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Workshop 1

Was hat Soziale Arbeit mit sozialer Gerechtigkeit zu tun?

Bestrafung der Armen statt Ressourcenausgleich

Leitung:

Dr. Waltraud Kreidl / Nicolas Grießmeier

Themenstellung – worum es ging...

In der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung nimmt die Gefahr für immer mehr Menschen zu, aus ihrer bisherigen Normalität gekippt zu werden und unter die Armutsschwelle zu fallen. Armut erscheint zudem in der neoliberalen Weltsicht nicht als gesellschaftliches Problem, sondern als individuelles und meist selbstverschuldetes Schicksal. Der aktivierende Staat definiert Erwerbslosigkeit und Armut sozialdarwinistisch zum Problem der Individuen. Gleichzeitig protegiert er die Reichen dieser Gesellschaft, die als sogenannte Leistungsträger bezeichnet werden, und immer mehr Reichtum für sich anhäufen.
Wie steht die Soziale Arbeit zu diesen Entwicklungen? Versteht sich Soziale Arbeit weiterhin als eine Menschenrechtsprofession, als ein an "Gerechtigkeit orientiertes Widerlager gegen die neoliberale Invasion?" (P. Bourdieu). Oder ist Soziale Arbeit inzwischen bereit, im Sinne des aktivierenden Staates direktiv in die Lebensumstände von Klienten einzugreifen und angebliche bzw. unterstellte Leistungsverweigerung zu sanktionieren?

Arbeitsergebnisse des Workshops –

Welche Fragen waren der Gruppe wichtig?
• wie sieht die Perspektive der Sozialen Arbeit aus?
• wie und in welchem Maß haben sich Sanktions- und Disziplinierungsmaßnahmen verschärft?
• wie kann der Teufelskreis von Sanktionen und Armut durchbrochen werden?
• wie viel Macht haben SozialarbeiterInnen in der Ausübung ihres Berufs?
• welche Möglichkeiten können wir finden um Ermessensspielräume zu schaffen?
• wie können Missstände publik gemacht werden?
• wie können wir uns besser vernetzen und organisieren?
• wie kann ein Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis stattfinden?

Im Vordergrund standen die Themen:
Armut und Disziplinierung von KlientInnen, sowie Gegenwehr und Vernetzung der Sozialen Arbeit

Welche Probleme und Schieflagen wurden benannt?
• Es gibt einen Prozess der >Individualisierung sozialer Probleme<.
• Ressourcenarmut führt i.d.R. zu einer Verschärfung von sozialer Kontrolle und Bestrafung – „Armut wirkt strafverstärkend“,
o Aufgrund des politisch zu verantwortenden Ressourcenmangels, kommen SozialarbeiterInnen in die Situation nach vordefinierten Kriterien auszuwählen, wer Leistungen erhält und wer nicht. Erfüllen Klienten bestimmte Aufgaben nicht, laufen sie Gefahr noch mehr ins unbetreute Abseits zu geraten und restriktiven Kontrollen zu unterliegen.
o Armutsbetroffene müssen Demütigung, Disziplinierung und soziale Exklusion befürchten oder erleben dies bereits. Sie werden in die Rolle von Almosenempfänger gedrängt (anstelle von Subjekt mit Rechten).
SozialarbeiterInnen sind Teilakteur des Systems.

Welche Aufgaben und Forderungen ergeben sich daraus für die Soziale Arbeit?

o Anerkennung der Maxime: Bedingungslose Grundrechte für alle - soziale Teilhabe statt Exklusion.

o Als Akteure im System müssen SozialarbeiterInnen ihr politisches Mandat wahrnehmen und sich für gerechte solidarische Leistungen für alle Menschen in schwierigen Lebenslagen einsetzen.

o Der Verlust der professionellen Selbststeuerung Sozialer Arbeit durch eine ökonomische und neosoziale Fremdbestimmung ist für SozialarbeiterInnen als fachlich eigenständige Akteure, nicht hinzunehmen. Ein reflektierter und transparenter Umgang mit dem Thema Macht, gehört zum Selbstverständnis einer kritischen Sozialen Arbeit.

o Soziale Arbeit hat zur Aufgabe, sich für eine Stärkung der Handlungsfähigkeit und Autonomie der KlientInnen einzusetzen und jeglicher Form von Demütigung und Disziplinierung entgegenzutreten. SozialarbeiterInnen müssen ihre Rolle und ihren Auftrag von Disziplinierungen und Kontrolle kritisch überprüfen und ein ihr fachliches Selbstverständnis eigenständig weiterentwickeln.

o In der Praxis der Sozialen Arbeit erlebte Fälle von verwaltungsgeleiteter Ungerechtigkeit und Unverhältnismäßigkeit müssen (anonymisiert) benannt und öffentlich skandalisiert werden.

Außerdem wurden folgende Aufgaben und Zielperspektiven für die Soziale Arbeit diskutiert:

• Wir brauchen eine kritische Forschung zum Thema Ressourcenverteilung und Armutsfolgen:
o Hierfür gilt es, Kooperationspartner (FH, Uni, Praktikanten) zu suchen,
o Praxis und Wissenschaft zu vernetzen und
o Forschungsmittel bei öffentlichen und privaten Trägern zu beantragen,
o Aufgabe der Praxis in diesem Zusammenhang könnte es sein, anonymisiert Daten in der Praxis und im Team sammeln und die Auffälligkeiten dokumentieren (Parallelberichte/ Schattenberichte/ Schwarzbücher).

• Im Umgang mit unserer Klientel gilt es, konsequent Partizipation, Intervention und Empowerment umzusetzen.
Wir müssen die Autonomie unserer Klienten fördern, ihre Ermächtigung vorantreiben und ihnen alle Rechtswege aufzeigen. Auf Respekt und Würde von KlientInnen ist unter allen Umständen zu achten. Wir sollten uns in diesem Punkte immer wieder selber reflektieren.

• Wichtig ist, dass wir das Thema Armut in der Bildungsarbeit z.B. in Zusammenarbeit mit Schulen offensiv einfordern und anbieten. Gleiches gilt gegenüber der Verwaltung.

• Aufgabe ist es ferner, für uns und die Klientel wichtige Thema in Gesprächsrunden mit politisch Verantwortlichen einzubringen: z.B. die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Hilfepläne, Berichte u.Ä.)

• Darüber hinaus sind Aktionsformen zu entwickeln und einzusetzen, die unsere Positionen und Forderungen deutlich machen, wenn wir im Alltag nicht auf Interesse und Verständnis stoßen. Dazu eigenen sicher die „guten alten Demonstrationen“ aber auch neue Formen des öffentlichen Protestes wie das Forumtheater.

Welche zentrale Botschaft an die KollegenInnen der Sozialen Arbeit war der Gruppe wichtig?

- Eigene Disziplinierungs- und Sanktionsanteile aus der Praxis reflektieren!
- Nicht die Armen, der Sozialstaat muss aktiviert werden!
- Mut zur Gegenwehr!

Links:

http://sanktionsstudie.de/
http://www.klagsverband.at/archives/4086
http://www.sanktionsmoratorium.de/
http://www.wsk-allianz.de/