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Die Soziale Arbeit wird zur Handlangerin des aktivierenden Staates


Die neue neoliberale Sozialpolitik versteht sich als selbstkritische Korrektur einer im Nachhinein als fehlerhaft und verschwenderisch beurteilten Sozialpolitik des Sozialstaates (vgl. Dahme 2008, S. 47). Dem neuen „Steuerungsstaat“ aber, wie Oelkers ihn bezeichnet, wird dagegen die „Fähigkeit zugesprochen, er könne auf die sich wandelnden Lebensentwürfe angemessen reagieren“ (Oelkers 2009, S. 72).
Von der behaupteten wohlfahrtsstaatlichen Entmündigung der KlientInnen wird jetzt, so wird verkündet, Abschied genommen mit einem neuen Rechte- und Pflichtenkatalog. Entwickelt wurde der neue, durch neoliberale Vorstellungen geprägte „aktivierende Staat“, der sich als Antwort versteht „auf die Mängel des etablierten Sozialstaates, der zu teuer, zu ineffektiv und letztlich schädlich ist, weil er den Selbstbehauptungswillen und die Kreativität der Menschen schwächt“ (Galuske 2006, S. 8).


 

  • Auf einmal sind die Menschen ganz allein selber verantwortlich für ihr Schicksal, für ihr Wohlergehen, für die Frage, ob sie Arbeit haben oder nicht. Es gibt keine soziale Benachteiligung mehr, sondern nur noch Menschen, die sich eben nicht genug angestrengt haben. Und deshalb kann man jetzt auch davon sprechen, die Gesellschaft brauche „mehr Mut zur Ungleichheit!“ Denn Ungleichheit ist neuerdings akzeptabel, ist hinzunehmen, ja sogar notwendig für den Fortschritt. Von Chancengleichheit, von Verteilungsgerechtigkeit gesellschaftlicher Güter und Teilhabe und von Rechten ist nicht mehr die Rede.

  • Es geht um die Bestrebung, dass Menschen die Lasten für ihre Existenz und die Risiken ihres Lebens selber aufgebürdet werden und damit kein Geld kosten.

  • Das alles führt zu einer Instrumentalisierung von Menschen für die Gewinninteressen und Zwecke der Wirtschaft. Menschen sind nicht mehr wertvoll als einzigartige Menschen mit Würde und Recht auf Teilhabe und um ihrer selbst willen sondern durch das, was sie leisten, was sie zur Reichtumsmehrung beitragen etc.

  • Eine Folge ist dabei die Ausgrenzung ineffektiver KlientInnen, da sich aus Ökonomischer Sicht Investitionen nur dort lohnen, wo Erfolg in Sicht ist. In schwierige, leistungsunfähige, gar in widerspenstige Menschen Geld (z.B. staatliche finanzielle Sicherung bei AL und Armut) und Zeit (z.B. im Rahmen von Sozialer Arbeit) zu stecken ist aus ökonomischer Sicht reine Verschwendung und der sichere Ruin - aus sozialpädagogischer Sicht eine zentrale Aufgabe der Gesellschaft.


Mit der Kritik des Sozialstaates kam es folgerichtig auch zur Kritik der geltenden und im Sozialstaat praktizierten Sozialen Arbeit.
Der Sozialen Arbeit wurde jetzt „ineffektive wohltätige Gefühlsduselei“ vorgeworfen, die eine Wohlfahrtsabhängigkeit nach sich ziehe (vgl. Böhnisch et al. 2005, S. 118f). Die bisher im Sozialstaat zumindest in Grenzen anerkannte Profession Soziale Arbeit wurde nun zunehmend skeptisch betrachtet, ihre bis dahin akzeptierte fürsorglich altruistische Motivation sowie ihr Anspruch auf Allzuständigkeit und umfassende Kompetenz wurden als Hybris in Frage gestellt bzw. als anmaßende, potentiell entmündigende Machtausübung gegenüber ‚klientifizierten’‚ AdressatInnen kritisiert (vgl. Ziegler 2008, S. 164).
Die neoliberale Kritik am Sozialstaat machte und macht diesen zum Schuldigen an der sozialen und ökonomischen Situation Ende des alten und Anfang des neuen Jahrhunderts: So lautet z. B. einer der Vorwürfe, im Sozialstaat würde die Höhe der Leistungen im Falle von Arbeitslosigkeit die Motivation der Menschen untergraben, sich unter allen Umständen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen.

Mit der Sozialstaatskritik wurde bis heute ein Bild der Sozialen Arbeit in die Öffentlichkeit hinaus posaunt, das vielleicht der Sozialen Arbeit in den 50er Jahren gerecht wurde, aber auf eine Soziale Arbeit, die sich im Rahmen der 2. Moderne selber entscheidend reformiert und als lebensweltlich orientierte Profession selber längst Konzepte entwickelt hatte, die eine verstärkte Subjektorientierung, die die Aufwertung und den Respekt ihrer Klientel gegenüber, zu einem ihrer zentralen Handlungsorientierungen erklärte, überhaupt nicht mehr passte.
Die Umsetzung der Lebensweltorientierung in der Praxis vollzog sich allerdings nicht schnell und umfassend genug.
Die Neoliberale aktivierende Soziale Arbeit greift die Ziele und Begriffe der LWO auf und versucht den Eindruck zu erwecken, sie käme, um die Soziale Arbeit zu retten und ihr endlich zu ermöglichen, ihre eigenen Ziele umzusetzen.


Fazit: Bedeutung dieser Folgen für die Soziale Arbeit
Die Begrenzung der erforderlichen Ressourcen ist nur eine Folge der Ökonomisierung.
Die Veränderungen wirken sich ebenfalls auf den Prozess der Erbringung sozialer Dienstleistungen selber aus und damit auch auf die Definition der Aufgaben und der Zielgruppen Sozialer Arbeit. Und nicht zuletzt verändern sie die Binnenstruktur, also z.B. die Organisation, die Sprache, die Bedeutung bestimmter Bezugswissenschaften, die intentionale Ausrichtung und die Methoden der Sozialen Arbeit.

Soziale Arbeit als in diesem Sinne ökonomisierte Soziale Arbeit ist damit nicht mehr in der Lage ist, ihre Ziele, Wege und Zielgruppen selber zu bestimmen. Sie Was die Soziale Arbeit betrifft, wird durch die Ökonomisierung vor allem das Tor weit geöffnet für eine neue Soziale Arbeit, die sich von ihren sozialpolitischen Aufgaben und von ihrer an fachlich und ethische Prinzipien gebundenen Professionalität verabschiedet.

Die Veränderungen und Herausforderungen der neoliberalen Politik und der Ökonomisierung führen zu einer Abwendung der Sozialen Arbeit von ihren fachlichen und ethischen Grundsätzen.
M.S.


weitere Informationen zum Thema:
s. unter Literatur (Fachbücher und Fachartikel)

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