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Workshop 8

Schluss mit der Sprachlosigkeit!

Soziale Arbeit mischt sich ein

Leitung:

Matthias Heintz/Beate Köhn


Themenstellung – worum es ging:
Wenn wir, die Fachkräfte der Sozialen Arbeit, unsere Sprachlosigkeit beenden wollen, dann müssen wir zunächst verstehen, was uns bisher sprachlos gemacht hat. Begreifen wir diese Mechanismen, dann haben wir einen wichtigen Schritt getan, um uns aktiv zu äußern und uns zu positionieren.
Und wo positionieren wir uns dann? Wie werden wir laut und deutlich? Allein, als SolistInnen - oder eher im Chor? Bei dem Thema <Schluss mit der Sprachlosigkeit – Soziale Arbeit mischt sich ein> ging es darum Strategien zu entwickeln, mit denen unsere Stimme für eine, an Nachhaltigkeit und Qualität orientierte Soziale Arbeit unüberhörbar wird.

Arbeitsergebnisse des Workshops

Welche Fragen waren uns wichtig??
• Was macht mich sprachlos? Welche Mechanismen stehen dahinter
• Welche Auswirkungen hat diese Sprachlosigkeit?
• Wo gibt es Ansätze, die aus der Sprachlosigkeit wieder heraus führen?
• Was gibt uns Mut und Kraft aufzustehen, zu widersprechen und uns einzumischen?
• Welche konkreten Ideen zur Überwindung der Sprachlosigkeit und zum Einmischen haben wir?

Welche allgemeinen Erkenntnisse gab es?
• „der Widerstandsgeist ist altersunabhängig und stirbt nicht aus!“,
• es ist nicht einfach, aber unerlässlich gegen den Strom zu schwimmen und widerständig zu bleiben
• es gibt schon während des Studiums eine starke Verunsicherungen, was die Widersprüche zwischen den (kritischen) Forderungen der Sozialer Arbeit und die Realität in der Praxis angeht,
• kritische Soziale Arbeit wird bestenfalls während des Studiums theoretisch vermittelt - in der Praxis ist sie kaum erlebbar,
• berufserfahrene SozialarbeiterInnen sagen: „früher war alles besser; mehr Geld, bessere Rahmenbedingungen, mehr Möglichkeiten die KlientInnen zu unterstützen, etc.“ - viele von ihnen haben sich aber resigniert zurückgezogen (und schwärmen allenfalls noch von den „guten alten Zeiten“),
• Studierende und BerufseinsteigerInnen fragen: „Warum habt ihr den Abbau nicht verhindert?“
• Zentrales Thema ist die Haltung und Reflexion zur Sozialen Arbeit, zu gesellschaftlichen Aufgaben und zum eigenen Arbeitsfeld.

Welche Themen und Probleme standen im Vordergrund?
Befasst hat sich die Gruppe mit zwei Themenschwerpunkten. Beide wurden in Verbindung miteinander gebracht.
• Das Schweigen der Sozialen Arbeit angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen
• Die prekären Arbeitsbedingungen der Sozialarbeitenden

Zum Thema 1: Unsere Sprachlosigkeit überwinden!
Zum Thema wurden folgende Überlegungen und Thesen diskutiert:

• Es wurden Hypothesen zur „Geduld und zum Schweigen der Berufsgruppe“ gebildet. Insbesondere durch ungesicherte Zeit-, Honorarverträge und zeitliche Befristungen wird ein Widerspruch erschwert und somit die Sprachlosigkeit befördert.
• Es besteht die Sorge vor Individualisierung bei Widerständigkeit, als „unbequem“ (dauerhaft) ausgegrenzt zu werden, bei gleichzeitig wenig Solidarisierung durch die anderen KollegInnen. Es kommt immer wieder zu Spaltungstendenzen innerhalb der Berufsgruppe. Gleichzeitig hat ein geringes Selbstwertgefühl der Profession eine ungünstige und kontraproduktive Wirkung.
• Für eine offensive Öffentlichkeitsarbeit ist es wichtig darauf zu achten, wie sich die Berufsgruppe der Sozialen Arbeit in den Medien selber vertritt. Auch hier gilt: Einmischen und offensiv die eigene Fachlichkeit und Profession vertreten.
• Wir müssen uns MitstreiterInnen und eine ‚gemeinsame Sprache’ suchen und finden,
• Die Mechanismen des Schweigens sind zu durchbrechen.


Ansätze für Wege aus der Sprachlosigkeit:
Zusammenarbeit, Austausch, Kommunikation, voneinander wissen, gemeinsame Ziele entdecken und Ideen entwickeln, sind die Eckpfeiler einer Strategie gegen Sprachlosigkeit.
Die Erfahrung von Gemeinschaft und Verbundenheit mit KollegInnen, die über unterschiedliche Kompetenzen und Erfahrungen verfügen, sich gegenseitig respektieren und (professionsübergreifend!) zusammentun, bilden den Startmoment für Impulse zur Veränderung: „So nicht!“
Ein Perspektivwechsel von der Objekt- zur Subjektperspektive schafft hierbei positive Energien, versus lähmende negative Energien und Ohnmachtgefühle.
Das Wahrnehmen und das Erkennen der beruflichen und gesellschaftspolitischen Situation ist der erste Schritt zur Bewegung.
Soziale Arbeit braucht Zeit, d.h. auch, wir müssen und dürfen uns Zeit nehmen für: Austausch, Beziehungsarbeit, Ideen, Gegenwehr, Visionen, Utopien, fachliche Positionen und Standpunkte.
Ideen und Visionen zum konkreten Einmischen
Größtes Anliegen der Workshopteilnehmenden war und ist es, die benannten Ideen tatsächlich umzusetzen und nicht wie sonst oft erlebt, wieder erlöschen zu lassen. So wurden alle Ideen der GruppenteilnehmerInnen ausgesprochen, angehört, diskutiert, konkret durchdacht und mit ersten Schritten zur Umsetzung festgehalten. Die daraus entstehenden Aktionen und Energie sollten nutzbar gemacht werden. Als erste gemeinsame Informations- und Austauschebene kann die Internetplattform http://sozialearbeit.einmischen.info/ genutzt werden. Die Plattform soll einen Beitrag dazu leisten, dass sich die kritischen Kräfte in der Sozialen Arbeit verstärken und sich vernetzen. Dabei geht es nicht um eine bestimmte Gruppierung, sondern um ein unabhängiges, kritisches Forum. Alle kritischen Gruppen und KollegInnen sind dort willkommen. Es geht darum langfristig einen Weg zu finden, wie wir in einem Bündnis gemeinsam, und damit wirkungsvoll hörbar werden.
Weitere Gemeinsamkeiten und konkrete Ziele für ein professionelles sozialarbeiterisches Handeln und damit verbundene Strategien des Einmischens ließen sich in der Workshopgruppe schnell ausmachen. Die Ansätze, den Weg des Einmischens zu gehen, sind dabei wunderbar vielfältig!
Wichtig sind die Schärfung des Bildes der Öffentlichkeit von der Sozialen Arbeit und eine angemessene Darstellung der Interessen der Sozialen Arbeit (regional und überregional)in den Medien. Ein Ansatz hierzu könnte der „gemeinnützige Journalismus“ sein.


Zum Thema 2.: Prekarisierung stoppen!

Die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse in den Tätigkeitsfeldern der Sozialen Arbeit wurden mit Zahlen, Beispielen und eigenen Erfahrungen der Teilnehmenden diskutiert. Es gibt zuweilen eine mehr oder minder konkrete Sorgen selber „nahe bei dem Klientel zu landen“ oder dort eingeordnet zu werden.
„Je mehr die Soziale Arbeit als unbezahlte, ehrenamtliche (frauengeprägte) Arbeit wahrgenommen wird, desto niedriger ist die (politische) gesellschaftliche Wertschätzung“.
SozialarbeiterInnen dürfen sich nicht unter Wert (Gehalt, Urlaub, Fortbildung, Zeit für Beziehungsarbeit und Vernetzung) verkaufen. Ein erhöhter Personalbedarf führt allenfalls regional zu verbesserten Konditionen.

Eine Dequalifizierung von sozialpädagogischem Handeln ist zu befürchten, wenn der Fokus auf der Standardisierung von Handlungsvollzügen liegt.
Offen blieb in unserer Diskussion folgende Frage:
Diskutiert wurde, wie Hilfen und Projekte, bei denen niedrig bezahlte Unterstützung von angelernten Betroffenen vorherrscht und eine Verwässerung des Berufsbildes durch den Einsatz niedrig qualifizierter Hilfskräfte und unqualifizierter Zwangsverpflichteter stattfindet, zu verhindern ist.

Forderungen zur Abwendung prekärer Arbeitsbedingungen:

• Wir brauchen eine Berufsfeldforschung – es fehlen empirisch fundierte Daten zum Berufsfeld der Sozialen Arbeit. Es gibt nur wenige Daten zur Beschäftigtensituation.
• Eine Anerkennung der Leistung und des Wertes Sozialen Arbeit steht aus.
• Zu fordern ist eine Rücknahme und Abschaffung von anlasslosen Befristungen bzw. die Entfristung von Stellen, deren Bedarf feststeht.
• Wir brauchen ein Tariftreuegesetz bei öffentlichen Vergaben, Das „spitze Abrechnen“ der Personalkosten engt die Soziale Arbeit unverhältnismässig in ihrer Handlungsfähigkeit ein.
• Die Umsetzung von Maßnahmen zum Berufsschutz ist dringend geboten.
• Wichtig scheint uns eine Vermittlung der Arbeitnehmerperspektive bereits im Studium der Sozialen Arbeit.
• Wir ermutigen zu einem juristischen Vorgehen bei prekären Arbeitsverträgen (unter Nutzung des bestehenden Arbeitsrechts)!

Ideen und Strategien zur Abschaffung der Prekarisierung und zur Rettung der Profession Soziale Arbeit
Die Träger können nicht einfach mit uns und der Klientel machen was sie wollen. Wir könnten uns so etwas wie eine Skandalisierung von „Ausbeuter-Trägern“ vorstellen bei gleichzeitiger öffentlicher Anerkennung und Auszeichnung positiver Träger und Arbeitgeber im Bereich der Sozialen Arbeit.

Es ist an der Zeit, dass Träger aussteigen aus der ihnen zugedachten Unternehmerrolle. Es müssten sich Trägerverbünde gründen (u.a. um Standards festzulegen als Grundlage), die gemeinsam und ohne sich in Konkurrenz zu begeben die Verhandlung mit Kostenträgern aus fachlicher Perspektive führen.

Wir sollten die Ämter in die Verantwortung nehmen. Sie sind dafür zuständig, fachliche Standards – unabhängig von der Frage der Finanzierbarkeit – zu definieren und fachlich abzuleiten und deren Umsetzung kontrollieren.

Notwendig wären die Organisation von politischen und arbeitsrechtlichen Weiterbildungen und die Vermittlung internationaler Rechtsgrundlagen (UN-Konventionen etc.).
Längst gehören der Tendenzschutz bei kirchlichen Arbeitgebern sowie das eigenständige kirchliche Arbeitsrecht abgeschafft.

Die Gründung einer „SozialarbeiterInnen-Kammer“ mit Berufsgesetz-Berufsregister wurde in der Gruppe lebhaft diskutiert.

Da nicht damit zu rechnen ist, dass sich diese Forderungen und Entwicklungen von alleine erfüllen, ist es notwendig, zu Demonstrationen und öffentlichen Aktionen zu mobilisieren (Beispiel: „kollektives Burn-Out“) und dafür auch BündnispartnerInnen zu gewinnen.
Eine Möglichkeit dabei sind konzertierte regionale und bundesweite Aktionen gemeinsam mit den Arbeitskreisen kritischer Sozialer Arbeit (AKS), DBSH, Fachverbänden und Gewerkschaften


Allgemeines Fazit:
Soziale Arbeit muss (wieder) emanzipatorisch, partizipationsorientiert und politisch wirken.

Wir müssen einen Austausch zur kritischen Sozialen Arbeit herstellen und organisieren, uns vernetzen und heraus gehen aus der Isolation.

Es fehlt an einer von Einzelinteressen freien „Unabhängige Expertise des Sozialen“! Es steht die Erstellung eines gemeinsamen Memorandum in der Sozialen Arbeit an. Ein erster Schritt dazu ist die Veröffentlichung von kritischen Statements und Resolutionen.
Wir berufen uns auf den internationalen Berufsethos
„Soziale Arbeit als Beruf fördert den Sozialen Wandel und die Lösung von Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen, und sie befähigt die Menschen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten. Gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse über menschliches Verhalten und soziale Systeme greift Soziale Arbeit dort ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Interaktion treten. Grundlagen der Sozialen Arbeit sind die Prinzipien der Menschenrechte
und der sozialen Gerechtigkeit.”
(International Federation of Social Workers (ISFW) und International Association of Schools Socials Work (IASSW) - Definition Sozialer Arbeit, Montreal 2000)

Bei alle dem ist die Inverantwortungnahme der Politik der herrschenden Kräfte für die bestehenden und sich verschärfenden Sozialen Missstände eine zentrale Aufgabe aller kritischen Kräfte und somit auch und erst Recht der Sozialen Arbeit.


Was ist eure zentrale Botschaft an die KollegInnen der Soziale Arbeit?
Hinsehen, Verstehen, Empören, zusammenschließen, gemeinsam lautstark einmischen...
Wir setzen uns für die Rechte der Adressaten auf qualifizierte Hilfe und Leistungen ein.
Wir widersprechen jeglicher Verwertungslogik von Soziale Arbeit und engagieren uns für Soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte und Menschenwürde.
Auf ein fortwährendes gemeinsames Weiterdenken und “freches“ Einmischen! - Schluss mit der Sprachlosigkeit!