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Sprache der Ökonomie - sollen wir sie aus pragmatischen Gründen sprechen

„Das Selbstverständnis von Sozialer Arbeit lässt keine Wirtschaftlichkeit zu!“

Wie und warum stehen fachliche Standards einer Wirtschaftlichkeit entgegen?

  1. 1.Definitionen:

  • Ökonomie, Wirtschaft– Der Bereich der Gesellschaft, der die Produktion und die Verteilung von Waren betrifft –
  • Wirtschaftlichkeit - Prinzip Geld so ausgeben, dass es nicht verschwendet wird: relevant für alle Volkswirtschaften und immer auch relevant für die Soziale Arbeit
  • ökonomisches System - Struktur, wie die Ökonomie gesellschaftlich organisiert und durch entsprechende politische Machtverhältnisse geregelt ist – unser ökonomisches System ist der Kapitalismus
  • Ökonomisierung - Tendenz, die der Kapitalismus als „entfesselter Kapitalismus“ durch die neoliberale Politik entwickelt hat und massiv und allgemein durchsetzt:
  • Wenn wir von einer Ökonomisierung der Sozialen Arbeit sprechen, handelt es sich also um eine Überstülpung der Marktprinzipien über gesellschaftliche Bereiche, hier die Soziale Arbeit, die bis dahin als Non-Profi-Bereich gesellschaftlich akzeptiert wurden.


    Hier, bei unserer Fragestellung, geht es also darum, dass die Soziale Arbeit dem Prozess der Ökonomisierung unterzogen wird. (Nicht um die Frage von Wirtschaftlichkeit im Sinne einer sinnvollen Ausgabe öffentlicher Gelder. Das ist selbstverständlich und immer Prinzip der Sozialen Arbeit gewesen).

Ökonomisierung bedeutet damit für die Soziale Arbeit:
Vorrang der wirtschaftlichen Aspekte auch im Sozialen

Das hat Folgen:

Angleichung des Sozialen Leistungsbereiches an marktwirtschaftliche Kriterien und Bedingungen.

  • Alle Modernisierungsprozesse, die im Rahmen der Ökonomisierung innerhalb der Sozialen Arbeit vollzogen wurden, sollten und sollen in erster Linie dem Zweck der Kostendämpfung dienen. Eine Verknappung der Mittel wird ja als Normalfall angesehen. Es geht nicht einfach nur darum, möglichst wirtschaftlich mit Geld umzugehen, sondern darum, auf alle Fälle mit möglichst wenig Geld auszukommen.
  • Die Möglichkeit, dass mehr Effektivität, mehr und bessere Qualität vielleicht auch mehr Kosten bedeuten könnten, ist nicht vorgesehen und wird von daher von vorneherein ausgeschaltet. Die Frage, welche Mittel Soziale Arbeit für den aus fachlicher Sicht angestrebten Output im konkreten Fall tatsächlich brauchen würde, darf und kann gar nicht gestellt werden.
  • Effizienz als allgemeine Grundorientierung der Ökonomie bedeutet, dass Kostendämpfung und Mitteleinsparung immer unmittelbare Ziele dieses Prozesses sind. So ist auch der gesamte Modernisierungsprozess der Sozialen Arbeit von Anfang an vor dem Hintergrund der erwünschten Kostendämpfung zu sehen
  • Effizienz ist das herrschende Prinzip des gesamten Ökonomisierungsprozesses. Es stellt sich die Frage, ob eine solche Vorstellung von Effizienz mit einem fachlichen Verständnis Sozialer Arbeit kompatibel ist oder ob es Widersprüche zwischen Fachlichkeit und Effizienzprinzip geben kann. Aus fachlicher Sicht gibt es für die Rationalisierbarkeit Sozialer Arbeit Grenzen: Sie dürfen nicht zu Verlusten an Fachlichkeit und Qualität der Leistung führen.

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Ökonomisierung

Im Rahmen der Ökonomisierung findet eine Vermarktlichung der Sozialen Arbeit statt.


Ökonomie und Ökonomisierung
Wenn man Ökonomie zunächst nur neutral als die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen definiert, die der planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs dienen, so kann der Feststellung nur zugestimmt werden, dass natürlich auch die Soziale Arbeit als gesellschaftliche Instanz nicht außerhalb ökonomischer Gesetze steht (vgl. z.B. Mühlum 2009, S. 18; Albert 2008, S. 45). Sie kostet z.B. Geld. Sie kann ihre Arbeit nicht für Luft und Liebe erledigen.
Und natürlich muss sie sich als gesellschaftliche Kraft darum bemühen, mit dem ihr anvertrauten Geld der Steuerzahler verantwortungsbewusst umzugehen.
Das, was wir unter Ökonomisierung der Sozialen Arbeit verstehen, ist aber etwas anderes. Hier geht es nicht um einen verantwortlichen Umgang mit Geld, sondern um die grundsätzliche und vollständige Unterwerfung der Sozialen Arbeit unter die Gesetze der Ökonomie und zwar der Ökonomie des freien Marktes
Wenn man Ökonomie zunächst nur neutral als die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen definiert, die der planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs dienen, so kann der Feststellung nur zugestimmt werden, dass natürlich auch die Soziale Arbeit als gesellschaftliche Instanz nicht außerhalb ökonomischer Gesetze steht (vgl. z.B. Mühlum 2009, S. 18; Albert 2008, S. 45). Sie kostet z.B. Geld. Sie kann ihre Arbeit nicht für Luft und Liebe erledigen.
Und natürlich muss sie sich als gesellschaftliche Kraft darum bemühen, mit dem ihr anvertrauten Geld der Steuerzahler verantwortungsbewusst umzugehen.

Ökonomisierung als Erscheinungsform des neoliberalen Staates
Nun gibt es nicht die eine Ökonomie. Es gibt immer nur die konkrete Ökonomie, die an konkrete gesellschaftliche, historische und politische Verhältnisse gebunden ist.
So stellt z.B. Staub-Bernasconi zu Recht fest, dass nicht die Wirtschaft einer Gesellschaft als solche mit den Zielen und Inhalten der Sozialen Arbeit unverträglich sei, dass es vielmehr auf die Frage ankomme: „Wie verträgt sich die Wahl der Wirtschaftsform mit der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und gesellschaftlicher Entwicklung?“ (Staub-Bernasconi 2007a, S. 476).
Ökonomie ist immer und natürlich auch hier und heute mit unterschiedlichen Interessen gesellschaftlicher Gruppen und deren unterschiedlicher Voraussetzungen hinsichtlich der Besitzverhältnisse verbunden. Als herrschende Ökonomie wird sie von der herrschenden Ideologie einer Gesellschaft gestützt und abgesichert. Sie ist also nicht als wertneutral zu sehen, sondern muss von ihrer Interessenlage her begriffen werden.
Konkret müssen wir heute von der Wirtschaftsform ausgehen, die in unserer Gesellschaft besteht. Kennzeichen der derzeitig herrschenden Ökonomie in der 2. Moderne ist der neoliberale, freie Marktwirtschaft.
Sie hat sich nach dem Zusammenbruch des Sozialismus und im Kontext der Globalisierung in den westlichen Ländern dieser Welt als „entfesselter Kapitalismus“ etabliert und stellt alles unter die eine Maxime, dass nämlich das Wohlergehen der Menschen einzig davon abhängt, wie gut es der Wirtschaft geht. Sie ist vorrangig und alternativlos an Gewinnmaximierung interessiert und nicht an der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und gesellschaftlicher Entwicklung – es sei denn, dieses fördert wiederum ihre eigenen Gewinninteressen.
Die neoliberale freie Marktwirtschaft hat den Anspruch, alles und alle Bereiche der menschlichen Gesellschaft unter die Marktgesetze zu stellen und wie ein Marktgeschehen zu führen.
Diesen Anspruch und diesen Prozess bezeichnet man als Ökonomisierung.
Das bezieht sich tatsächlich auf alle Bereiche der Gesellschaft einschließlich solcher Bereiche, die bisher – im Kapitalismus der 1. Moderne – einvernehmlich als nicht marktfähig und nicht marktförmig betrachtet und behandelt wurden, also auch die Bildung, das Gesundheitswesen, die Kultur und nicht zuletzt der soziale Bereich der Gesellschaft.
Alles wird instrumentalisiert und benutzt, um eine Gesellschaft herzustellen und aufrechtzuerhalten, in der nicht die Bedürfnisse von Menschen zählen, sondern die „alternativlosen“ Erfordernisse des kapitalistischen Marktes. Menschen haben nur noch die Funktion von Humankapital und sind verpflichtet, ihren Teil eigenverantwortlich zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen beizutragen. Sie sind nicht mehr die Souveräne der Gesellschaft, sondern die DienerInnen der Wirtschaft.

Sparinteresse im Sozialen und Kostenbremse
Zugrunde liegen diesen ökonomisierenden Neuerungen oder Reformen, wie sie im Modernisierungsverständnis genannt werden, also politische Entscheidungen.
Und die haben wiederum mit den konkreten Machtverhältnissen und mit der Machtakkumulation der Kräfte zu tun , die in dieser Gesellschaft über den Reichtum der heutigen Menschheit verfügen (10% besitzen 70 % des Reichtums). Ihr Interesse ist der ungebremste und immer weiter voranschreitende Gewinn und damit die Unterwerfung aller Vorgänge und menschlichen Bereiche unter Gesetze, die diesen Gewinn sichern (z.B. Flexibilität, höher, schneller, weiter, ständiges Wachstum etc.). Damit einher geht der Wunsch, die Ausgaben des Staates für Soziales so niedrig zu halten wie eben möglich.
Anlass und Ausgangspunkt für den Prozess der Ökonomisierung im sozialen Bereich waren deshalb zunächst die steigenden Kosten. Der Sozialstaat geriet aufgrund der steigenden Sozialausgaben zunehmend in die Kritik: Die steigenden Kosten der sozialen Sicherung wurden als bedrohliche Entwicklung für die Gesellschaft angesehen. Der Sozialstaat galt als unbezahlbar.
Er galt als überholt und als Fessel einer freien ökonomischen Entwicklung des Marktes (vgl. Galuske 2002, S. 193ff). Der Sozialstaat schien als Medium der Modernisierung nicht mehr geeignet.

Verhältnis von Sozialer Arbeit und Ökonomie unter den Bedingungen der Ökonomisierung
Ökonomisierung ist kein Prozess zwischen zwei gleichberechtigten Partnern. Die Ökonomie des neoliberalen Verständnisses von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik hat den Anspruch, alles, auch und vielleicht gerade die Soziale Arbeit unter ihren Gesetzen und Regeln neu zu gestalten. Ökonomisierung bedeutet in unserer konkreten, historischen Situation die Überstülpung der neoliberalen, also ungebremsten, so genannten freien Marktlogik und der Marktinteressen über alle gesellschaftlichen Bereiche, u. a. eben auch der Sozialen Arbeit.
Zitat Hassemer: „Es wird von vielen Akteuren versucht, Soziale Arbeit so zu appretieren, dass sie ökonomisch anschlussfähig ist. Diese Zurichtung auf ökonomische Kriterien ist es, was ich … als Technisierung bezeichne: das Bestreben, Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit aus der Sicht der Ökonomie systematisch zu rekonstruieren, zu bewerte und zu gestalten.
Dass die Profession zum Teil diesen Prozess selber mitmacht, ändert nichts daran, dass hier die Ökonomie die Soziale Arbeit nach ihrem Willen umgestaltet.

Die Ökonomisierung hat in der Sozialen Arbeit folgende Veränderungen mit sich gebracht:
1. Vermarktlichung der Sozialen Arbeit - Veränderung der Außenstruktur der Sozialen Arbeit

• Neue Steuerung und Kontraktmanagement : Verhandlungen zwischen Unternehmen und Outputorientierte Finanzierung
• Privatisierung und Deregulierung: Gemeinnützige Träger sind den Gewinnorientierten Trägern gleichgestellt. Der Staat beschränkt sich in seiner Rolle auf die Aushandlung knapper Budgets und auf Kontrolle
• Einrichtungen und Träger werden Unternehmer: Sozialmarkt und Wettbewerb zwingen zu unternehmerischem Verhalten
• Effizienz als zentrales Grundprinzip der Ökonomisierung: Sparstrategien werden immer weiter getrieben. Effizienz steht über Fachlichkeit


2. Verbetriebswirtschaftlichung der Sozialen Arbeit - Veränderung der Binnenstruktur der Sozialen Arbeit

• Logik der Betriebswirtschaft setzt sich durch: Sozialen Arbeit gibt ihre eigene Sprache und Logik zugunsten des Betriebswirtschaftlichen Denkens zunehmend ab
• Messbarkeit der Qualität Sozialer Arbeit : Was nicht messbar ist, wird nicht finanziert
• Wirkungs- und Output Orientierung: Finanziert wird nur, wenn Erfolge nachweisbar sind. Was als Erfolg gilt, wird nicht fachlich sondern aus betriebswirtschaftlicher Logik abgeleitet.
• Betriebswirtschaftliches Verständnis von sozialen Strukturen: Ganzheitliche Sicht, Soziale Prozesse, Kommunikation und Beziehungen sind der Betriebswirtschaft fremd und gehen in Produktmerkmalen und Leistungsbeschreibungen aber auch im fachlichen Denken der PraktikerInnen allmählich verloren.
• Dienstleistungsbegriff und der Begriff Kundenorientierung: Beide Begriffe werden der Arbeitssituation der Sozialen Arbeit und unserer Klientel nicht oder nur zu einem Teil gerecht und schließen ganze Praxisbereiche und „ineffiziente Klienten“ aus.

3. Industrielle Produktion Sozialer Arbeit

• Soziale Arbeit wird als technischer Prozesse angesehen: Damit sind die elementaren Aspekte der Sozialen Arbeit außerhalb der Betrachtung.
• Senkung der Produktionskosten durch Standardisierung: Standardisierung deprofessionalisiert die Soziale Arbeit, macht ihre wissenschaftliche Grundlage für praktisches Handeln überflüssig und übrig bleibt „Fast Food Soziale Arbeit“.
• Rationalisierung: Die Grenzen der Rationalisierbarkeit der Sozialen Arbeit liegen dort, wo die Soziale Arbeit grundlegend verändert und ihre Fachlichkeit durch die Rationalisierungsabsichten bedroht wird
• Instrumentalisierung von Menschen: Nicht die Entwicklung zur eigenständigen Persönlichkeit und der Wert des Menschen und seine Menschenrechte stehen im Vordergrund sondern die Formung von gebrachsfähigem und effektivem Humankapitel


Weiter unten wird es um die Ergebnisse und Folgen der Ökonomisierung für die Soziale Arbeit gehen und um die Frage, ob die Folgen Randerscheinungen sind oder ob sie die Soziale Arbeit sozusagen ins Herz treffen.

M.S.


weitere Informationen zum Thema:

s. unter Literatur (Fachbücher und Fachartikel)

und      hier