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Workshop 4

Wie viel Ökonomisierung verträgt die Soziale Arbeit?

Die Vereinnahmung der Sozialen Arbeit durch den Markt

Leitung:

Björn Redmann/Andreas Borchert

Themenstellung – worum es ging es

Im Rahmen der politisch verursachten Unterfinanzierung Sozialer Unterstützungsleistungen seit den 1990er Jahren und der Öffnung im SGB für die Beteiligung privat-gewerblicher Träger werden Handlungsfelder Sozialer Arbeit zunehmend als „Markt“ begriffen. Es wird behauptet, dass es die Einführung wirtschaftlicher Mechanismen in einen vermeintlichen „Sozialen Markt“ braucht, um Selbstbedienungsmentalitäten beizukommen und Hilfen wirklich bedarfsgerecht zu gestalten. VertreterInnen einer bemüht modernen Sozialen Arbeit sprechen von Dienstleistungsorientierung, Effizienzkriterien und Mitwirkungspflichten, um sozialpolitisch zu verkleiden, dass Wettbewerbsdruck, Kostenreduzierungen und soziale Anpassung Einzug halten. Daher stellen wir die Frage, wie es gelingen kann, unsere eigenen professionellen sozialarbeiterischen Anteile und Konzepte gegen ökonomische Interessen in Stellung zu bringen.

Arbeitsergebnisse des Workshops

Wo stößt Soziale Arbeit heute im Rahmen der Ökonomisierung auf Widersprüche und unvereinbare Zumutungen?
1. Die Finanzierung Sozialer Arbeit ist nicht in Ordnung:
Die Budgets reichen nicht, um die Arbeit, die wir zu tun haben, zu finanzieren. Als freie Träger sind wir auf Fundraising und Spenden angewiesen. Ziel der Kostenersparnis ist allgegenwärtig und dominiert unser Denken. Es drohen Kürzungen bei Nichtinanspruchnahme von Fördergeldern.
Mancher Träger kann die erforderlichen Eigenmittel nicht aufbringen und scheitert daran.
2. Klienten werden nach Effizienz ausgewählt.
Es wird dort investiert, wo der größte Erfolg erwartet werden kann. Das führt zu Ausgrenzungen und zur Abschreibung von Menschen.
3. Die Ökonomisierung hat große Auswirkungen auf die berufliche Situation und die Arbeitsbedingungen der Sozialarbeitenden.
Es werden ihnen zusätzliche Arbeiten aufgebürdet. Man nutzt den Idealismus vieler KollegInnen aus. Dafür dürfen sie Gehaltskürzungen hinnehmen und froh sein, wenn sie ihren Arbeitsplatz behalten.
4. Die Ökonomisierung mit ihrer Effizienzorientierung verunmöglicht die eigentliche fachliche Arbeit. Einfache Hilfen (Beratung) fallen oft ganz weg. Zeitreduzierung und die Modularisierung der Arbeitszeit führt hin zu einer sozialarbeiterischen Fließbandarbeit. Die notwendige Begleitung der Klientel geht verloren, Motivationsarbeit findet nicht mehr statt. Die Nachhaltigkeit ist nicht mehr im Blick.
5. Die Verbetriebswirtschaftlichung der Sozialen Arbeit bedeutet zum einen den Umgang mit Kenn- und Messwerten statt mit Menschen. Die Abrechnung der Leistung Sozialer Arbeit erfolgt nach Zahlen und wahrnehmbaren Zielvorgaben. So verkürzt sich der Prozess des Sozialen, entleert sich ihr Inhalt und wird die mögliche Wirkung Sozialer Arbeit mit von außen erkennbaren und messbaren Effekten identifiziert.
So verrät zum Beispiel die Frage an die Mobile Jugendarbeit, wie viele Jugendliche sie bisher dazu bewegen konnte, einen berufsvorbereitenden Kurs zu besuchen, eine oberflächliche Betrachtung Sozialer Arbeit und eine Instrumentalisierung der Klienten für erwünschte Ziele.
Gesetze werden bestenfalls formal erfüllt. Man ist mit der formalen Einhaltung zufrieden und nimmt damit der Sozialen Arbeit ihre inhaltlich-fachliche Orientierung.
6. Verhandlungen wie die Leistungsvereinbarungen werden in der Regel nicht durch Fachlichkeit bestimmt. Zudem erweist sich oft eine geringe Widerständigkeit z.B. des Jugendamtes gegenüber den kommunalen Gremien, die Soziales ohne mit der Wimper zu zucken z.B. mit dem Straßenbau in einen Topf schmeißen.
7. Die ständige Dokumentationspflicht und ebenso das Qualitätsmanagement fördern nur beschränkt die eigene Reflexion. Sie erfordern viel Zeit und dienen in erster Linie der Kontrolle und der beabsichtigten Effizienz und Kostenersparnis.
8. Eigeninitiative/Motivation gehen verloren bei einer Arbeit ohne fachlichen Sinn und ohne Qualität. Soziale Arbeit wird auf diese Weise tatsächlich ineffektiv und kann nicht befriedigen. Dazu nehmen die Gestaltungsspielräume ab.
9. Die Ökonomisierung wirkt sich auch auf die Ausbildung an der Hochschule aus. Es besteht inzwischen Druck und Konkurrenz zwischen Studierenden. Das Bildungswesen ermöglicht kaum noch offene Lernprozesse.

Welche gesellschaftliche Utopie stellen wir der heutigen ökonomisierten Welt entgegen?
1. Wir erstreben eine Welt, in der Gemeinschaftssinn besteht und weniger Konsumgeilheit. Wir möchten wegkommen von der ökonomischen Fortschrittsfixierung.
2. Wir brauchen Aufklärung und Wissenschaft im Alltag der Menschen und verlangen ökonomisch unabhängige Wissenschaften. Wir wünschen uns eine andere Schule als sie heute ist, eine Schule in der Lernen Freude macht und die die SchülerInnen ermutigt statt sie ständig zu beurteilen und unter Druck zu setzen.
3. Wir ersehen eine solidarische Weltgesellschaft, in der ein Weltethos gelebt wird und in der haltende, demokratische und offene Strukturen bestehen und in der die Menschenrechte die maßgebliche Orientierung darstellen.
4. Wir fordern gleichen Zugang für alle von allen, gleiche Güter und Nahrungsverteilung zwischen Menschen und Völkern, Glaubensfreiheit für alle und eine zentrale gesellschaftliche Ausrichtung auf das Glück aller.
5. Unsere Utopie speziell einer anderen Sozialarbeit ist: Soziale Arbeit wird zur Ermöglicherin eines nachhaltigen Weges zu dieser gesellschaftlichen Utopie.

Was kann uns helfen, die Herausforderungen der Ökonomisierung nicht einfach über uns ergehen zu lassen?

Kollektives Jammern bringt immerhin auch schon etwas. Aber notwendig ist der nächste Schritt: die Koordinierung des Frusts und das Einmischen für die Umsetzung der gemeinsamen Utopien.
Durch Auseinandersetzung, Reflexion und Information entsteht die Motivation, hier etwas tun zu wollen.
Dabei wäre es wichtig, vom beliebten Austricksen weg zukommen. Besser und wirkungsvoller in Richtung Ohnmachtsbewältigung ist es, mögliche Handlungsfelder für Widerstand und finden.

Workshopleiter Björn Redmann hat am Ende der Tagung - wie angekündigt - das Ergebnis seiner Gruppe in drei Sätzen zusammengefasst:
1. Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit hat in den letzten Jahren durch rigide Strukturen zu einer Entfremdung von unserer Fachlichkeit geführt.
2. Dem neosozialen Umbau stellen wir eine Soziale Arbeit entgegen, die ihr politisches Mandat durch Widerständigkeit und eine klare Haltung im Sinne einer gerechteren Gesellschaft wahrnimmt.
3. Wir verpflichten uns dazu, eigene Handlungsmöglichkeiten auszuloten und zu nutzen, die eigene Fachlichkeit zu betonen und an der Verwirklichung unserer gesellschaftlichen Utopie zu arbeiten.