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Tagebuch Soziale Arbeit

Wir planen die Herausgabe eines Bandes mit anonymisierten, konkreten Schilderungen aus dem SozialarbeiterInnenalltag 2012.

Es geht darum, die Situation unserer Profession deutlich zu machen.

SozialarbeiterInnen können selber Tagebuchnotizen schicken (an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, Beispiele, Geschichten, Problemlagen einem Interviewer zu berichten. Wer sich zu einem Interview bereiterklären möchte, bitte auch unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! melden. Unser Projektbüro wird dann einen Termin mit ihm oder ihr vereinbaren.

 

Buchprojekt

Tagebuch Soziale Arbeit

Zwei wichtige Fragen stehen am Anfang:

Was kann und schafft Soziale Arbeit eigentlich wirklich?

Was kann sie nicht schaffen, weil die unzumutbaren Rahmenbedingungen sie daran hindern? Wie also könnte sie arbeiten, wie man sie ließe?
Wir alle ärgern uns ständig über das von den Medien produzierte und von der Politik forcierte falsche Bild, das die Öffentlichkeit von unserer Profession hat. Und wir ärgern uns über die von den Medien verzerrten, uns, unsere Arbeit und vor allem unsere Klientel diskreditierenden und zum Teil entwürdigenden Darstellungen bei Fallschilderungen.
Lasst uns dazu nicht mehr schweigen! Lasst uns selber - konkret, kritisch und mit Respekt vor unserer Klientel - schildern, was wir tun, mit welchen Problemen wir zu tun haben und was wir leisten und leisten könnten.
Auf dem Aktiventreffen des UFo entstand die Idee, (anonymisierte), konkrete, nachvollziehbare Fallschilderungen aus der Praxis der Sozialen Arbeit (alle Arbeitsfelder) zu sammeln und zu veröffentlichen.
Zum einen ginge es darum, deutlich zu machen, wie wir arbeiten, was wir als Sozialarbeitende leisten, mit welchen Problemen sich unsere Klientel und damit auch wir herumschlagen müssen. Hier ginge es also darum, unsere Erfolge zu zeigen.Zum zweiten muss endlich laut gesagt werden, dass unsere Profession unter Bedingungen arbeiten muss, die sie behindern und die verhindern, dass wir unsere professionellen Möglichkeiten und Chancen wirklich ins Feld führen können.

Und es muss deutlich werden, wer und was eigentlich die so gerne von den Medien breitgetretenen Skandale in unseren Arbeitsfeldern zu verantworten hat: nämlich die, die uns die Bedingungen verweigern, die wir brauchen, um gute, bessere Soziale Arbeit machen zu können. Wir müssen deutlich machen: hier liegen die eigentlichen Skandale der Sozialen Arbeit.


Das Projekt kann folgender Maßen laufen:

Ihr schickt anonymisierte Fallschilderungen. Wie ihr sie gestaltet, soll erst mal ganz Euch überlassen bleiben. Ihr schickt sie an unsere emailadresse: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. mit dem Betreff: “Fall”.
Wir sammeln die Fälle und wenn genug zusammen gekommen sind, wird eine Redaktionsgruppe des UFo die Fälle sichten, nach Themen oder anderen Kategorien sortieren, redaktionell bearbeiten und dann herausgeben. Verlag ist schon gefunden.
Also los! (Besonders spannende Fallschilderungen können wir übrigens auch schon gleich ins Netz stellen. Das machen wir natürlich nur, wenn ihr einverstanden seid! )

Die Namen der ErzählerInnen oder SchreiberInnen werden natürlich nicht veröffentlicht.

 

Sozusagen als Starthilfe habe ich zwei Fallschilderungen geschrieben von Fällen, die ich selber erlebt habe:
Beipiel 1
 

m.s.
16.1.2012
Heute mal wieder Krisenintervention. Ich musste alle Termine streichen und los zum Hausbesuch.
Dabei ist die Familie Albert gar keine unbekannte Familie. Vor 3 Jahren hat meine frühere Kollegin im ASD die beiden kleinen Jungen (damals 2 und 3) ins Heim untergebracht, nachdem klar war, dass der Vater beide Jungen missbraucht hatte und die Mutter nichts dagegen unternommen hatte. Vor einem Jahr ließ sich mein Chef einfallen, die Kinder könnten eigentlich wieder zur Mutter, denn der Vater war inzwischen im Knast. Sie haben eine Familienhilfe dort installiert und die Mutter hat zugestimmt, weil sie ihre Kinder wiederhaben wollte und ohne hin nicht verstanden hatte, warum man die Kinder ins Heim gebracht hatte. Im Hilfeplan steht was vom Einnässen des Älteren und davon, dass die Kinder regelmäßig in den Kindergarten gehen müssten. Auch sei der Erziehungsstil der Mutter zu inkonsequent.
Ich habe den Fall von 4 Monaten übernommen, weil ich diesen Bezirk neu bekam. Als ich die Akte las, fiel mir auf, dass die Thematik des Missbrauches mit keinem Wort im Hilfeplan erwähnt wurde. Angeblich lief die Familienhilfe ganz gut. Die Mutter machte brav mit und die Kinder gingen jetzt regelmäßig zum Kindergarten.
Gestern nun rief mich die Familienhelferin an: Der Vater bekäme seit einigen Wochen regelmäßigen Hafturlaub. Sie habe mit der Mutter gesprochen, dass der Vater sich auf keinen Fall den Kindern nähern dürfe. Nun hätte sie heute, als sie einmal überraschend vorbeikam, den Vater in der Wohnung angetroffen. Sie wisse jetzt nicht was tun. Die Mutter hätte gesagt, das sei das Erste Mal gewesen, aber die Familienhelferin glaubt ihr nicht.
Ich bin den ganzen Tag mit dieser Familie beschäftigt gewesen, habe mit dem zuständigen Gefängnis gesprochen, habe ein langes Gespräch mit der Mutter geführt, war im Kindergarten, habe mir die beiden angesehen.
Fazit: Ich glaube, die Mutter versteht bis heute noch nicht, wieso das, was der Vater mit den Kindern gemacht hat, so schlimm war. Sie findet das ganze Theater darum unmöglich. Wie sie sagt, hat sie mit der Familienhelferin nie darüber gesprochen. Und als die Familienhilfe anfing, hat auch keiner gesagt, dass das Problem eigentlich weiterhin die Sache mit dem Vater war. Und sie sieht das Ganze sowieso nicht ein. Schließlich sei er der Vater.
Was tun? Kinder schützen? Wieder zurück ins Heim? Verhindern, dass der Vater wieder zu Besuch kommt? Aber irgendwann ist er wieder frei. Und die Mutter begreift immer noch nicht, was daran überhaupt schlecht war. Irgendjemand hätte doch hier Klartext reden müssen. Irgendjemand hätte mit ihre in Ruhe über diese Sache sprechen müssen, damit sie begreift und sich selber dafür entscheiden kann, die Kinder zu schützen. Alle waren feige und haben das heiße Eisen nicht angepackt. Und nun bin ich dran.
Ich bin heute Abend völlig ausgepowert und habe Angst, dass was passiert und wir es nicht verhindern. Was bloß ist hier fasch gelaufen. Und was bloß können wir machen?


Beispiel 2

 

13.11.2011
h.p.
Manchmal merkt man doch, dass es sich gelohnt hat, die Geduld, das Immer-wieder-Ansprechen von Themen!
Als ich heute Mittag bei Frau P. ankam - der Termin war verabredet – saß sie doch wirklich im Wohnzimmer und las ihrer kleinen Tochter aus dem Bilderbuch vor, dass ich beim letzten Mal mitgebracht hatte. Wir haben das richtig geübt, das Vorlesen. Wobei es der Mutter ziemlich schwer fällt, so richtig gut lesen kann sie nicht. Als ich den Fall übernahm gab es in der ganzen Wohnung kein Bilderbuch und überhaupt kein Buch. Die Kleine saß meist vor der Glotze und durfte das Ganze Programm sehen. Als ich mit den Bilderbüchern anfing, war die Kleine sofort begeistert. Die Mutter staunte, aber sie nahm die Gelegenheit war, sich in Ruhe die Fingernägel zu lackieren. Ich musste ziemlich oft bitten, dass sie sich dazu setzte. Irgendwann merkte sie selber, dass ihre Tochter glücklich war und die Geschichten begeistert nachplapperte. Aber sie traute sich lange nicht zu, ihrerseits vorzulesen. Ich könne das viel besser, sie könne doch gar nicht gut lesen, sie hätte nicht so viel Phantasie usf. Das waren ständig ihre Argumente. Als sie es doch zum ersten Mal versuchte, war die Tochter ungeduldig, als sie was nicht lesen konnte und die Mutter zog sich verletzt wieder zurück. Irgendwann hat sie kapiert, dass sie in solchen Fällen einfach frei erzählen kann. Ab da bekam sie selber ein wenig Lust, vorzulesen. Aber dass sie es wirklich inzwischen tut, auch wenn ich nicht da bin, das war für mich ein Riesenerfolg!
Leider bin ich mit dieser Meinung im Team alleine. Ob denn die Kleine nun bis zum August schulreif sein würde, fragte mich die AG-Leiterin. Und dann meinte sie, ich nähme mir zu viel Zeit und ließe für diese Spielerei andere wichtige Sachen liegen. Schließlich soll ich auch die Finanzen mit Frau P. regeln. Als ich vorsichtig bemerkte, dass ich mit gerade mal 4 Stunden die Woche für Frau P. und ihre Tochter eben nicht alles auf einmal machen könnte, hieß es, ich solle dann eben mal erst bei den Finanzen ansetzen. Und wenn endlich der Kindergartenplatz da sei, dann würden die das schon schaffen mit der Schulreife. Ich halte das für Unsinn. Wenn sich in der Familie die Grundeinstellung zum Thema Lesen, Wissen, Bildung etc. nicht verändert, wird die Schulreife der Kleinen gar nichts nützen. Aber das geht natürlich nicht mit zweimal in die Hände klatschen. Da muss schon ein bisschen mehr passieren. Aber langfristig denken dürfen wir hier schon lange nicht mehr.
Warum bloß? Soziale Arbeit braucht Zeit und hat überhaupt nur einen Sinn, wenn sie nachhaltig wirkt, hat unser Professor immer gesagt. Das gilt nicht bei meinem Träger und scheinbar auch nicht beim Jugendamt. Verdammt schade! Die Kleine bekommt keine Chance!

 

Eure Fallschilderungen können kürzer oder länger sein und auch völlig anders im Stil und Aufbau.

 


Also los! (Besonders spannende Fallschilderungen können wir übrigens auch schon gleich ins Netz stellen. Das machen wir natürlich nur, wenn ihr einverstanden seid! )

Leute schreibt!

Jede oder jeder, dem ich von diesem Projekt erzähle, ist begeistert.

Fachleute aus den Medienbereichen bestätigen: wir können unsere Profession, ihre Wirklichkeit, ihre Möglichkeiten und ihre Behinderungen nur dann in das Bewußtsein und Verständnis der Öffentlichkeit transportieren, wenn iwr es konkret, an anschaulichen, nachvollziehbaren Beispielen tun. Also los!

Nur: bisher schreibt noch keine/r!  Warum?