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Welches sind die Positionen des kritischen Forums Soziale Arbeit und was bedeutet dabei Kritik?

Als Unabhängiges Forum kritische Soziale Arbeit stehen wir nicht tatenlos und nicht ohne Erklärungen da für das, was derzeit mit unserer und in unserer Profession passiert.

Bevor man aber darüber nachdenken kann, was eigentlich aus der Sozialen Arbeit geworden ist, wie sie sich verändert hat und ob sie so überhaupt noch das ist, was wir unter Sozialer Arbeit verstehen, muss man sich klar werden, was Soziale Arbeit ist, welche Aufgaben sie gesellschaftlich gesehen hat und wie sich diese Aufgaben gesellschafts- und berufstheoretisch ableiten lassen.
Aus diesem Blickwinkel ergeben sich sowohl politische und ethische Strukturmerkmale unserer Profession sowie fachliche Orientierungen unseres Handelns.

In den folgenden (Unter-)Abschnitten dieser Seite  werden wir uns aus der Sicht des kritischen Forums zu einigen Aspekten des Hintergrundes der aktuellen Veränderungen äußern und die Folgen aufzeigen. 

Was ist Soziale Arbeit?

Soziale Arbeit ist, was ihre Entstehung und ihre Aufgaben betrifft,  ganz eng mit der beginnenden Industrialisierung der westlichen Welt und damit mit dem Gesellschaftssystem des Kapitalismus verbunden.
Sie ist historisch gesehen eine der systemimmanenten, eher sozialdemokratisch und reformerisch gemeinten Antworten auf die Soziale Frage in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen. Es ging darum, das Elend der arbeitenden Bevölkerung, das durch das neue Gesellschafts- und Wirtschaftssystem ausgelöst wurde, in Grenzen zu halten, so dass es der Bevölkerung gelingen könnte, ihr Leben irgendwie zu bewältigen, ohne unterzugehen und ohne für die Gesellschaft verloren zu sein oder auch gefährlich zu werden.
Diese Zielperspektive - die die Soziale Arbeit bis heute inne hat - ist zweifellos zwiespältig:

  • Zum einen unterstützt sie die Menschen, die an den gesellschaftlichen Bedingungen leiden, tritt für ihre Interessen und Belange ein und muss naturgemäß auch ein Interesse daran haben, die schllimmsten gesellschaftlichen Ursachen auszuschalten oder zumindest zurückzudrängen. Das ist ihre lebensweltbezogene, an der Würde der Menschen orientierte Aufgabe.

  • Zum anderen stützt sie genau damit das System, verhindert, dass die sozialen Verwerfungen zu systemschädigenden Spannungen und Verhaltensweisen in der Bevölkerung führen. Sie ist also nicht etwa systemsprengend. Sie wird vom System des Kapitalismus gebraucht, wo es darum geht, bei den Menschen den passenden Habitus auszubilden und sie für das Leben im Kapitalismus fit zu machen.

Soziale Arbeit ist damit immer zugleich Anpassungsinstrument und parteiliche Unterstützung von Menschen und damit auch Kritikerin bestehender Verhältnisse. Das ist die bekannte Gradwanderung und das ist das, was man hinlänglich das Doppelte Mandat nennt.

  • Von dem Mandat des Staates und des Gesellschaftssystems mit seiner Legislative, seiner Organisation und seinem Finanzsystem kann Soziale Arbeit sich nicht ablösen, weil ihr der Weg in eine völlige berufliche Unabhängigkeit bzw. Selbstständigkeit schon deshalb verwehrt ist, weil ihre Klientel, insbesondere die sozial benachteiligten Menschen, nicht in der Lage sind, ihre Hilfen und Angebote selber zu bezahlten.  

  • Sich als Soziale Arbeit andererseits vom  Mandat der Klienten zu verabschieden, würde bedeuten, die Aufgabe, die oben beschrieben wurde, nicht mehr zu erfüllen. Es bliebe nur eine "Soziale Arbeit", die den hilfebedürftigen Menschen Wege vorschreibt und Ziele zuweist, die Hilfen verordnet oder ggf. bei fehlendem Wohlverhalten verweigert.
    Eine Soziale Arbeit, die nur noch an das systemische Mandat  gebunden ist, kann Menschen nicht mehr in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen. Sie kann sie bestensfalls verwalten.

Es stellt sich die Frage, wie sich die Profession verhält, wenn ihr - wie heute im neoliberalen und neokonservativen Staat - das Mandat der herrschenden Politik als einziges Mandat aufgezwungen wird. 

  • Wenn sie sich anpasst und unter diese Bedingungen einfügt, gibt sie letztlich wesentlich Teile und Aufgabenstellungen ihrer Profession auf. Aber genau das geschieht zur Zeit in großem Rahmen.
    Und mehr noch: sie wirkt hochpolitisch dabei, in dem Sinne, dass sie sich aktiv beteiligt an der Umsetzung der Vorstellungen, die im Rahmen der heutigen neoliberalen und neokonservativen Gesellschaft für solche Menschen als angemessen gehalten werden, die mit ihrer Lebensbewältigung nicht zurecht kommen.

  • Passt sie sich nicht an, versucht sie, sich offensiv und sichtbar zur Wehr zu setzen und ihre Profession fachlich und ethisch zu verteidigen, wirkt sie ebenfalls politisch: Sie zwingt die herrschenden Kreise dazu, ihr Pläne zu verteidigen, zu erklären und - im besten Falle - zu revidieren.

HInzu kommt noch Folgendes:
Soziale Arbeit hat sich wegen ihrer oben erläuterten  zwiespältigen Funktion für die Gesellschaft aus der totalen Abhängigkeit des Staates so weit befreien können, dass sie sich zu einer eigenständigen, wissenschaftlich orientierten und fachlich autonomen Disziplin und Profession entwickelt hat, die für sich beansprucht, die Aufgabe der Unterstützung bei der Lebensbewältigung aus ihrer eigenen wissenschaftlichen Erkenntnis heraus zu leisten und die sich als Diziplin und Profession den Menschenrechten sowie einer kritischen Sicht auf die sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen menschlichen Leids und menschlicher Problemlagen verpflichtet fühlt.

Die gegenwärtigen Zumutungen, die an die Soziale Arbeit vor allem durch die Ökonomisierung und die Ideologie des aktivierenden Staates herangetragen und ihr aufgezwungen werden, bedrohen also beides:

  • das Recht, das Mandat der Klientel im Sinne einer parteilichen, von den Interessen der Menschen ausgehenden Profession, ausüben zu können.

  • das Recht, Soziale Arbeit im Sinne einer autonomen Profession und nach den wissenschaftlichen und fachinternen Kriterien von Qualität und Wirksamkeit zu praktizieren und finanziert zu bekommen.

Kritische Soziale Arbeit nimmt diese Zumutungen ins Visier und entwickelt Strategien, wie sich die Profession erfolgreich zur Wehr setzen kann gegen ihre Vereinnahmung, gegen ihre Indienstnahme für einen Staat, der Menschen ausgrenzt und gegen die verordnete Blindheit gegenüber den gesellschaftlichen Hintergründen der meisten Problemlagen, mit denen wir es in der Sozialen Arbeit zu tun haben. 

 

M.S.