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Workshop 5

Die sozialen Fachleute sind wir!

Beharren auf den Kernelementen der Sozialen Arbeit

Leitung:

Prof. Dr. Frank Bettinger/ Prof. Dr. Simons

Themenstellung – Worum es uns ging
In den politischen und sozialen Widrigkeiten und Verunsicherungen der gegenwärtigen Situation ist die Soziale Arbeit doppelt herausgefordert. Wie kann sie sich wehren gegen die Entwertungen und Dethematisierungen der neoliberalen und neokonservativen Interessen und gegen die Enteignungen und In-Dienst-Nahmen durch die Institutionen der Bildung, Gesundheit, Justiz und des Arbeitsmarktes? Die Selbstbehauptung der Sozialen Arbeit verpufft im Ineffektiven, wenn das offensive Insistieren auf sozialer Gerechtigkeit und die Kernstrukturen der Fachlichkeit nicht verbunden werden mit radikaler Selbstkritik und Reflexivität und Neuansätzen.

Die Teilnehmer:

Die Teilnehmerinnen des Workshops arbeiten in den verschiedensten Feldern der Sozialen Arbeit. Vertreten waren unter anderem psychosoziale Beratung, interkulturelle Arbeit, Frauenberatungsstelle, Mädchennotdienst, Straßensozialarbeit, Hilfen zur Erziehung und Kindertageseinrichtung, um einige Beispiele zu nennen.

Input I Prof. Dr. Bettinger:

Zu Beginn des Workshops stellt Prof. Dr. Bettinger seine kritische Sicht auf die Soziale Arbeit dar.
Kernaussagen dieses Inputs waren:
• Die Soziale Arbeit und die sozialarbeiterische Praxis sind heute durchweg unpolitisch. Die Hochschulausbildung nimmt gesellschaftliche Bedingungen und Aspekte zu wenig in ihre Lehre auf.
• Die Bezugsdisziplinen wie Psychologie, Medizin und Recht dominieren häufig die Soziale Arbeit und diese Tatsache schlägt sich auch in der Hochschulausbildung nieder. Auch gibt es immer noch zu wenig Sozialarbeiter, die als Dozenten an den Fachhochschulen tätig sind. Es ist notwendig, dass sich die Soziale Arbeit als Profession nicht ständig den Blick und die Terminologien anderer Professionen, zum Nachteil der Theorien Sozialer Arbeit, aneignet.
• Die Folge aus der Dominanz der Bezugsdisziplinen und der Vernachlässigung gesellschaftlicher Aspekte, ist eine „Mainstream“- Soziale Arbeit, die im neoliberalen und ordnungspolitischen Rahmen funktioniert, denn diese Soziale Arbeit bestimmt ihren Gegenstand nicht selbst, sondern versucht theorie- und konzeptlos „soziale Probleme“ zu bearbeiten. Sie macht sich fremde Kategorien und Begriffe zu Eigen.
• Gegenstand der Sozialen Arbeit aus Sicht der kritischen Theorie sind die Ursachen sozialer Ausschließung und deren Konsequenzen.
Hieraus ergeben sich Aufgaben und Funktionen für die Soziale Arbeit. Es geht nicht darum, gesellschaftliche Ordnung herzustellen, sondern darum, Problemlagen zu erkennen und mit dem Klienten zu bearbeiten.
• Soziale Arbeit beschäftigt sich heute berufsmäßig mit den negativen, individuellen Folgen der Marktwirtschaft (z.B. Armut) und gesteht ihren Adressatinnen dabei lediglich einen Objektstatus zu. Die Aufgabe Sozialer Arbeit ist es mittlerweile, den Mensch in die vermarktlichte Gesellschaft einzuordnen.
• Die neoliberale Entwicklung in der Gesellschaft führt zu einer Entpolitisierung, Entsolidarisierung und zu einer Ökonomisierung Sozialer Arbeit und anderer gesellschaftlicher Bereiche.

ABER:
• Soziale Arbeit darf nicht resignieren und sie darf nicht bei Hilfe und Unterstützung stehen bleiben, sondern muss sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen und ihren Folgen auseinandersetzen. Sie muss sich mit Politik und Gesellschaft auskennen, um ihren Klienten einen Subjektstatus zusprechen zu können.

Gruppenarbeit:

Die Gesamtgruppe teilte sich in vier Untergruppen. Jede Kleingruppe arbeitete an folgenden Fragestellungen:
1.Definiert vom eigenen Arbeitsfeld aus, was Soziale Arbeit ist und arbeitet das Alleinstellungsmerkmal heraus!
2. Was fordert ihr für eine konstruktive Soziale Arbeit?

Gruppe 1 befasste sich mit
Problematiken von Menschen mit dem Lebensmittelpunkt Straße
In der Diskussion wurden folgende Aspekte besprochen:
o Es handelt sich um Arbeit mit schwer erreichbaren Menschen.
o Hilfe zur Selbsthilfe bleibt auch hier das Ziel.
o Dringend erforderlich ist Lobbyarbeit für diese Klientel und unsere Einmischung zur Dekonstruktion des hegemonialen Diskurses
o Soziale Arbeit ist hier vor allem Problemmanagerin. Sie muss sich aber bemühen, ganzheitlich für den Klienten da zu sein.

Gruppe 2
 thematisierte die Arbeit mit Frauen und Mädchen
Folgende Aspekte standen im Zentrum der Gespräche:
o Es geht um die Integration aller Bestandteile
o Oft ist eine emotionale Nachnährung erforderlich.
o Wir haben es zu tun mit Einrichtung mit eigenem Arbeitsauftrag (Frauenhaus)
o Die Beratung steht im Vordergrund!
o Zentrale Aufgabe ist dabei der Schutz von Frauen und Kindern.
o Wir brauchen keine Standardisierung der Sozialen Hilfen, sondern individuelle Hilfe.
o Auch hier ist, um sich einmischen zu können, eine fundierte Rechtskenntnis wichtig.

Gruppe 3
 befasste sich mit der Arbeit mit Menschen in Krisen
Was ist für diese Arbeit wichtig?
o Empowerment bedeutet hier: Menschen unterstützen, selbstständig Entscheidungen zu treffen
o Oft geht es allerdings auch ganz schlicht um Überlebenshilfe.
o Besonders bei solchen Menschen ist es erforderlich, die Individualität der Klienten zu berücksichtigen, denn jeder Klient ist anders.
o Soziale Arbeit hat als einzige Profession ganzheitliche Draufsicht auf Gesellschaft.
o „Handlungsauftrag“: Wenn man es nicht tut, ist es unterlassene Hilfeleistung
o Öffentlichkeitsarbeit wäre hier von besonderer Bedeutung, um der Diskriminierung und Ausschließung etwas entgegenzustellen.

Gruppe 4
befasste sich mit Einzelfallarbeit , z.B. im Bereich der Hilfe zur Erziehung.
Folgende Gedanken wurden diskutiert:
o Es geht bei dieser individuellen Arbeit um Potentialentwicklung, um die Aufdeckung von Lebensperspektiven
o Eine zentrale Rolle spielt hier die Beziehungsarbeit (bei Einzelfallarbeit)
o Im Rahmen von Gemeinwesen /Gruppenarbeit geht es darum, verschiedene Gruppen aneinander heranzuführen.
o In diesen Arbeitsfeldern ist Soziale Arbeit eher reaktiv.
o Wichtig ist es, dass sich die Einzelhelfer untereinander vernetzen und dass infrastrukturelle Aufgaben im Sozialraum wahrgenommen werden.
Die hier oft noch vorhandenen hauptamtlichen Strukturen gilt es zu erhalten und zu festigen

Input II Prof. Dr. Bettinger: Zur kritischen Theorie der Sozialen Arbeit

Eine Orientierung an kritischer Theorie die Soziale Arbeit fordert dazu auf, ein grundlegend kritisches Verhältnis zur Gesellschaft und zu sich selbst begründen.
Es gibt kritische Konzepte auch in anderen Professionen, wie z.B. in der kritischen Psychologie. Klaus Mollenhauer bemühte sich in der kritischen Erziehungswissenschaft um eine Mündigkeit der Subjekte, Wolfgang Klafki um ein konstruktives Veränderungsinteresse und Armin Bernhard in der kritischen Bildungstheorie darum, nicht nur dem einzelnen Mündigkeit zu geben, sondern der gesamten Gesellschaft.

Im ersten Schritt sollte es darum gehen, sozialpädagogisches Handeln theoretisch zu begründen. Die Theorie orientiert sich am Gegenstand Sozialer Arbeit. Die Aufgaben Sozialer Arbeit resultieren aus ihrem Gegenstand, also aus den Ursachen sozialer Ausschließung und den daraus resultierenden Konsequenzen. Bezug nehmend auf diesen Gegenstand geht es der Sozialen Arbeit darum, die Möglichkeit von Chancenausgleich, Partizipation und Teilhabe am Arbeitsmarkt zu sichern.
Um die gesellschaftliche Teilhabe, Chancengleichheit und Partizipation zu realisieren, muss eine kritische Soziale Arbeit normative Parameter, Teilziele und Schritte, konkret für jeden Arbeitsbereich, formulieren. Dazu gehört auch, sich selbst als politischen Akteur zu verstehen, sich einzumischen und Theorien, Thesen, Konzepte reflektiert zu betrachten. Sie muss sich selbst als Profession und Disziplin kontinuierlich reflektieren und kritisieren. Ebenso muss sie den gesellschaftlichen Standort ihres Handelns, Deutungsangebote der Gesellschaft und Kritik ständig überprüfen.


Weitere Diskussionsthemen
Im Workshop 5 wurden über die engere Thematik hinaus noch folgende Fragen und Anmerkungen diskutiert:
• Es wurde festgestellt, dass die verschiedenen Hochschulen sich auf unterschiedliche Ansätze der Bezugsdisziplinen beziehen. Es fehlt ein kollektiv geteiltes Basiswissen, auf das sich alle Studierenden gleichermaßen beziehen können.
• Will Soziale Arbeit sich ein stärkeres Selbstbewusstsein aneignen, ist gerade hierfür eine konkrete Gegenstandsdefinition von Sozialer Arbeit notwendig.
• Der Terminus „kritisch“ ist umgangssprachlich eher negativ besetzt. In der Sozialen Arbeit wird eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand eher als positive Kraft zur Veränderung gedeutet.
• Wie erreicht man unpolitische Kollegen?
• Der Öffentlichkeit muss die Wichtigkeit Sozialer Arbeit immer wieder klargemacht werden. Dazu sollten Medienvertreter zu Tagungen einladen werden und die Medien müssen Stellung beziehen.
• Soziales muss stärker in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt werden.
• Welche Ideen und Strategien können wir entwickeln?
• Arbeitskreis Kritischer Sozialer Arbeit auch in Berlin


Welche Forderungen an die eigene Profession und Disziplin hat die Gruppe entwickelt?
• Schon im Studium sollte eine kritische Grundhaltung, vom ersten Tag an, vermittelt werden.
• Die Soziale Arbeit soll selbstbewusst und nicht mehr untertänig sein. Außerdem soll sie sich stärker auf ihr fachliches, ethisches und politisches Fundament beziehen.
• SozialarbeiterInnen müssen ihr Handeln reflektieren und ausrichten an den Theorien der Sozialen Arbeit.
• Theoretische Begriffe wie die „Lebenswelt“ müssen wieder zum Konzept und zum Grundsatz werden, anstatt als Floskeln zu verkommen.