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Workshop 2

Wie viel Respekt darf die Klientel noch erfahren?

Subjektorientierung statt Subjektorientierung

Leitung:
Friederike Lorenz /Lydia Waldmann


Themenstellung – worum es ging.

Von welchen Normen und gesellschaftlich geteilten Bildern über bestimmte Gruppen geht die Soziale Arbeit heute in ihren Angeboten und Konzeptionen aus? Wie viel Respekt erfährt die Klientel im Hilfesystem der Sozialen Arbeit, wie viel Respekt darf sie noch erfahren? Wollen wir sie integrieren, verändern und aktivieren oder wollen wir sie dabei unterstützen, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen? Sind die KlientInnen noch Menschen mit Rechten oder schon längst wieder einmal nur noch Objekte unserer Barmherzigkeit, Fürsorge oder sogar unserer Anweisungen?

Der Workshop lud ein zu einer Auseinandersetzung mit den Machtverhältnissen, in denen wir uns als SozialarbeiterInnen bewegen sowie mit ihrem konkreten Einfluss auf unseren Umgang mit der Klientel.

Arbeitsergebnisse des Workshops – was war der Gruppe wichtig?

Der Workshop ging von der Annahme aus, dass die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die gesellschaftlich geteilten Bilder, die zur Diskriminierung führen, auch in der Sozialen Arbeit selber wirksam sind und dort zunehmend salonfähig werden (Beispiel: Verhalten und Einstellung gegenüber Hartz IV-EmpfängerInnen oder Eltern ohne Schulabschluss).

Die Idee für die gemeinsame Arbeit sah folgendermaßen aus:
• Analysieren, sehen, welche Bilder, welche Normen und Werte zur Klientendiskriminierung führen
• Gegenentwurf einer subjektorientierten Sozialen Arbeit aufstellen
• Handlungsstrategien auf verschiedenen Ebenen entwickeln


Im Zentrum der Arbeit standen folgende Erkenntnisse:

• Subjektorientierung wird im aktivierenden Staat nicht mehr angestrebt
Im Zeitalter der Aktivierung und Ökonomisierung ist die Soziale Arbeit den neoliberalen Anforderungen und Vorstellungen ausgesetzt und wird dabei als Profession entwertet und daran gehindert, sich an den Menschenrechten und der Menschenwürde zu orientieren. Ihre ethischen Prämissen (z.B. Hilfe für die Benachteiligten) werden nicht anerkannt und weitgehend unterlaufen.

Eine an Subjektorientierung und Parteilichkeit ausgerichtete Soziale Arbeit geht im Unterschied dazu von der Selbstbestimmung der Klienten aus: Zuschreibungen, Festlegungen von Zielen und Wegen der Arbeit, Sanktionen und Drohungen widersprechen ihren fachlichen und ethischen Grundeinstellungen. Die vorherrschende Ergebnisorientierung behindert und verunmöglicht den sozialpädagogischen Entwicklungsprozess der Klientel.

• Klientendiskriminierung innerhalb der Sozialen Arbeit selber
Sozialarbeitende haben zwar eine gewisse situative Macht, aber sie sind strukturellen Machtverhältnissen unterworfen und in der Ausübung ihrer Profession in verschiedenster Hinsicht entmachtet. Diese Situation führt bei den Betroffenen zur Selbststigmatisierung und Selbstaufgabe und fördert die Tendenz, diesen Frust und dies Gefühl der Minderwertigkeit an die eigene Klientel weiterzugeben. Das Leiden der SozialarbeiterInnen an fachlicher und struktureller Unterdrückung fördert die Tendenz zur Klientendiskriminierung und führt zur weiteren Unterdrückung der Klientel.

• Soziale Arbeit wird zu einer stabilisierenden und stigmatisierenden Kraft
Im Rahmen ihres doppelten Mandates steht die Soziale Arbeit verstärkt unter der Aufgabenstellung des Systems. Diese Aufgabe bedeutet im Hinblick auf den Teil der Klientel, die nicht „aktivierbar“ und förderbar zu sein scheint: Diskriminierte Gruppen sollen zunehmend nicht mehr integriert und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gesichert werden. So sind z.B. in bestimmten öffentlichen Räumen bestimmte Gruppen unerwünscht. Soziale Arbeit bekommt dann den Auftrag, sie zu beschäftigen und fern zu halten.
Auf diese Weise wird die Soziale Arbeit – ob sie will oder nicht – zu einer ausgrenzenden, stigmatisierenden und das System stabilisierenden Kraft.

Die Gruppe diskutierte Strategien und Handlungsmöglichkeiten im Kampf gegen die Diskriminierung ihrer Klientel

• Wie kann ich persönlich aktiv werden gegen eine Diskriminierung meiner Klientel ?
Ein erster Schritt, um sich selber als SozialarbeiterIn zu der herrschenden Diskriminierung positionieren zu können, besteht darin, die eigene Position bewusst und kritisch wahrzunehmen, aber gleichzeitig auch konkrete vorhandene Handlungsmöglichkeiten auf verschiedenen Ebenen zu erkennen.
Es muss mehr geschützte Räume geben, in denen SozialarbeiterInnen ihr eigenes diskriminierendes Handeln reflektieren können.

• Was kann Soziale Arbeit als Profession gegen die Diskriminierung ihrer Klientel tun?
Zunächst geht es darum, diskriminierte Gruppen in Entscheidungsgremien miteinbeziehen.
Soziale Arbeit kann zudem die vorhandenen Rechtsräume vergrößern und nutzen und sollte mehr Aufklärung über die Rechtslage zur Diskriminierung betreiben.
Immer wieder muss man aber auch offensiv darauf hinweisen, dass Soziale Arbeit in diskriminierende Strukturen eingebunden ist und eine Diskriminierungsgeschichte hat.

• Wie schaffen wir es, Widerstand gegen Diskriminierung zu bündeln?
Sozialarbeitende sollten gezielt an entsprechenden Bewegungen und Bündnissen gegen Diskriminierung anknüpfen, sich ihnen anschließen oder sie ausbauen.

• Wie kann man die breite Öffentlichkeit erreichen und über die Diskriminierung sozial Benachteiligter in unserer Gesellschaft aufklären?
Hier stehen auch der Praxis durchaus machbare Strategien zur Verfügung. Zum Beispiel sollte man diskriminierende Fälle anonymisiert nach außen tragen und somit Öffentlichkeit herstellen.

Es müssen dringend öffentliche Gegendiskurse gegen Diskriminierung geschaffen werden, z.B. durch eine öffentliche Positionierung der Fachgruppen, der Hochschulen, der Berufsverbände und Gewerkschaften.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, gezielt auf politische EntscheidungsträgerInnen zuzugehen und sie mit unseren Forderungen zu konfrontieren.


Letztlich steht hier die Soziale Arbeit vor der Grundsatzfrage:

Fühlt sie sich der Klientel verpflichtet, orientiert sie sich an Menschenwürde und Menschenrechten? Geht es ihr um Entwicklung, Teilnahmefähigkeit, darum, die Menschen zu ermutigen und zu aktivieren, einschließlich der Fähigkeit, Rechte einzufordern, sich gegen Unrecht, Diskriminierung und Stigmatisierung zu wehren und gesellschaftliche Verhältnisse anzuprangern, die ihre Lebensbedingungen zerstören?
Wenn ja, kann und darf sie sich nicht mit der Forderung des aktivierenden Staates anfreunden, ausgegrenzte, diskriminierte Menschen zu befrieden, stillzustellen, sie in Warteschleifen und mehr oder sinnlosen Beschäftigungen bei der Stange zu halten und ihren Widerstand und ihren Unmut zu unterlaufen.
Wem, so stellt sich die Frage, will Soziale Arbeit nützen?
Sie darf sich nicht mit der Handlangerrolle des Systems anfreunden oder gar zufrieden geben, die ihr der aktivierende Staat anbietet. Sie ist ebenso ihrer Klientel verpflichtet und hat die gesellschaftliche Aufgabe, die Leiden der Menschen zu lindern, die ihnen im Rahmen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen des Kapitalismus zugefügt werden. Sie muss sich für die Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten aller Menschen einsetzen und sich gegen gesellschaftliche Verhältnisse positionieren, die insbesondere sozialbenachteiligte Menschen bedrohen und deren Lage weiter verschlechtern.