen Beruf gesund bis zur Rente ausüben kann. In diesen Jahren habe ich eine massive Verdichtung der Arbeit in unterschiedlichen Arbeitsfeldern wahrgenommen. Je nach Finanzierungsformen gibt es hierfür unterschiedliche Auslöser. Unterm Strich gilt jedoch, dass immer mehr Menschen mit zunehmenden größeren Problemlagen von immer weniger Menschen in immer kürzerer Zeit nachhaltig "geholfen" werden soll.
Diese Entwicklung beunruhigt mich zunehmend. Durch die Arbeitsverdichtung können bei uns Urlaubs- und Krankheitszeiten durch die verbleibenden Mitarbeiter kaum mehr aufgefangen werden. Immer häufiger kommt es bei uns durch Überlastung zu Krankheit bei den Mitarbeitern. Ein ungesunder Kreislauf für alle Beteiligten. Da wir vermehrt mit befristet Angestellten arbeiten, ist der Mut die Arbeitsbedingungen offen zu problematisieren tlw. sehr gering. Andere hoffen durchzuhalten, bis abgeschlossene Weiterbildungen einen Wechsel in die Selbstständigkeit (z.B. Supervision) ermöglichen.
Ich schätze die "Basisarbeit" und finde insbesondere, hier braucht es erfahrene, qualifizierte Fachkräfte, die bleiben wollen. Wenn der Trend sich jedoch nicht verändert, fürchte ich, meiner jetzigen Arbeit in weiteren 10 Jahren nicht mehr gewachsen zu sein.

4.
Ich arbeite seit über 15 Jahren als Bezirkssozialarbeiterin in einer deutschen Millionenstadt, immer in belasteten Stadtteilen. In dieser Zeit wurde die Arbeit immer mehr, immer schwieriger und immer belastender. Die Bürokratie ist unglaublich angestiegen, die Hürden, um eine Hilfe zu erschließen sind riesig (oft sind über 20 verschiedene Schritte, Unterschriften zur Genehmigung etc. erforderlich), die Ressourcen werden immer knapper. Statt "rauszugehen" in den Stadtteil, Hausbesuche durchzuführen usw. verbringen wir immer mehr Zeit am Schreibtisch um Anträge auszufüllen, Berichte zu schreiben, "Diagnosen" zu erstellen. Viele Betroffene und Kooperationspartner melden sich enttäuscht und wütend und verstehen die Vorgehensweisen und Entscheidungen unserer Behörde, die Wartezeiten etc. nicht mehr. Ich bin oft unter großem Rechtfertigungsdruck für Entscheidungen, die ich gar nicht zu verantworten habe. Die Multiproblemfamilien werden immer mehr, jeden Tag haben wir mit psychisch kranken, suchtmittelabhängigen oder vernachlässigenden und misshandelnden Eltern, entwicklungsverzögerten, kaum geförderten oder gefährdeten Kindern und Jugendlichen, verwahrlosten Wohnungen, Arbeitslosen, verwirrten Alten, gewaltbereiten Migranten, drohendem Wohnungsverlust u.a.m. zu tun. Sehr häufig sind wir die Einzigen, die diese Menschen noch aufsuchen, sich kümmern und zu helfen versuchen. Viele meiner KollegInnen bewältigen die Arbeit nicht mehr und gehen weg, ständig sind mehrere Stellen unbesetzt, auch auf der Leitungsebene, so dass zusätzlich noch viel vertreten werden muss. Ich fühle mich oft überfordert und an der Grenze meiner Belastbarkeit. Wenn ich mit mehr als drei oder vier schwierigen Fällen in der Kinder- und Jugendhilfe gleichzeitig zu tun habe (was meist der Fall ist), kann ich auch in meiner Freizeit nicht mehr "abschalten" und mache mir Zuhause noch Gedanken, die mich sehr belasten.
Ich schäme mich für unsere Gesellschaft, dass dieser unsere Arbeit nicht mehr wert ist, mehr Anerkennung, mehr Ausstattung und mehr Gehalt. Ich bin teilzeitbeschäftigt und verdiene unter 1000,- Euro, das ist für die Verantwortung, die ich trage absurd wenig.

Hinweis: diese Texte wurden uns freundlicherweise für das Tagebuch Soziale Arbeit von ver.di zur Verfügung gestellt.


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