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Tagebuch Soziale Arbeit - 7. Folge

Aus für unser Jugendzentrum

Ich bin seit einiger Zeit im Kontext „Jugend verschwindet“ politisch engagiert, um etwas gegen die Demontage insbesondere der Jugendarbeit für Jugendliche und junge Erwachsene zu tun. Denn die, so ist mein Eindruck, leidet am meisten unter dem Sparkurs in der offenen Jugendarbeit.

Seit Kurzem bin ich nun auch selbst betroffen. Mein Jugendzentrum, bisher von städtischen Mitarbeitern geführt, soll in absehbarer Zeit an einen nicht städtischen Träger gehen, der jetzt schon die Kinderarbeit im gleichen Gebäude macht. Das klingt erst mal logisch. Fakt ist aber, dass der Träger unsere Arbeit einfach mal mitmachen soll. Es wird keine weiteren Stellen, keine Sachmittel, keine Honorarmittel geben. Die spart die Stadt bei dieser Gelegenheit ein. Und der Träger wird die Aufgabe übernehmen und irgendwie – in der Hoffnung auf Synergieeffekte – mitmachen. So kann man nach außen so tun, als ob alles weiter geht. Tatsächlich aber ist das das Aus für unsere Arbeit, für dieses konkrete Angebot und seine Nutzerinnen und Nutzer.

Und so spart sich die Stadt immer weiter durch die Jugendarbeitsszene. Wir hatten in unserem Bezirk ja schon immer eine Personalausstattung, die unter dem Mindeststandard lag. Seit 15 Jahren hat die Stadt einen Einstellungsstopp in der kommunalen Jugendarbeit gefahren. Nun wurde auf dem letzten Jugendhilfeausschuss mitgeteilt, dass demnächst drei Jugendzentren geschlossen werden. Außer uns ist das auch das bekannte „ABC“, das ehemals fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte und jetzt schon länger mit zwei Mitarbeitern klarkommen musste. Die schaffen dann kaum mehr, als im offenen Bereich präsent zu sein. Attraktive Angebote fehlen. Dann heißt es schnell: ‚Es kommt ja sowieso keiner mehr‘. Und schon wird der ganze Laden eingespart.

Und immer wird mit dem Totschlagargument gearbeitet, Jugendarbeit sei gar keine Pflichtleistung, sondern nur eine Sollleistung. Dazu gibt es in der Fachwelt und unter Juristen ganz andere Meinungen. Aber man bringt das Argument immer wieder. ‚Jugendarbeit ist eben gar nicht zwingend nötig‘, heißt es da. ‚Wenn wir Geld hätten gerne, aber so? Leider fressen die Mussleistungen der Hilfe zur Erziehung das ganze Budget auf. Sehr bedauerlich, aber wir können da nichts machen‘.
Im Ausführungsgesetz (AGKJHG) des Landes Berlin ist davon die Rede, dass die offene Jugendarbeit 10% der gesamten Jugendhilfemittel erhalten muss. Daran hält sich seit Langem kein Mensch mehr.

Man hat vor 14 Jahren in der Jugendhilfe die Türen für alle möglichen Anbieter politisch und rechtlich weit aufgemacht, damit man mit Jugendhilfe Geld verdienen kann, durchaus viel Geld wie man sieht. Das hat Folgen. Die Träger machen mit, denn sie sind inzwischen Unternehmer, denken wie Unternehmer und müssen sich wie Unternehmer verhalten: Gewinn einfahren, das Image sichern, sich rechnen und irgendwo das Geld einsparen, dass sie gewinnen wollen. Die Bezirke in Berlin werden untereinander in Konkurrenz gebracht und in eine Abwärtsspirale hineingedrängt.

Dann gibt es seit einiger Zeit auch im Bereich der offenen Jugendarbeit den Versuch, die Auslastung und den Erfolg einer Einrichtung zu messen. Man hat die so genannte „Angebotsstunde“ erfunden. Jede Angebotsstunde pro Jugendlichem wird festgehalten und statistisch erfasst. Wenn wir zu locker sind beim Statistik führen, Abhaken und Dokumentieren, fällt uns das auf die Füße. Schnell sieht es so aus, als seien wir nicht ausgelastet. Und schon sind wir weg. Jugendarbeit ist heute ohnehin schwer sichtbar. Das Personal „läuft auf knirsch“ und es bleibt einfach keine Zeit und kein Platz mehr für Aktionen, die nach außen gehen.

Es werden ins gesamt gesehen ca. 50% der Jugendarbeitsangebote eingespart. Der Rest arbeitet unter angespannten und unzureichend ausgestatteten Bedingungen.
Und wer entscheidet über all das? Der neue für uns zuständige Jugendstadtrat kommt aus dem Gleisbau. Weichen wird er also stellen können. Wir aber werden mit unseren Protesten und Argumenten nicht gehört. Ich sage mal, wenn sich jetzt nichts ändert, dann machen sie die Strukturen der Jugendarbeit endgültig kaputt.

Ich bin es gründlich satt, mich ständig dem Verdacht auszusetzen, mit meinen Protesten für die Jugendlichen und die Jugendarbeit nur meinen Arbeitsplatz sichern zu wollen.
Meine Zeit in der Jugendarbeit ist mit der Übergabe meiner Einrichtung an den besagten Träger vorbei. Ich werde mich nach etwas anderem umsehen. Ich weiß, es ist auch in den anderen Feldern nicht viel besser. Sozialarbeiter zu sein macht heute immer weniger Spaß. Schade, eigentlich ist das ein toller Beruf.

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