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Workshop 3

Wohin „steuert“ Soziale Arbeit – und wer bestimmt den Kurs?

Ambivalenzen der Effizienz- und Wirkungsorientierung

Leitung:

Maren Schreier/ Klaus Wörsdorfer


Themenstellung - Worum es ging:

Soziale Arbeit ist im Rahmen der neoliberalen Sozialpolitik einem permanenten Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Z.B. ist sie aufgefordert, sich über Ausschreibungen und Projektanträge zu finanzieren. Selten jedoch entspringen Programmziele, Förder- oder Evaluationsrichtlinien den Leitoptionen Sozialer Arbeit. Schaut man genauer hin, lassen sich vielmehr eklatante Widersprüche zu grundlegenden fachlichen und normativen Prämissen ausmachen. Einmal auf den „Förderzug“ gesprungen läuft Soziale Arbeit Gefahr, zur blinden Handlangerin fachfremder Ziele zu werden. In diesem Workshop wird die Ambivalenz der so genannten Effizienz- und Wirkungsorientierung aufgezeigt, diskutiert und kritisch bewertet.
Darüber hinaus galt es, praktikable Handlungsstrategien im Umgang mit diesen Anforderungen zu entwickeln.

Ergebnisse der Arbeitsgruppe:
1. Die Arbeitsgruppe hat sich zunächst mit der Frage der Wirkung Sozialer Arbeit befasst.
Gleichzeitig wurde von der Gruppe großer Wert darauf gelegt, sich über allgemeine Fragen zur Lage der Profession, über Möglichkeiten, sich gegen die bestehenden Zumutungen zur Wehr zu setzen und über Strategien der Einmischung auszutauschen.

Zur Frage von Erfolg und Wirkung Sozialer Arbeit:
Die zentralen Fragen scheinen zu sein: Wer definiert die Wirkung und den Erfolg sozialpädagogischen Handelns?
- der Hilfeempfänger, die Adressaten, die Finanzgeber, die Sozpädagogen und die SozialarbeiterIn oder die öffentliche Wahrnehmung, die Gesellschaft?
- Wann wird bewertet und was wird bewertet?
- Wie werden kurzfristige Erfolge gewertet?
- Welche Rolle spielt die Rezilienzförderung?
- Und wie wird Nachhaltigkeit überhaupt gemessen?

Der permanente Zwang in der Sozialen Arbeit heute, die eigene Wirkung zu belegen und unmittelbare Erfolge nachzuweisen, bezieht sich immer auf diejenigen Definitionen von Wirkung und Erfolg, die Verwaltung und Politik der Sozialen Arbeit vorschreiben. Der Erfolgs- und Wirkungsbegriff einer neosozialen Sozialarbeit, wie sie gefordert wird, umfasst sichtbare, linear messbare Größen wie z.B. „er nimmt den Kurs wahr“ oder „er nimmt den Kurs nicht wahr“, das Jugendzentrum hat täglich 30 Besucher“ bzw. das Jugendzentrum hat täglich 150 Besucher“.
Auf diese banale Weise lassen sich komplexe, widersprüchliche und individuelle Prozessergebnisse in der Sozialen Arbeit nicht erfassen. So wird außerdem nicht berücksichtigt, dass die Wirkung einer Sozialen Intervention nicht nur vom Input, sondern ebenso von der Mitarbeit und Motivation des Betroffenen abhängt und ferner, dass Soziale Arbeit um nachhaltige Ergebnisse bemüht ist und erreichte Zwischenstufen durchaus als Erfolge anerkennen muss, auch wenn der erwünschte definierte „Erfolg“ noch nicht eingetroffen ist.
Wenn Soziale Arbeit selber aus ihrer Fachlichkeit heraus definieren dürfte, was Erfolg und was die gewünschte Wirkung einer Intervention Sozialer Arbeit ausmachen und wenn sie dann daran – statt an oberflächlichen, formalen Kriterien - bewertet werden würde, gäbe es eine echte Chance, dem nahe zu kommen, was Wirkung und Erfolg Sozialer Arbeit sind und ob sie erreicht werden.
An einer solchen fachlichen Definition und Herleitung ist aber der Geldgeber und ist die Sozialpolitik des aktivierenden Staates nicht interessiert. Nicht zuletzt würde eine solche Definition den Kontrollzugriff der Verwaltung erschweren und damit jedem Einspargedanken zuwider laufen.

2. Wichtiges Thema war die Lage der Profession und was wir tun können, um sie zu verändern

In der Praxis konkret erfahrene Widersprüche:

• Selbstverständnis versus Realität
In der Praxis wird Soziale Arbeit anders buchstabiert, als es BerufsanfängerInnen vielleicht noch in ihren Köpfen haben und anders, als Sozialarbeitende ihre Profession verstehen, wenn sie es geschafft haben, sich ihre berufliche, fachliche, ethische und politische Identität zu erhalten.
• Eigene Existenzsicherung versus >sich selbst verkaufen<
Sozialarbeitende stehen in der Praxis heute alle in der Zwickmühle, sich und ihr Professionsverständnis entweder selber verkaufen und verraten zu müssen oder aber ihre Existenz und die ihrer Familien zu gefährden.
• Sich dem Marktprinzip unterordnen versus dem eigenen Anspruch auf Teilhabe und soziale Gerechtigkeit
Der Markt ist heute allgegenwärtig in der Sozialen Arbeit. Er bestimmt, was fachlich noch möglich ist. Er bestimmt, was erlaubt bleibt. Mit sozialer Gerechtigkeit hat die heutige Soziale Arbeit nur noch entfernt etwas zu tun.
• Widerstand versus Anpassung
Und damit steht für jede PraktikerIn ständig die Entscheidung im Raum: passe ich mich an oder leiste ich hier Widerstand.

Was motiviert uns, Widerstand zu leisten?

Die Motivation für Widerstand unter den Gruppenmitgliedern war vielfältig.
o Viele Gruppenmitglieder sehnten sich danach, die festgefahrenen Strukturen infrage zu stellen, Visionen zu entwickeln, etwas Neues zu denken und damit alte Denkspiralen zu durchbrechen.
o Anliegen der meisten war es, endlich etwas Konkretes gegen die Lage zu tun. Wichtig aber war dabei, das dieses Konkrete fassbar und in gewisser Weise „erfüllbar“ sein muss, damit man weiß, dass die Energie sich lohnt.
o Wenn es gelingt, so wurde vermutet, im Widerstand die eigene Isolation zu überwinden, wenn andere mitziehen, dann bekommt man das Gefühl der Verbundenheit und Gemeinsamkeit. Das aber verstärkt die Motivation wieder.
o Viele haben auch das dringende Bedürfnis, gegen die Ignoranz gegenüber unserer Profession und für die Anerkennung der Sozialen Arbeit und ihrer Klientel zu kämpfen.
o Ein Teil der Gruppe betonte, dass man die erwünschten Änderungen nicht erreichen könne, wenn man nicht bereit sei, auch über die Systemfrage zu sprechen. Viele der Verwerfungen und menschenfeindlichen Entwicklungen in der Gesellschaft, die unsere Profession unmittelbar in Mitleidenschaft und Mittäterschaft hineinziehen, sind Auswirkungen und Funktionen dieses gesellschaftlichen Systems und nicht einfach durch eine Verwaltungsreform zu beheben.

Was wir tun können:

Zunächst gilt es, sich zum widerständigen Handeln zu entscheiden.
Es gilt, strategisch zu agieren – „einfach anfangen“ – denn „es gibt keinen Widerstand ohne Risiko“. Wir brauchen den Mut zur „Selbstermächtigung“ - zusammen und jede/r für sich
(Ebenen: einzeln, Team, Träger, Berufsfeld, mit Adressaten)

Aufgabe aller kritischen Sozialarbeitenden ist es, sich gesellschaftspolitisch einzumischen.
Das zeigt sich zum Beispiel in folgenden Handlungsschritten:
• Lobbyarbeit für Klienten und Soziale Arbeit
• Zusammenhänge aufzeigen
• Zusammenhangs- und Widerspruchswissen bündeln
und in klare, verständliche Argumentationslinien übersetzen
• Adressaten unterstützen beim Aufbau von Gegenmacht
• Einmischen im kommunalen Wahlkampf/ auf kommunaler Ebene

Was wir brauchen, was uns helfen kann:
Wo sind Leute, die den Mund aufmachen?
o die dies tun - ohne Angst zu haben
o Professoren, Politiker, selbstorganisierte Arbeitsgruppen, Altersunruheständler etc.
Wo sind Räume, in denen die Dinge zur Sprache kommen können?

Vernetzung nach innen und außen:
• Erfolgreiche Strategien untereinander bekannt und zugänglich machen
• Erfolgreiche Strategien untereinander bekannt und zugänglich machen
• PraktikantInnen können als Praxisforscher unterwegs sein
• Bestehende Strukturen nutzen und ausfindig machen
AKS, DBSH, Verdi, GEW
• Neue Strukturen auf- und ausbauen

Öffentlichkeit herstellen
o Kreative Medien nutzen; Film, Theater, Web
o Internetplattform http://sozialearbeit.einmischen.info/
o Campact nutzen/ anschreiben
o Potentiale von Social media z.B.: „Facebookgruppe“ Soziale Arbeit

Was kann die kritische Theorie für eine kritische Praxis tun?
o (Macht-)Stellung der Hochschulen und Profs nutzen und einfordern
o Wissenschaft als Sprachrohr für die Praxis
o Theorie unterstützt die Praxis (Praxisforschung)
o Wie kann Wissenschaft und Forschung die Praxis entlasten?
o Erfahrungswissen nutzbar machen für die Wissenschaft


Botschaft an Die KollegInnen:
„Es geht nur gemeinsam“
„Mischt euch ein!“