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Um es mit Hans Thiersch zu sagen:

"Wer hängt der Katze die Schelle um?"

Politisierung der Sozialarbeiter/-innen – eine Zukunftschance!

Ebenen eines widerständigen Handelns

Politisches Handeln kann sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen zeigen. Dabei gibt es weder eine Hierarchie der Wichtigkeit noch eine notwendige Reihenfolge. Sinnvoll ist es, überall dort politisches Handeln zu entwickeln, wo es möglich und mensch die Kraft dafür findet.

 

Reflexivität oder das Durchdringen von politischen Strukturen

Galuske (2002) bezeichnet Reflexivität als das „Gegengift“ gegen die neoliberalen Zumutungen im Sinne eines „Durchschauens der Verhältnisse“. Reflexivität liefert Denkangebote, welche das Verständnis für die Wirklichkeit und die darin enthaltenen Bedingungsgefüge erleichtern, stellen Bütow, Chassé und Hirt fest (2008, S.231). Sie ermöglicht das Begreifen der Zusammenhänge, das Durchschauen von nur scheinbaren begrifflichen Ähnlichkeiten und von gesellschaftlichen Hintergründen.Folgende Schritte sollten dabei vollzogen und z.B. auch auf ganz konkrete praktische Problemlagen aus dem Alltag angewandt werden: 

  • Bewusstwerden der eigentlichen Möglichkeiten, Aufgaben und der notwendigen Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit
  • Erlernen, Üben eines bewussten und diskursiven Umgangs mit der eigenen Fachlichkeit;
  • Durchdringen der politischen Hintergründe der gegenwärtigen (Fehl-) Entwicklung;
  • Begreifen der Tatsache, dass Soziale Arbeit immer politisch wirkt, ob sie will oder nicht.

 

Widerstand und Beharren auf Fachlichkeit im beruflicher Alltag der Sozialen Arbeit

Dort, wo Sozialarbeiter /-innen die Einschränkungen und prekären Bedingungen ihrer Arbeit täglich erfahren, ist auch ein Ort für ihr politisches Handeln. Sowohl im Umgang mit den Adressat /-innen als auch im Umgang mit Kolleg/-innen, Vorgesetzen sowie mit Vertreter/ -innen von Trägern und Verwaltung zeigt es sich, ob eine Sozialarbeiter/-in sich politisch und parteilich versteht.

 

Umgang mit den Adressat/-innen

Es gilt, ein Bewusstsein für die Problematik von Klient/-innendiskriminierung zu entwickeln. Dazu gehört unter anderem:

  • eine kritische Reflexion des Menschenbildes, das die Fachkräfte von „ihren“  Adressat/-innen in der Sozialen Arbeit haben. Von welchen Normen und gesellschaftlich geteilten Bildern über bestimmte Gruppen geht die Soziale Arbeit heute in ihren Angeboten und Konzeptionen aus? Sollen die Adressat/-innen integriert, verändert und aktiviert werden, oder will die Soziale Arbeitsie dabei unterstützen, ihr Leben mehr und mehr selber in die Hand zu nehmen?
  • ein wachsamer Umgang mit verinnerlichten Macht- und Unterdrückungsverhältnissen, die Eingang in unsere Sprache gefunden haben
  • ein solcher diskriminierungssensibler Umgang mit Sprache beinhaltet ein Hinterfragen des eigenen Handelns. Wie kategorisiere ich die Adressat/-innenin Projektberichten,Förderanträgen oder Projektberichten? Wie spreche ich über sie mit Kolleg/-innen und Kooperationspartner/-innen?

 

Umgang mit Vorgesetzen, Trägern und Geldgebern
Hier geht es um das „Beharren auf den Kernelementen unserer Profession“ (Seithe 2010; Galuske 2002, 2008; Dollinger 2006, S. 18). Dabei besteht der „Widerstand“ im Wesentlichen darin, auf fachlichen Bedingungen, ethischen Maximen und einer wissenschaftlich fundierten, professionellen  Handlungsorientierung zu bestehen. Um der sich daraus ergebenden Auseinandersetzung standhalten zu können, bedarf es klarer Argumentationslinien. Diese helfen dabei, bestehende Widersprüche aufzuzeigen, damit sichtbar wird, dass es unter den gegebenen Bedingungen unmöglich ist, tatsächlich fachlich qualifizierte Soziale Arbeit zu machen. Auf dieser Basis ist es dann auch argumentativ unterfüttert möglich, fragwürdige Aufträge an die Entscheidungsträger/-innen zurückzugeben und genau zu benennen, welche Rahmenbedingungen da sein müssen, damit die Aufgabe fachlich vertretbar umgesetzt werden kann. Soziale Arbeitmuss es also aushalten, als sperrig und unbequem erlebt zu werden. Die Handlungsmöglichkeiten für Auseinandersetzungen sind am eigenen Arbeitsplatz durchaus begrenzt. Viele Kolleg/-innen versuchen, am Arbeitsplatz zu schweigen und nur außerhalb ihres Arbeitsfeldes politisch zu denken und zu handeln. Es ist aber sowohl im Interesse der eigenen Psychohygiene als auch im Interesse der Profession, sich zu einer erkennbaren Haltung durchzuringen und immer wieder kritisch und offen Stellung zu beziehen.

 

Soziale Arbeit sollte sich für politische Aufgaben weiter qualifizieren
Das Wahrnehmen des politischen Auftrags der Sozialen Arbeit außerhalb der eigenen Arbeit bedarf allerdings eines Wandels in der Selbstwahrnehmung von Sozialarbeiter/-innen auf dem politischen Parkett. Hilfreich wäre ein stärkeres Selbstverständnis von Sozialarbeiter/-innen als Interessensgemeinschaft, zumindest an Schnittpunkten. So wird es möglich, sich auch trägerübergreifend informell auszutauschen und zu ermutigen, sich nach innen und außen hin zu solidarisieren und konkret – z.B. in politischen Gremien – zu unterstützen. Hier ist auch die Ausbildung an den Hochschulen gefragt, solidarisches Handeln zu fördern, statt Entsolidarisierung in einer ausschließlich leistungsorientierten Studienstruktur zu begünstigen. Außerdem gilt es, den angehenden Sozialarbeiter/-innen Übungsflächen für selbstbewusstes und qualifiziertes öffentliches Auftreten zu bieten, sie also frühzeitig sowohl bei der Mitarbeit in Hochschulgremien zu unterstützen als auch anzuregen, sich auf Fachtagungen und Veranstaltungen als „Expert/-innen für das Soziale“ zu begreifen und einzubringen.
 

Wahrnehmung des politischen Mandates nach außen

Wichtig sind politische Aktivitäten außerhalb des „Dunstkreises“ der eigenen Einrichtung und des eigenen Trägers. Hier bietet sich zudem eher die Möglichkeit, gemeinsam zu handeln und Gleichgesinnte und Bündnispartner zu finden. Als Expert/-innen des Sozialen dürfen Sozialarbeiter/-innen nicht schweigen, wenn Menschen in den Medien diskriminiert oder wenn z.B. der Abbau von Jugendarbeit mit fragwürdigen Argumenten wie dem demographischen Wandel legitimiert werden soll. Es gibt auch für den/die einzelne Fachkraft an der Basis oder für kleine informelle Gruppen aktiver Sozialarbeiter/-innen durchaus die Möglichkeit, sich über öffentlich zugängliche Medien einzumischen und Stellung zu beziehen sowie durch Aktionen die Öffentlichkeit auf die Misere der Jugendarbeit und die Kürzungspolitik aufmerksam zu machen und Druck aufzubauen.

 

Professionsbewusstsein gegen Zersplitterung der Sozialen Arbeit

Es ist wichtig, dass Sozialarbeiter/-innen und Sozialpädagog/-innen gemeinsam für ihre Profession stehen und entdecken, dass es nicht darum gehen kann, die zu kurze Decke untereinander hin und her zu zerren. Soziale Arbeit ist ein sozialpolitisches Gesamtprojekt. Das Herauslösen bestimmter Arbeitsfelder oder Zielgruppen im Sinne von „teile und herrsche!“ ermöglicht es, sie gegeneinander zu treiben. Daher sollten sich Sozialarbeiter/-innen nicht gegen andere Bereiche der Sozialen Arbeit ausspielen lassen.

 

Solidarisierung  auf  Mitarbeiter/-innenebene

Gerade vor dem Hintergrund von Konkurrenz(druck), Effektivitätsanforderungen, Profilierungszwängen und den daraus resultierenden Kämpfen um Arbeitsplätze, Teilnehmer/-innen, Mittel, Zuweisungen etc., aber auch angesichts der prekären Arbeitssituation vieler Beschäftigter ist es von entscheidender Bedeutung, sich nicht vereinzeln zu lassen (vgl. Schreier 2012). Konkurrenz, Druck und Abhängigkeit sind vorhanden und dürfen keinesfalls verschleiert werden. Erste Schritte können hier der Austausch zu Arbeitsbedingungen und Arbeitszufriedenheit auf Mitarbeiter/-innenebene sein. Zudem gibt es viele Möglichkeiten, sich solidarisch zusammenzuschließen: in thematischen, regionalen, zielgruppenspezifischen, stadteilbezogenen oder auch Anlass bezogenen Arbeitsgruppen, in Fachschaften, Berufsverbänden, Gewerkschaften, auf Tagungen, Konferenzen, Workshops und Fortbildungen bis hin zu Blogs, Newsletter (vgl. z.B. die Internetplattform des Unabhängigen Forums kritische Soziale Arbeit“: www.einmischen.com). Kollektiv lässt sich vieles deutlich machtvoller, aber auch „gefahrloser“ (für die einzelne Beschäftigte oder den einzelnen Träger bspw.) an die (Fach)-Öffentlichkeit bringen. Die Erfahrung hat gezeigt: je breiter und heterogener ein solches Kollektiv aufgestellt ist, desto schwerer „angreifbar“ und damit schlagkräftiger kann Soziale Arbeit agieren! (vgl. Schreier 2012).

 

Politische Soziale Arbeit als Teil gesellschaftskritischer Bewegungen

Soziale Arbeit ist sind nicht alleine betroffen von den neoliberalen gegenwärtigen Entwicklungen und Herausforderungen. Die Probleme finden sich auf allen Feldern der Gesellschaft und in allen Lebensbereichen wieder. Es handelt sich bei dem angezeigten Widerstand, bei der notwendigen Politisierung unserer Profession nicht um ein berufsständisches Problem, das wir alleine für uns tragen und abhandeln müssten. Ganz im Gegenteil: Die Soziale Arbeit steht für ein  aufgeklärtes gesellschaftliches Menschenbild, für einen demokratischen und humanen Umgang mit Menschen, für Menschenrechte und Gerechtigkeit im Sinne einer Gleichwertigkeit von Menschen und Gruppen innerhalb einer Gesellschaft. Der Kampf um die Erhaltung unserer fachlichen, ethischen und politischen Konzeptionen und Strukturen ist verbunden mit dem Bemühen vieler in dieser Gesellschaft, um eine wirkliche Demokratie, um das Zurückdrehen menschenverachtender Armutspolitik und um die Wiedergewinnung der Höherwertigkeit menschlicher Belange  gegenüber ökonomischen Interessen und finanziellen Gewinnchancen. „Wir“ Sozialarbeiter/-innen stehen also nicht alleine. Es gibt Bündnispartner/-innen. Allerdings wissen viele davon gar nicht, dass wir zu ihnen gehören und auf ihrer Seite stehen. Es ist eine Frage unserer Politisierung und unserer konsequenten Einmischung, ob sich das ändert.

Friederike Lorenz

Mechthild Seithe

 

Literatur

Bütow, B./Chassé, K.A. /Hirt, R. (2008) (Hrsg.): Soziale Arbeit nach dem Sozialpädagogischen Jahrhundert. Positionsbestimmungen Sozialer Arbeit im Post-Wohlfahrtsstaat. Opladen.

Dollinger, B. (2006): Salutogenese. In: Dollinger, B./Raithel, J. (Hrsg.): Aktivierende Sozialpädagogik. Ein kritisches Glossar. Wiesbaden, S. 173ff.

Galuske, M. (2002): Flexible Sozialpädagogik. Elemente einer Theorie Sozialer Arbeit in der modernen Arbeitsgesellschaft. Weinheim.

Galuske, M. (2008): Fürsorgliche Aktivierung – Anmerkungen zu Gegenwart und Zukunft Sozialer Arbeit im aktivierenden Staat. In: Bütow/Chassé/Hirt, S.9-28.

Seithe, M. (2011): Schwarzbuch Soziale Arbeit. Wiesbaden.

Schreier, M. (2012): In: Unabhängiges Forum für kritische Soziale Arbeit: Zukunftswerkstatt Soziale Arbeit. Berlin.

Kommentare  

 
Ruth Luschnat
#1 Ruth Luschnat 2012-10-16 08:49
ein wichtiger Artikel, der darauf hinweist, was gerade droht, wenn wir uns nicht wehren.


verdiehenhttp://www.labournet.de/diskussion/wipo/gesund/rakowitz5.html

Im Sozialen und für die Gesundheit ist zuviel Konkurrenz Gift, das am Ende das Gemeinwohl zu einem Abzockgebiet macht und am Ende mehr Schaden hinterläßt, an dem wieder welche mehr verdiehnen können...

Wie für ein soziales Europa streiten?

muss auch gerade von der BRD aus die Frage lauten......wei l von hier aus die repressive neoliberale Schock Strategie formuliert wird, ohne dass hier auch die Reichen besteuert ( etwa wenn sie auf dem Wohnungmarkt versuchen reicher zu werden ) werden, die mit den hiesigen Reichen zusammen an der Abzocke verdiehnen, die das oberste Gebot wird.

Ruth
 

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