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Workshop 6

So billig sind wir nicht zu haben!

Prekäre Arbeitsbedingungen zu Zeiten der Ökonomisierung

Leitung:

Winfried Nodes/Andrea Dittmann-Dornauf

Themenstellung – worum es ging
Kein anderes Arbeitsfeld ist so abhängig von politischen Rahmensetzungen wie das der Sozialen Arbeit. Die mit dem Neoliberalismus verbundene Ökonomisierung hat nicht nur die Situation der Klientel, sondern auch die Sicht der Sozialen Arbeit auf ihre Klientel und die Arbeitsbedingungen der Sozialen Arbeit selbst geprägt: Sprache, Zielsetzungen, Methoden, Einkommen und (prekäre) Arbeitsbedingungen sind Ergebnis einer "ökonomischen Kolonialisierung" von Sozialer Arbeit.
In dieser Situation gilt es, die "Produktionsbedingungen des Sozialen" genauer zu untersuchen, um Möglichkeiten zur Gegenwehr zu entwickeln. Der geschlechtsspezifischen Bedeutung dieser Entwicklung ist, nicht nur in Hinblick auf prekäre Arbeitsbedingungen, eine besondere Beachtung zu schenken.
Dabei sind weniger abstrakte Überlegungen als konkrete Beispiele aller WorkshopteilnehmerInnen gefragt. Denn nur so kann wirkungsvolle Gegenwehr und Öffentlichkeitsarbeit gelingen. Und nur so gelingt auch Solidarisierung.

Arbeitsergebnisse des Workshops – was war uns wichtig? Zu welchen Ergebnissen ist die Gruppe gekommen?


Thema 1: Prekarisierung und ihre Folgen

Die derzeitige Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse in den Tätigkeitsfeldern der Sozialen Arbeit wurde von der Gruppe mit Zahlen, Fakten und anhand der eigene Erfahrungen der Teilnehmenden beschrieben und analysiert.
Entgegen der Hoffnung vieler BerufskollegInnen führt nach bisherigen Beobachtungen der erhöhte Personalbedarf nur regional zu verbesserten Konditionen.
Als direkte Folgen u.a. der Prekarisierung für unsere Profession wurden festgehalten:
Die Situation der Kolleginnen ist von Angst um ihren Arbeitsplatz geprägt. Zeitverträge und Befristungen verunsichern und führen dazu, dass KollegInnen in große Abhängigkeit von ihren Arbeitgebern geraten. Ältere KollegInnen haben Angst, als „Unbequeme“ dauerhaft ausgegrenzt zu werden.
Das Berufsbild wird verwässert durch den Einsatz niedrig qualifizierter und unqualifizierter Zwangsverpflichteter. Die Standardisierung von Handlungsvollzügen führt zur Entqualifizierung.




Es ergeben sich aus dieser Analyse u.a. folgende Forderungen an die Sozialpolitik:
• Entfristung des größten Teils der Stellen
• Verbot der anlasslosen Befristungen
• Tariftreuegesetz bei öffentlichen Vergaben
• „Spitzes Abrechnen“ der Personalkosten
• Schaffung hinreichender Maßnahmen zum Berufsschutz
• Ausbildungsoptionen für Leitungskräfte in der Sozialen Arbeit
An die Träger geht der Appell, Trägerverbünde zu gründen (u.a. um Standards festzulegen als Grundlage für die Verhandlung mit Kostenträgern). Auf diese Weise könnne sich die Verbünde mit regionalen Aktivitäten überregional einmischen.


Thema 2 : Handlungsalternativen einer widerständigen Sozialen Arbeit

Die Profession trägt selber zu ihrer gegenwärtigen Situation bei und müsste Handlungsmöglichkeiten finden und praktizieren, die die bestehenden Entwicklungen ausbremsen können.

• Vor der aktiven Gegenwehr müssen die Demütigungen der Berufsgruppe erkannt und als Realität anerkannt werden. Die Situation „schön zu reden“ hilft nicht weiter und verstärkt den Eindruck nach außen, alles sei o.k.

• Sozialarbeitende müssten selber den Wert der Sozialen Arbeit erkennen.
Es gilt, sich nicht unter Wert (Gehalt, Urlaub, Fortbildung) zu verkaufen. Das geringe Selbstwertgefühl der Profession verstärkt die Gefahr, als Berufsgruppe entwertet zu werden. Viele KollegInnen haben Angst, „nahe bei dem Kientel zu landen“ und mit ihr identifiziert zu werden.

• Ausbildung und Forschung der Sozialen Arbeit müssten folgende Themen aufgreifen
o Vermittlung der Arbeitnehmerperspektive im Studium
o Team- und Personalentwicklung
o Berufsfeldforschung

• Soziale Arbeit muss wieder emanzipatorisch, partizipationsorientiert und politisch wirken und auf dieser ethischen Prämisse bestehen.
Wir stehen für Soziale Gerechtigkeit und verweigern uns einer Verwertungslogik.
Unbedingt gilt es, sich bei der Arbeit auf das Recht der Adressaten auf qualifizierte Hilfe zu fokussieren.
Hilfreich ist hier die Fokussierung auf den internationalen Berufsethos.

• Über eine parteiliche, fachliche Arbeit hinaus wird es notwendig sein, öffentliche, politisch wirksame Aktionen durchzuführen: z.B. Mobilisierung für öffentliche Aktionen, Demonstration mit Gewerkschaften, Skandalisierung der „Schweine-Träger“, Auszeichnung positiver Träger und Arbeitgeber usf.

• Es gibt keine gemeinsame Identität und Organisation der Berufsgruppe. Es fehlt eine trägerübergreifende und Arbeitsfeldübergreifende Solidarisierung. Sozialarbeitende neigen selber zur Individualisierung. Jeder kämpft für sich allein – wenn er kämpft. Individuelle Lösungen und Bewältigungsstrategien (z.B. auch die berufliche Selbständigkeit) herrschen vor.
Die Soziale Arbeit bedarf dringend einer fach- und berufspolitische Organisation der gesamten Berufsgruppe.
Wer vertritt die Soziale Arbeit öffentlich und z.B. auch in den Medien? Es fehlt eine von Einzelinteressen freie „Unabhängige Expertise des Sozialen“.
Sinnvoll wäre eine konzertierte Aktionen aller Gruppen und Organisationen kritischer Sozialer Arbeit.

• Das öffentliche Bild der Sozialen Arbeit ist schief und entwertend. Es bedarf dringend einer Schärfung des Bildes und der Interessen der Sozialen Arbeit in den Medien (regional und überregional). Hier bietet sich Kooperation mit Stiftungen, z.B. dem „gemeinnütziger Journalismus“ an.

• Dringend müssen wir lernen, die Politik in die Verantwortung zu nehmen.